So, 20. Jänner 2019

„Gelbwesten“-Proteste

12.01.2019 21:00

Kein „Bank Run“, aber Tränengas und Festnahmen

Sie griffen mit Pyrotechnik und Wurfgeschossen an, die Polizei reagierte mit Tränengas und über hundert Festnahmen. Auch am neunten „Großkampftag“ der sogenannten Gelbwesten kam es am Rande landesweiter Kundgebungen gegen die Regierung von Präsident Emmanuel Macron zu gewaltsamen Ausschreitungen. Der seit Tagen angekündigte „Bank Run“ fand letztendlich nicht statt. In sozialen Medien hatten zahlreiche Aktivisten die französische Bevölkerung zu einem Leeren ihrer Bankkonten zu animieren versucht, um das Finanzsystem der Grande Nation zu erschüttern. Doch auch so ist der wirtschaftliche Schaden durch die monatelangen Proteste schon sehr hoch.

In Paris und anderen Großstädten eskalierten die Demonstrationen. Laut der Polizei schleuderten einige Aktivisten nahe dem Pariser Triumphbogen Steine und andere Wurfgeschosse auf die Einsatzkräfte. Diese drängten die Demonstranten mit Tränengas und Gummiknüppeln zurück. 74 Verdächtige seien in Polizeigewahrsam genommen worden, erklärte die Pariser Staatsanwaltschaft. Die Polizeipräfektur sprach von rund hundert Festnahmen.

Mehr Demonstranten, neue Städte
Im südfranzösischen Nimes lieferten sich Demonstranten und Polizei ebenfalls Auseinandersetzungen. Mit Metallschilden ausgerüstete Personen stießen im Stadtzentrum in Richtung der Polizisten vor, diese antworteten ebenfalls mit Tränengas und Hartgummigeschossen. Es gab mehrere Verletzte. Die Stadt Bourges im Zentrum Frankreichs erlebte am Samstag ihre erste Großdemonstration. Dem Protestaufruf von Priscilla Ludosky, einer der frühen gemäßigteren Wortführerinnen der „Gelbwesten“ waren um die 5000 Menschen gefolgt. Auch in Straßburg gingen Tausende Menschen auf die Straße. In Bourges verliefen die Aufmärsche weitgehend friedlich.

In Bordeaux im Südwesten des Landes schossen Demonstranten Feuerwerkskörper in Richtung der Sicherheitskräfte, wie auf Fernsehbildern zu sehen war. Die Einsatzkräfte spritzten aus Schläuchen Wasser auf die „Gelbwesten“. In Rouen in Nordfrankreich hätten „Gelbwesten“ Journalisten des Senders LCI angegriffen, schrieb Innenstaatssekretär Laurent Nunez auf Twitter und verurteilte die Tat.

Macron startet „nationalen Dialog“ mit Bürgern
Landesweit waren 80.000 Polizisten im Einsatz, 5000 davon in der Hauptstadt. Die Protestwelle hat nach einem Abflauen während der Weihnachtsfeiertage wieder an Fahrt aufgenommen. Es gingen über 30.000 Menschen mehr auf die Straßen als vergangene Woche - und das trotz Zugeständnissen der Regierung und eines angekündigten härteren Kurses in der Sicherheitspolitik. Nun will Macron den „Gelbwesten“ mihilfe eines am Dienstag startenden „nationalen Dialogs“ den Wind aus den Segeln nehmen. Im Zuge dieser Veranstaltungen sollen Bürger zu Wort kommen und Reformvorschläge vorbringen. Doch viele Regierungsgegner sehen die Gespräche kritisch und sprechen von einem „Spiel auf Zeit“ seitens des Präsidenten.

„Gelbe Wut“ schwappt auf Großbritannien über
Die „gelbe Wut“, wie die französische Protestwelle auch häufig bezeichnet wird, hat auch schon in zahlreichen anderen europäischen Staaten Nachahmer gefunden. Nun scheint die Welle auch über den Ärmelkanal zu schwappen. Erstmals gingen Menschen in den gelben Warnwesten in London gegen die britische Regierung auf die Straße. Die Demonstranten forderten angesichts des Brexits ein Ende der Sparpolitik und eine Neuwahl. Dem Aufruf der Kampagne „The People‘s Assembly Against Austerity“ folgten auch Politiker und Gewerkschafter aus weiten Teilen des Landes. Etwa 5000 bis 10.000 Demonstranten hätten teilgenommen, sagte eine Sprecherin der Veranstalter der Deutschen Presse-Agentur.

Unter die britischen Demonstranten mischten sich auch französische Vertreter der „Gelbwesten“-Bewegung. „Alle europäischen Länder sollten sich diesem Kampf gegen die Sparpolitik anschließen“, sagte ein Franzose der britischen Nachrichtenagentur PA.

Gabor Agardi
Gabor Agardi

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