15.03.2019 15:50 |

Wirbel um Senator

Moschee-Blutbad „wegen der muslimischen Präsenz“

Während sich die ganze Welt entsetzt über den Massenmord in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch zeigt, den ein 28-jähriger rechtsextremer Australier verübt haben soll, sorgt ein australischer Senator mit seiner Interpretation der Hintergründe für Wirbel. Der Rechtsaußen-Abgeordnete Fraser Anning, der erst im vergangenen Jahr mit einer „Endlösung“-Rede für Empörung gesorgt hatte, ließ ein Statement veröffentlichen, in dem er schreibt, dass das Blutbad nur die „wachsende Angst vor der zunehmenden muslimischen Präsenz in unseren Gemeinden in Australien und Neuseeland hervorhebt“. In muslimischen Ländern erhebt sich nach dem Terroranschlag auf die Gläubigen Wut - viele Menschen gingen nach dem Freitagsgebet auf die Straßen.

„Wie immer“, schreibt Anning weiter, würden „linke Politiker und die Medien die Ursachen in den Waffengesetzen und Menschen mit nationalistischen Ansichten orten“, aber das sei „klischeehafter Unsinn“. Der tatsächliche Grund „des Blutvergießens auf den neuseeländischen Straßen“, das er verurteile, sei das Einwanderungsprogramm, das „muslimischen Fanatikern überhaupt erst ermöglicht hat, nach Neuseeland zu ziehen“, so Anning, der Senator des australischen Bundesstaates Queensland ist.

So viele Tote wie sonst in einem Jahr in Neuseeland
„Lassen Sie mich klarstellen: Während Muslime heute vielleicht die Opfer waren, normalerweise sind sie die Täter. Weltweit töten Muslime Menschen im Namen ihres Glaubens“, so der Rechtsaußen-Politiker in seinem Hass-Statement weiter. Der Islam sei „das religiöse Equivalent des Faschismus“. Nur weil in diesem Fall die „Anhänger dieses wilden Glaubens“ nicht die Killer gewesen seien, „macht sie das nicht schuldlos“.

Wohlgemerkt: Bei dem Terrorangriff auf zwei Moscheen wurden 49 Menschen getötet, knapp 50 weitere Opfer liegen mit Schussverletzungen im Spital - darunter auch kleine Kinder. An einem einzigen Tag wurden damit so viele Menschen getötet wie sonst in einem ganzen Jahr in Neuseeland.

Rund 50.000 Muslime bei vier Millionen Einwohnern
In Neuseeland ist allerdings nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung muslimischen Glaubens. Insgesamt sind unter den rund vier Millionen Neuseeländern etwa 50.000 Muslime, viele von ihnen Einwanderer aus Staaten wie Pakistan oder Bangladesch. Die größte Religionsgruppe ist das Christentum.

Mit „Endlösung“-Sager schon einmal für Empörung gesorgt
Senator Anning ist jener Politiker, der im vergangenen August mit einem „Endlösung“-Sager für Empörung gesorgt hatte. In einer Rede vor dem Parlament verlangte er eine solche für Probleme mit Einwanderern. Trotz Kritik lehnte er eine Entschuldigung strikt ab, er habe dies keineswegs als Anspielung auf den Holocaust gemeint. Wörtlich sagte er: „Die Endlösung für das Einwanderungsproblem ist natürlich eine Volksabstimmung.“ Während der NS-Zeit hatten die Nationalsozialisten in Hitler-Deutschland den millionenfachen Mord an Juden als „Endlösung“ bezeichnet.

In Bangladesch und in zahlreichen weiteren muslimischen Ländern gingen nach dem Freitagsgebet Gläubige auf die Straßen, um einerseits ihrer Wut über den Terroranschlag von Christchurch Ausdruck zu verleihen und anderseits, um für die Angehörigen der Opfer zu beten. Aus dem saudi-arabischen Außenministerium in Riad hieß es: „Terror hat keine Religion und keine Heimat.“

Erdogan: „Welt hat diesen Massenmord untätig zugelassen“
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan warf dem Westen vor, nichts gegen wachsende Islamfeindlichkeit zu unternehmen: „Mit diesem Anschlag hat die Islamfeindlichkeit, die die Welt untätig zugelassen und gar gefördert hat, die Grenzen der individuellen Schikane überschritten, um die Ebene des Massenmords zu erreichen.“ Die Weltsicht des Mörders breite sich im Westen „wie ein Krebsgeschwür“ aus, kritisierte er am Freitag bei einer Trauerfeier für eine frühere Ministerin und warnte: Wenn der Westen nicht rasch Maßnahmen ergreife, würden „weitere Katastrophen“ folgen.

Attacke „logische Konsequenz antimusllimischer Hetze“
Die Attacke sei „logische Konsequenz antimuslimischer Hetze“, so der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), Ümit Vural. Eine bloße Verurteilung des Terrors reiche auch in Österreich nicht aus. Vielmehr müsse die Politik „endgültig aktiv und glaubwürdig gegen antimuslimische Hetze vorgehen“, forderte Vural und schloss in einem Video mit den Worten: „Es reicht.“

„Menschenhass ist Gift für die Welt“
Der gegen zum Gebet versammelte Menschen gerichtete Anschlag „erschüttert mich zutiefst“, schrieb der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, am Freitag auf Twitter. Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oskar Deutsch, teilte mit: „Hier haben Extremisten Menschen aus nur einem Grund ermordet: weil sie Muslime waren. Dieser Menschenhass ist Gift für die Welt.“ Österreichs Staats- und Regierungsspitze drückte ebenfalls ihr Mitgefühl aus.

Papst verurteilte mit „tiefer Traurigkeit sinnlosen Gewaltakt“
Papst Franziskus kondolierte den Familienangehörigen der Todesopfer von Christchurch. In einem Telegramm, das vom Vatikan veröffentlicht wurde, verurteilte der Papst mit „tiefer Traurigkeit“ den „sinnlosen Gewaltakt“. Der Papst versicherte allen Neuseeländern und vor allem der muslimischen Gemeinschaft im Land seiner Solidarität und Nähe. Er bete für die Verletzten und für Trost für alle jene Menschen, die Angehörige verloren haben.

Stellvertretend für die EU schrieb EU-Ratspräsident Donald Tusk auf Twitter: „Der brutale Angriff wird die Toleranz und den Anstand, wofür Neuseeland berühmt ist, niemals schmälern. Die Europäische Union trauert heute mit euch, und wir werden immer gegen jene an eurer Seite stehen, die auf abscheuliche Weise unsere Gesellschaften und unsere Art zu leben zerstören wollen.“ Das Weiße Haus verurteilte die Anschläge als „bösartigen Akt des Hasses“.

Manifest bestätigt Hass gegen Muslime als Motiv für Massenmord
Vor seinem Anschlag veröffentlichte der Hauptverdächtige, der 28 Jahre alte Brenton Tarrant aus Australien, ein umfangreiches Hass-Manifest, aus dem deutlich wird, dass der Angriff Muslimen galt. Überschrieben ist das Manifest mit „The Great Replacement“ (Der große Austausch). Der Titel geht auf eine aus Frankreich stammende rechtsextreme Verschwörungstheorie zurück, wonach die Bevölkerung in Europa durch Zuwanderer ersetzt werden soll, deren Geburtenrate deutlich höher sei.

Über sich selbst schreibe Tarrant, er sei „ein normaler weißer Mann aus einer normalen Familie, der beschlossen hat, aufzustehen, um die Zukunft für mein Volk sicherzustellen“. Er sei ein „weitgehend introvertierter Charakter“, ein „Ethno-Nationalist“ und „Faschist“, stehe außerdem in dem Manifest. Radikalisiert habe er sich nach der Niederlage der Rechtspopulistin Marine Le Pen bei der französischen Präsidentschaftswahl 2017 sowie dem Tod eines elfjährigen Mädchens bei einem islamistischen Lkw-Anschlag in Stockholm im selben Jahr.

Mörder wollte zeigen, „dass es nirgends auf der Welt sicher ist“
Seine Taten habe er etwa zwei Jahre lang geplant, etwa drei Monate lang habe er die konkreten Tatorte in Christchurch im Visier gehabt. Neuseeland habe er gewählt, um zu zeigen, dass es „nirgends auf der Welt sicher ist“.

Heike Reinthaller-Rindler
Heike Reinthaller-Rindler
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