Do, 21. März 2019
13.03.2019 13:00

Heim am Martinsbühel

„Gewalt zieht sich durch das ganze Leben“

Schwerer sexueller Missbrauch, unfassbare Gewalt, Zwangsarbeit und Verwahrlosung: Die Grausamkeiten, die den Kindern von Martinsbühel in Zirl angetan wurden, sind bekannt – und doch nicht zu fassen. Deshalb sei jedes Wort, das darüber gesprochen oder geschrieben werde, wichtig, denn „es macht sichtbar, was an Leben zerstört wurde“, sagt Psychotherapeutin Ulrike Paul, die viele der Ex-Heimkinder betreute. Die Gewaltspirale setzt sich oft ein Leben lang fort.

Depressionen, Suchterkrankungen, Essstörungen, Autoimmunkrankheiten, frühere Alterungsprozesse bis hin zu Suizidversuchen: „Es ist kaum vorstellbar, welche Auswirkungen der Missbrauch für die Betroffenen hat“, schildert Ulrike Paul. Die Psychotherapeutin wurde 2010 mit der Betreuung einer Betroffenengruppe betraut. Rund 70 Klienten aus unterschiedlichen Heimen hat die Psychologin seither betreut. „Die Betroffenen haben kaum Ausbildungen genossen, waren oft, trotz normaler Intelligenz, in Sonderschulen – und durch die Gewalterfahrungen so traumatisiert wie stigmatisiert, dass sie im Berufsleben meist keinen Fuß fassen konnten. Gewalt, Benachteiligungen und Diskriminierung haben sich häufig über das ganze weitere Leben fortgepflanzt“, schildert Paul. Auch in späteren Partnerschaften kam es häufig wieder zu Gewalt.

„Die Bilanz eines ganzen Lebens ist oft trostlos“
„Menschen mit diesen Geschichten geht es ganz einfach niemals richtig gut“, bringt es die Therapeutin auf den Punkt, „auch wenn sie natürlich unglaublich viel leisten.“ Aber gerade im Alter werden die sozialen Unterschiede deutlich. „Viele der Betroffenen sind jetzt Mitte 50, können aufgrund ihrer Erlebnisse nicht arbeiten, kämpfen um die Invalidenpension, haben kein Geld. Der Selbstwert ist am Limit, die Bilanz eines ganzen Lebens ist oft trostlos.“

Verantwortung und Entschuldigung
‘Dass die Geschehnisse vom Martinsbühel nun wieder im Fokus der Öffentlichkeit stehen, irritiere manche der Betroffenen zwar, sei aber ein notwendiger Schritt in der Aufarbeitung. „Viele wundern sich natürlich, sie haben ja schon 2010 alles erzählt, die Thematisierung in der Gesellschaft ist für die Opfer aber wichtig. Es geht um Verantwortung und Entschuldigung.“ Denn gerade was die weibliche Täterschaft betrifft, wurde lange Zeit geschwiegen. „Dass Nonnen zu Gewalt fähig sind, das war kaum vorstellbar. Den Opfern wurde oftmals nicht geglaubt, Missbrauch als Mutterliebe abgetan“, schildert Paul.

Unvorstellbare Gewalt und Diskriminierungen
Dabei war die Gewalt, die von den Schwestern ausging, von schier unglaublichem Ausmaß. „Sexuelle Gewalthandlungen kamen vor allem in Zusammenhang mit der Hygiene vor, die Mädchen wurden grausamst penetriert, etwa beim kollektiven Duschen oder dem Gang zur Toilette. Hinzu kommen die Diskriminierungen: Die Hygienezustände spotteten jeder Beschreibung, aber wer nicht sauber war, wurde vorgeführt. Den Mädchen wurde eingetrichtert, dass Weiblichkeit dreckig sei. “

Missbrauch muss aufgeklärt werden
„Missbrauch muss aufgeklärt werden – und zwar überall, wo er passiert. Auch in der Gegenwart“, sagt Ferdinand Lackner. Er wuchs im Bauernhof neben dem ehemaligen Heim auf, die Landwirtschaft gehörte aber nie dazu. „Der Ort kommt nicht zur Ruhe“, sagt Lackner, der selbst ein Kind war, als all diese Dinge geschahen. „Ich wünschte, man würde alles abreißen und nur die Gemäuer als Mahnmal stehen lassen – damit so etwas nie wieder passiert.“

Anna-Katharina Haselwanter
Anna-Katharina Haselwanter

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