Di, 21. Mai 2019
17.01.2016 08:35

Grauen zu Silvester

Die "Krone" zu Besuch beim Helden von Köln

Seit den grauenhaften Vorfällen in der Silvesternacht gilt Ivan Jurcevic als Symbolfigur für das Gute. Der Kickbox-Weltmeister schlug Täter in die Flucht, brachte Opfer in Sicherheit. Und machte danach "die Schande von Köln" öffentlich.

Jeder, wirklich jeder Kölner scheint ihn zu kennen. "Bravo!", "Danke!", rufen ihm die Leute auf den Straßen zu. Ivan Jurcevic scheint seine plötzliche Berühmtheit ein wenig peinlich zu sein. "Da drüben ist ein ruhiges Lokal", sagt er mit lauter Stimme, deutet vage in eine Richtung, geht schnell los. Es ist schwierig, mit dem Mann, der zwei Meter misst, weit über hundert Kilo wiegt und ein bisschen furchteinflößend aussieht, Schritt zu halten.

Aber als er nun am hintersten Tisch eines Steakrestaurants Platz nimmt, wirkt er ganz anders. Schüchtern beinahe. Quasi im Stakkato hat der 44-Jährige in den vergangenen Wochen Interviews gegeben; Journalisten aus halb Europa geschildert, wie alles war, in der Silvesternacht, am Kölner Bahnhof. Als über 1000 Männer - aus Marokko, Algerien, Syrien - über Passanten herfielen.

"Es gab Vorzeichen für das Drama"
Seit den grauenhaften Ereignissen gilt Jurcevic als "Held". Als eine Symbolfigur für das Gute. "Ich habe nichts Außergewöhnliches getan", wird der 44-Jährige nicht müde zu betonen. Doch, hat er. Seine Erinnerungen an die "Stunden des Horrors"? "Ich war über den Jahreswechsel von einem Hotelunternehmen für einen Job gebucht worden." Als Türsteher. In der Bar der Nobelunterkunft, gegenüber des Bahnhofs, fand eine große Party statt. Für die "High Society" von Köln.

"Um 18 Uhr begann mein Dienst, ich empfing die Gäste." Rasch habe er bemerkt, "dass irgendetwas anders war", draußen. So viele "ausländisch aussehende" Männer auf der Domplatte, "die in Gruppen ziellos auf und ab gingen." Bald schon fingen sie damit an, Feuerwerkskörper abzuschießen "ständig, und viel zu viele". Um 19.30 Uhr der erste dramatische Vorfall, wenige Meter neben ihm. Ein junger Mann wurde niedergeprügelt. Ivan Jurcevic rettete ihm vielleicht das Leben. Bevor die Täter damit beginnen wollten, auf den Kopf des bereits auf dem Boden Liegenden mit einer Glasfasche einzudreschen, schlug er sie in die Flucht.

"Polizei stand Tragödie machtlos gegenüber"
Später, als die Horde anfing, Frauen sexuell zu belästigen, ging er "dazwischen". Immer und immer wieder. Versetzte den Angreifern Tritte. Er, der fünffache Kickbox-Weltmeister. Der 44-Jährige brachte die Opfer in Sicherheit, versteckte sie im Hotel, versorgte sie, achtete darauf, "dass kein Fremder in das Gebäude eindringen konnte". Und die Polizei? "Sie stand der Tragödie machtlos gegenüber."

Die Behörden wollten die "Schande von Köln" vertuschen, die Hunderten Attacken "auf harmlose Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sind", verschweigen. Jurcevic machte ihnen, wie er es ausdrückt, "einen Strich durch die Rechnung". Am Vormittag des 1. Jänner postete er auf seiner Facebook-Seite ein Handyvideo von den dramatischen Szenen der vorangegangenen Nacht. Innerhalb weniger Stunden wurde es geteilt und geteilt, letztlich von Tausenden Deutschen. Der Skandal war damit öffentlich geworden.

"Ich will für den Frieden kämpfen"
Jurcevics Handy klingelte danach im Minutentakt. Reporter wollten von ihm Details über den "Krieg am Bahnhof" erfahren, und auch ein paar Dinge über ihn selbst. "Es ist eine gute Story, dass ich im Hauptberuf Schauspieler bin und schon im 'Tatort' und in Seifenopern Rollen hatte." Aber mehr wollte niemand von ihm wissen; nichts über seine Lebensgeschichte, nichts über seine Träume. Okay, Herr Jurcevic, Hinweis verstanden. Wer sind Sie? "Ich stamme aus Kroatien, meine Eltern wanderten mit meinem Bruder und mir nach Köln aus, als ich noch ein Baby war."

Die Mutter: Schneiderin. Der Vater: Maschinenschlosser. Mit viel Fleiß schafften die beiden es, für sich und ihre Söhne in der Fremde eine gesicherte Existenz aufzubauen. "Doch ihre Erziehung war hart." Vielleicht darum zuerst "der irre Drang" in ihm, hart zu sein. Vor allem zu sich selbst. "Deshalb", sagte er, "hatte ich wahrscheinlich so großen Erfolg im Sport." Trotzdem wäre "diese Leere" in ihm gewesen, "ich suchte eigentlich nach etwas anderem." Wonach? "Nach der großen Liebe." Seine "Traumfrau" sei ihm bereits "über den Weg gerannt, doch ich war zu blöd, sie zu halten". Was ist ihm jetzt noch wichtig? "Meine künstlerischen Projekte."

Vor zwei Jahren hat Ivan Jurcevic damit begonnen, Filme zu produzieren - die nur ein Thema haben: "Menschen, seid friedlich."

Aus dem Video-Archiv: "Die Frauen suchten bei mir Schutz"

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