Ukrainer vor Gericht

Prozess um Nord-Stream-Anschlag beginnt

Ausland
14.10.2026 10:17
Porträt von krone.at
Von krone.at

Rund vier Jahre nach den Anschlägen auf die Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee muss sich erstmals einer der mutmaßlichen Täter vor Gericht verantworten. Serhij K. soll laut Anklage zusammen mit weiteren ukrainischen Militärangehörigen und im Auftrag staatlicher Stellen der Ukraine den Plan entwickelt haben, die von Russland durch die Ostsee nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern verlaufenden Erdgasleitungen zu zerstören.

Unter der Führung des Angeklagten soll ein Kommando aus mehreren Berufstauchern, einem Skipper und einem Sprengstoffexperten größere Mengen militärischer Hochleistungssprengstoffe mit einer in Rostock gecharterten Segeljacht in die Gewässer vor der dänischen Insel Bornholm gebracht haben. Dort seien dann mit Zeitzündern versehene Sprengsätze an den am Meeresgrund verlaufenden Gasleitungen angebracht worden. Bei ihrer Zündung am 26. September 2022 wurden die beiden Gaspipelines Nord-Stream 1 und 2 schwer beschädigt. Insgesamt gab es vier Lecks an drei der insgesamt vier Leitungen.

Die Nord-Stream-Sabotage

  • Nord-Stream 1 und Nord-Stream 2 sind zwei Gas-Pipelines, die durch die Ostsee von Russland nach Deutschland verlaufen.
  • Die Pipelines wurden gebaut, um russisches Gas nach Deutschland zu transportieren.
  • Ende September 2022 waren nach Explosionen in der Nähe der Ostsee-Insel Bornholm vier Lecks an den Pipelines entdeckt worden.
  • Die Pipelines waren zum Zeitpunkt der Explosionen nicht in Betrieb, enthielten aber Gas.
Nach der Sprengung strömte Erdgas Tagelang aus den Pipelines an die Meeresoberfläche.
Nach der Sprengung strömte Erdgas Tagelang aus den Pipelines an die Meeresoberfläche.(Bild: AFP/HANDOUT)

K. wurde Ende August 2025 auf Grundlage eines Europäischen Haftbefehls an der italienischen Adria-Küste im Urlaub mit seiner Familie festgenommen und drei Monate später nach Deutschland überstellt. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, als Offizier der ukrainischen Armee zivile Ziele angegriffen und damit Kriegsverbrechen begangen zu haben. Zudem ist er wegen der Herbeiführung von Sprengstoffexplosionen, der Zerstörung von Bauwerken sowie der Störung öffentlicher Betriebe angeklagt.

Serhij K. ist der bisher einzige Beschuldigte, der sich wegen der Sabotage an den ...
Serhij K. ist der bisher einzige Beschuldigte, der sich wegen der Sabotage an den Nord-Stream-Leitungen vor Gericht verantworten muss.(Bild: EPA/RONALD WITTEK)

Im Falle einer Aussage „droht Haft“ in der Ukraine
Sein Anwalt erklärte vor dem Prozessauftakt am Mittwoch, dass K. die Aussage verweigern werde. Zudem kündigte der Anwalt an, eine Einstellung des vor dem Hamburger Oberlandesgericht beginnenden Verfahrens zu beantragen. „Wer meinem Mandanten die Aussagegenehmigung verweigert, nimmt ihm die Möglichkeit, sich wirksam zu verteidigen“, sagte Jes Meyer-Lohkamp dem Magazin „Stern“.

Hintergrund ist demnach eine Ankündigung von K.s früherem Kommandanten Roman Tscherwinskyj, der die Sabotage an der Pipeline im Frühjahr 2022 maßgeblich vorangetrieben haben soll. In einer eidesstattlichen Versicherung an die deutschen Behörden erklärte er laut „Stern“: Als damaliger Angehöriger seiner geheim operierenden Einheit dürfe der Angeklagte K. auch vor Gericht nicht darüber sprechen, was er im Auftrag dieser Einheit getan oder nicht getan habe. Andernfalls drohten ihm in der Ukraine mehrere Jahre Haft.

Bundesanwaltschaft sieht Spur bis nach Kiew
Der Prozess ist durchaus politisch brisant. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat stets eine Beteiligung der Ukraine an den Anschlägen öffentlich bestritten. Die Frage, wer die Aktion möglicherweise angeordnet hat und wie weit eine Befehlskette reichte, geht daher über die individuelle Schuld von K. hinaus. Die Bundesanwaltschaft sieht hinreichende Verdachtsmomente dafür, dass die Sabotage im Auftrag staatlicher Stellen der Ukraine erfolgt und von diesen gesteuert worden sein könnte.

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