Lebendige Leidenschaft

Moto Guzzi V85 TT: Großartig! Trotzdem nervt sie …

Motor
06.04.2019 10:39

Das hätten vor wenigen Jahren nicht viele für möglich gehalten: Moto Guzzi baut eine absolut zeitgemäße, moderne Mittelklasse-Reiseenduro! Stolz kann die V85 TT ihren brandneuen V2-Motor wie ein Victory-Zeichen tragen, denn sie könnte dem italienischen Traditionshersteller mit dem Adler im Logo zu neuen Höhenflügen verhelfen. Ein wenig Italophilie braucht es aber trotzdem.

(Bild: kmm)

Das eigentliche Zeichen des Stolzes ist der LED-Adler, der die Doppelscheinwerfer wie eine Spange verbindet und auch als Tagfahrlicht dient. Willkommen in der Neuzeit! Zwei Jahre vor den Festivitäten zum hundertjährigen Bestehen der Guzzi-Schmiede emanzipiert sich die Moto Guzzi V85 TT von der einst erfolgreichen (acht Weltmeistertitel in den 1950er-Jahren), zuletzt aber eher schwierigen Marken-Vergangenheit und erhebt sich auf Adlerschwingen über den auf purer Liebhaberei aufbauenden Fuhrpark. Aber ohne Verrat an ihrer Herkunft zu betreiben.

Der Motor ist moderner, als er aussieht
So weist der traditionell längs eingebaute, luftgefühlte 90-Grad-V-Twin mit 853 ccm zwar dieselbe Kubatur auf wie etwa der in den eher schwachbrüstigen V9-Modellen mit ihren 55 PS und 62 Nm, aber sonst liegen Welten dazwischen, der neue wurde komplett überarbeitet und ist nun erstmals tragender Bestandteil des Rahmens. Titanventile, eine neue Schmierung, die den Ölkühler überflüssig macht, neue Kurbelwelle, neue Kolbenstangen etc. ermöglichen immerhin 80 PS und ein kräftiges maximales Drehmoment von 80 Nm ab 5000/min. Die Kraftübertragung erfolgt via Kardanwelle - einzigartig in der Klasse!

Sanft vibrierend und vor allem mit zwar gemäßigtem, aber dennoch herrlichem V2-Sound, lässt sich die Italienerin nicht lange bitten und schiebt kräftig an. Immerhin liefert sie ab 3750/min. bereits 90 Prozent des Maximaldrehmoments ab. Auch oben raus lässt sie nicht nach, wir haben hier den ersten Guzzi-Motor dieser Größe, der bis 8000 Touren drehen darf! Und erst kurz davor gibt es die Maximalleistung.

Sparsam ist sie auch noch. Zwischen viereinhalb und fünf Liter auf 100 Kilometer schluckte sie im Test, was dank 23-Liter-Tank für famose Reichweiten sorgt.

Und wie fährt sie sich?
Man mag von der Moto Guzzi V85 kaum absteigen - gut, dass die Reichweite passt! Der Sitz ist sehr bequem (zwei alternative Sitzhöhen optional als Zubehör), auch die Sitzposition ist ziemlich gemütlich. Aufrecht und eher passiv zwar, aber gut für lange Reisen. Zum Kurvenräubern mag sich mancher mehr Vorderradorientierung wünschen, aber für einen Enduro-Cruiser passt das gut. Außerdem: Natürlich machen Kurven mit der Guzzi Spaß! Mit dem hohen, breiten Lenker lässt sie sich spielend leicht umlegen, sie lenkt sauber ein, das Fahrwerk arbeitet prägnant und vertrauenerweckend. Okay, sie bringt vollgetankt 229 kg auf die Waage, aber seien wir uns ehrlich: So viel ist das auch wieder nicht. Es entspricht exakt dem offiziellen Gewicht derBMW F 850 GS, die zwar 15 PS mehr hat, aber als Testbike im vollen Ornat dann doch 254 kg wog.

Der nicht allzu große Windschild ist in drei Höhen arretierbar, allerdings unverständlicherweise nicht ohne Werkzeug. Der passende Inbusschlüssel steckt unterm Sattel. Der Windschutz ist mittelmäßig, aber immerhin erzeugt die Scheibe keine störenden Turbulenzen am Helm.

Sehr cool: Schalt- und Fußbremshebel lassen sich mit einem weiteren Inbusschlüssel in Sekundenschnelle einstellen! Auch die Handhebel sind verstellbar. Ohne Werkzeug. Der Lenker auch. Mit Werkzeug.

Fahrmodi und Assistenten
Die Gasbefehle werden per Ride by Wire übertragen, deshalb konnte Moto Guzzi auch eine Traktionskontrolle sowie drei Fahrmodi implementieren. „Road“ ist eh klar, „Rain“ schärft die Traktionskontrolle und dämpft die Gasannahme; „Offroad“ gibt der Traktionskontrolle mehr Spielraum und schaltet das ABS am Hinterrad ab. Am Vorderrad lässt das ABS mehr Rutschen zu und es kann auch komplett deaktiviert werden.

Top: Es gibt einen Tempomaten - der ist aber schwierig zu bedienen (siehe unten).

Die Sache mit dem TT
Das TT im Namen kommt natürlich nicht von „Tourist Trophy“, schließlich handelt es sich nicht um ein Rennmotorrad, sondern um einen Enduro-Cruiser. TT steht für „Tutto Terreno“, was „jedes Gelände“ bedeutet. Und tatsächlich kann die Guzzi auch offroad. 170 Millimeter Federweg vorne wie hinten, 21 Zentimeter Bodenfreiheit und ein Alu-Motorschutz laden zu Ausflügen ins Outback ein. Mit Drahtspeichenrädern im Format 110/80-19 vorne und 150/70-17 hinten kann man schon was anfangen. Bereifung gibt‘s je nach Fasson.

Das Manko ist die Bedienung
So weit alles sehr erfreulich. Doch wie absichtlich, wie wenn die Moto Guzzi V85 TT nicht perfekt sein dürfte, haben ihre Väter im Detail geschlampt oder sich im Spieltrieb verloren. Das TFT-Display ist nicht nur klein, es ist vor allem unübersichtlich gestaltet und nicht ganz leicht abzulesen, weil kontrastarm. Babyblau und Hellgrau auf Weiß! Wer kommt denn auf so eine Idee? Und da reden wir noch nicht von direkter Sonneneinstrahlung. Eigentlich wäre es sehr informativ, und auch die Logik des Bordcomputers passt. Fein ist die USB-Buchse daneben (eine zweite gibt es optional unterm Sitz).

Und dann diese schwammigen Knöpfe. Beim Abschalten des Blinkers gibt der Schalter keinerlei Feedback. Noch übler fühlt sich der Tempomat-Regler an. Da ist die Bedienung geradezu Glückssache. Und: Wenn er gerade inaktiv ist, blinkt ein grünes Lämpchen, als wäre der Blinker an. So etwas kann doch niemand entworfen haben, der schon einmal Motorrad gefahren ist?! Außerdem fährt man oft versehentlich mit Fernlicht, weil der Schalter zu weit herausragt und man beim Ziehen des Kupplungshebels grundsätzlich anstreift.

Darüber hinaus hat die Kupplung einen seltsamen Schleifpunkt, das mag aber Einstellungssache sein. Keine Klagen jedoch über die Brembos mit den beiden 320er-Scheiben und Vierkolbenzangen vorn sowie der 260er-Scheibe samt zwei Kolben hinten.

Unterm Strich
Die Guzzi erfreut das Herz mit ihrem angenehmen Wesen, guten Manieren, klarem Fahrverhalten, großem Tank und einem charakterstarken Motor. Außerdem mit liebevollen Details wie den einstellbaren Fußhebeln. In Sachen Bedienung verlangt sie eine gewisse Leidensbereitschaft. An dieser Stelle könnte man das Klischee der temperamentvollen Italienerin, der Diva, die ihren Lover herausfordert, bemühen. Oder man schickt einen schönen Gruß nach Mandello del Lario und sagt: Bitte überarbeitet das noch mal. Es wäre schade, wenn Kleinigkeiten den eigentlich verdienten großen Erfolg verhindern.

Denn: Mit 12.990 Euro ist die Moto Guzzi V85 TT zwar kein Schnäppchen, aber ein grundsätzlich sehr gelungenes Motorrad, das man wirklich mögen kann und das sein Geld wert ist. Derweil vor allem für echte Italo-Freaks.

Warum?
Die modernste Moto Guzzi aller Zeiten
Starker Motor
Entspanntes Fahrverhalten
Gute Ausstattung

Warum nicht?
Die nachlässig konzipierte Fahrzeugbedienung
Vorläufig keine Heizgriffe verfügbar, Sitzheizung nicht geplant

Oder vielleicht …
… doch die auffällige gelb-weiß-rote Lackierung?

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(Bild: kmm)



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