Österreichs Eishockey-Nationalteam kann am Samstag (20.20 Uhr, live auf sportkrone.at) bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz gegen Erzfeind Deutschland den vorzeitigen Einzug ins Viertelfinale buchen. Kurz vor dem Abflug hat krone.at ÖEHV-Präsident Klaus Hartmann zum ausführlichen Interview gebeten. Der Kärntner spricht über das Geheimnis der rot-weiß-roten Erfolge, den Stellenwert des Eishockeysports in Österreich, seine Vermarktungsstrategien, Wünsche an die Politik und wo er sich mit Teamchef Roger Bader vergleicht.
krone.at: Herr Präsident, so kurz vor dem Abflug in die Schweiz: Wie groß ist die Vorfreude auf die restlichen Spiele des A-Teams?
Klaus Hartmann: Das Kribbeln ist voll da, endlich kann ich das Team auch vor Ort unterstützen. Die Spieler haben – wie schon in den vergangenen beiden Jahren – mit sensationellen Leistungen eine gewaltige Euphoriewelle ausgelöst, die im ganzen Land spürbar ist. Diesen Schwung wollen wir jetzt in die restlichen Gruppenspiele mitnehmen.
Am Samstag kommt‘s zum prestigeträchtigen Duell gegen Deutschland. Wie wichtig wäre es – allein schon wegen des medialen Echos - gegen den „großen Bruder“ zu gewinnen?
Duelle mit Deutschland sind immer etwas Besonderes, egal, in welcher Sportart. Unser Spiel wird in ORF 1 live zur Primetime übertragen und wird Top-Einschaltquoten bringen. Für noch mehr Nachhaltigkeit und Sichtbarkeit für das heimische Eishockey wäre ein Sieg natürlich ein Traum. Aber: Deutschland ist immer noch die Nummer 8 in der Weltrangliste. Wir sind also Außenseiter, aber haben eine realistische Chance, Punkte zu holen.
Drei Siege in den ersten drei Partien, das gab es bei einer WM in der österreichischen Eishockeygeschichte noch nie. Was hat Sie da am meisten beeindruckt?
Das Kollektiv. Wie sich jeder Spieler für den anderen einsetzt, sich in die Partie reinhaut, kämpft und alles gibt. Die Statistik weist uns bei den blockierten Schüssen sogar auf Platz eins aus. Das Team ist ein eingeschworener Haufen und diese positive Gruppendynamik spürt man in jedem Interview, das die Spieler geben. Man kann als Präsident nur stolz sein, wie das Team unser kleines Land in der großen Eishockey-Welt repräsentiert.
Auch die Fanunterstützung vor Ort ist unübersehbar …
Der Support ist gewaltig. Hier möchte ich unserem offiziellen Fanklub UFTA (United Fans Team Austria) ein besonderes Lob aussprechen, der mit so viel Spaß und Herz dabei ist. Meiner Meinung nach haben wir die besten Fans von Europa. Welche Kosten und Strapazen die Mitglieder teilweise auf sich nehmen, verdient allerhöchsten Respekt. Zumal Zürich nicht gerade billig ist. Trotzdem sind bei jedem Spiel Hunderte Fans dabei, die unser Team unterstützen. Beeindruckend.
Das Viertelfinale ist jedenfalls in greifbarer Nähe. Was ist bei dieser WM noch alles möglich?
Wir schauen Schritt für Schritt. Jetzt liegt der Fokus einmal auf den restlichen drei Gruppenspielen. Sollten wir – wie im Vorjahr – die K.o.-Phase tatsächlich erreichen, dann ist vieles möglich. Ich erinnere nur an die Dänen, die 2025 bis ins Halbfinale kamen. Und wir haben in der Vergangenheit gezeigt, dass wir auch gegen größere Nationen immer wieder für Überraschungen sorgen können.
Das Team ist ein eingeschworener Haufen und diese positive Gruppendynamik spürt man in jedem Interview, das die Spieler geben.
Klaus Hartmann, Präsident des Österreichischen Eishockeyverbandes
Im Vorfeld gab es mehrere Absagen von Führungspersönlichkeiten. Nicht viele Experten hatten vor Beginn der WM Österreich solche Leistungen zugetraut …
Uns stehen vier arrivierte Center-Spieler nicht zur Verfügung, das muss man als kleine Nation erst einmal kompensieren. Aber man hat schon in der Vergangenheit bei großen Turnieren gesehen, dass unsere jungen Spieler die Lücke schließen können. Dafür braucht es natürlich einen Teamchef, der den Jungen das Vertrauen schenkt – und den haben wir zum Glück. Die WM-Debütanten Tim Harnisch, Leon Kolarik, Leon Wallner, Ian Scherzer und Maxi Rebernig haben sich bewährt.
Wollen Sie einen Spieler besonders hervorheben?
Nein, das wäre bei dieser Gesamtleistung des Teams nicht gerecht. Was mir sehr gefällt, ist die Tatsache, dass die etablierten Spieler die Jungen extrem positiv ins Team aufgenommen haben. Das ist auch sicher eines der Geheimnisse, warum es so gut läuft bei dieser WM.
Apropos Teamchef: Welchen Anteil hat Roger Bader am Erfolg? Was ist er für ein Typ? Was zeichnet ihn aus?
Roger ist einer der längstdienenden Teamchefs Österreichs. Er ist seit 2014 beim Verband, seit 2016 Teamchef und zusätzlich noch Sportdirektor. Er ist sehr strukturiert, ein akribischer Arbeiter und Analyst. Er plant alles schon Monate voraus. Aufgrund seiner Professionalität fühlen sich die Spieler unter ihm sehr wohl und kommen jedes Mal sehr gerne zum Team. Wir vom Verband schätzen seine Expertise. Ich persönlich pflege mit ihm einen sehr vertrauensvollen und respektvollen Umgang.
Wie viel Schweizer Präzision steckt im Präsidenten Klaus Hartmann? Oder sind Sie ein ganz anderer Typ?
Ich denke, Roger und ich sind beide analytisch-strategisch-denkende Typen, die einfach Wert auf Professionalität legen. Wir haben beide Handschlagqualität. Diesbezüglich habe ich sicher Schweizer Attribute. Mein großer Unterschied zur Schweizer Mentalität: Ich bin bei Spielen viel emotionaler und impulsiver. Beim Spiel gegen Lettland etwa konnte ich in den letzten fünf Minuten kaum ruhig sitzen. Das bewundere ich so an Roger, wie ruhig und besonnen er auf der Bank stehen kann.
Gegen die Schweiz gab es im 4. Spiel eine empfindliche Klatsche. Teamchef Roger Bader hat gemeint, dass das keine Schande sei, da die Unterschiede zur absoluten Weltspitze einfach zu groß wären. Was müsste sich alles verändern, damit Österreich auch auf diesem Niveau längerfristig mithalten kann?
Klar, das 0:9 war vom Ergebnis her eindeutig. Es hat aber auch sicher damit zu tun, dass wir in den ersten drei Spielen über unsere Grenzen hinausgegangen sind. Gegen die Schweiz war es dann Spiel Nummer vier in fünf Tagen, so ein Programm hatte sonst keine Nation. Das ging an die Substanz und Bader hat mit Atte Tolvanen, Dominik Zwerger und Vinzenz Rohrer aus taktischen Gründen drei Leistungsträger geschont. Alles in allem waren die physischen Voraussetzungen einfach nicht gegeben, um mit einem Team wie der Schweiz, das daheim unbedingt Weltmeister werden will, mitzuhalten. Aber dieses Spiel ist aus den Köpfen der Mannschaft mittlerweile wieder längst draußen. Grundsätzlich muss man festhalten, dass man die Rahmenbedingungen zwischen der Schweiz und Österreich im Eishockeysport nicht vergleichen kann. Wir haben nicht jene budgetären und infrastrukturellen Möglichkeiten wie die Eidgenossen. Aber wir sind natürlich bestrebt, die Lücke zu den Topnationen Schritt für Schritt zu schließen. Aus meiner Sicht müssten dafür aber allen voran einmal die politischen Verantwortungsträger die Anerkennung und Wertschätzung innerhalb der Gesellschaft für den Sport allgemein in unserem Land heben. Denn es kann nicht sein, dass der Sport in den politischen Ressorts auf ewig immer nur ein Anhängsel bleibt. Die Politik muss erkennen, welch präventive Wirkung der Sport auf Kinder und Jugendliche hat und dass man sich bei einer stärkeren Forcierung in der Zukunft einiges an Mehrkosten im Gesundheitsbereich (Thema Übergewicht etc.) sparen würde. Und klar, um als Eishockey-Österreich den Topnationen näherzurücken, müssen natürlich auch die Budgetmittel aufgestockt und die Infrastruktur wesentlich verbessert werden.
Die politischen Verantwortungsträger müssen die Anerkennung und Wertschätzung für den Sport in unserem Land heben.
Klaus Hartmann
Ob des Erfolgs stellt sich natürlich für viele Fans die Frage, ob Österreich auch mal wieder in den Genuss einer WM-Ausrichtung (zuletzt 2005) kommen könnte. Wie realistisch wäre das?
Natürlich wäre es von Verbandsseite her schön, eine WM ausrichten zu dürfen. Wenn man bedenkt, dass die Schweiz bei dieser WM einen Gewinn in Millionenhöhe erwartet. Aber diese Möglichkeiten haben wir aktuell nicht. Die vorhandene Infrastruktur gibt das einfach nicht her, weil man für ein derartiges Ereignis zwei WM-taugliche Hallen mit jeweils mindestens 10.000 Plätzen bräuchte. Da müssten vorher entsprechende Summen von Bund, Land und Gemeinden in entsprechende Bauprojekte fließen. Aber in wirtschaftlich angespannten Zeiten wie derzeit – wo ständig überall gekürzt wird – brauchen wir uns nichts vormachen, dass dieses Szenario realistisch wäre. Aber: Wir haben zumindest gute Aussichten, den Zuschlag für die U18-Damen-WM im Jänner 2027 zu erhalten.
Die vorhandene Infrastruktur gibt das einfach nicht her, weil man zwei WM-taugliche Hallen mit jeweils mindestens 10.000 Plätzen bräuchte.
Klaus Hartmann über eine mögliche Eishockey-WM in Österreich
Sie sind seit Juni 2020 ÖEHV-Präsident: Unter Ihre Regentschaft fällt der erstmalige VF-Einzug bei einer WM nach über 30 Jahren. Davor waren die WMs aus österreichischer Sicht zumeist geprägt vom harten Kampf um den Klassenerhalt. An welchen Schrauben haben Sie von Verbandsseite her am meisten gedreht, dass solch ein Sprung möglich wurde?
Als ich das Amt angetreten habe, waren meine Hauptziele, den Verband auf eine wirtschaftlich solide Basis zu stellen, den Eishockeysport in Österrteich noch mehr zu professionalisieren und für die breite Masse sichtbarer zu machen. Sprich, den Spielen mit Sideevents einen Eventcharakter zu geben. Mit der „National Military Night“ etwa in Wien, ist schon einiges an Positivem gelungen. Die Hallen füllen sich bei Testspielen immer mehr und mehr, in Zell/See waren wir sogar ausverkauft, in Wien und Klagenfurt gut besucht. Auch im Merchandising- sowie im Presse- und Social-Media-Bereich sind wir professioneller geworden. Früher hatten wir als Verband einen Werbewert von acht Millionen Euro, jetzt steuern wir auf 13 Millionen Euro zu. Der Verband steht also wirtschaftlich solide da, obwohl die Fördergelder immer weiter gekürzt wurden. Aber wir haben viele positive Schritte gesetzt. Die Auflösung der Stiftung hat sich auch positiv niedergeschlagen. Sportlich möchte ich noch anmerken, dass wir uns auch in Sachen Trainingscamps ebenfalls professioneller aufgestellt haben. Teamchef Roger Bader hat immer wieder betont, wie wichtig eine fünfwöchige WM-Vorbereitung ist, in der man regelmäßig auf Topnationen trifft, wie das beim Deutschland-Cup oder eben bei der WM-Vorbereitung mit 8 Testspielen der Fall war. Und der Erfolg gibt ihm recht. Wir versuchen, die bestmöglichen Rahmenbedingungen zu schaffen, sind hier aber von der Infrastruktur und auch den finanziellen Mitteln her limitiert. Unser Ziel ist es, noch mehr in die Nationalmannschaft zu investieren und daran arbeiten wir intensiv.
Worauf sind Sie persönlich stolz?
Sportlich steht über allem, dass wir bei den Männern im nächsten Jahr das fünfte Mal in Folge in der Top-Division vertreten sein werden. Das ist nicht selbstverständlich. Am meisten mit Stolz erfüllt mich, dass wir im Vorjahr bei der Lotterien-Sporthilfe-Gala als Team des Jahres ausgezeichnet wurden. Eine Premiere für den Verband. Es sind aber auch viele andere positive Dinge passiert. Mit den Damen sind wir erstmals in der Geschichte in die Top-Division der besten zehn Nationen vorgedrungen. Die 2. Eishalle, die in Villach bis Herbst 2026 errichtet wird, hat Gesamtprojektkosten von ca. 30 Millionen Euro und beinhaltet das Bundesleistungszentrum, für das eine Bundesförderung von ca. 5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt wird, die übrigen Kosten werden vom Land Kärnten und der Stadt Villach getragen.
Sie selbst wurden im Sommer 2024 für vier weitere Jahre als Präsident wiedergewählt. Werden Sie sich 2028 erneut der Wiederwahl stellen?
Die Frage kommt noch zu früh und ist aus heutiger Sicht schwer zu beantworten. Wenn man die Funktion ernst nimmt, dann ist der zeitliche Aufwand schon sehr hoch und ich musste in meinem Job als Unternehmer einiges zurückschrauben. Ich sag einmal so: Wenn ich das Gefühl habe, dass wir noch was bewegen können, dann bin ich mit meinen Mitstreitern im Präsidium gerne bereit, über 2028 hinaus Verantwortung zu übernehmen. Aber es ist derzeit keine Frage, die sich aufdrängt.
Viele Experten orten seit Jahrzehnten eine gewisse Diskrepanz zwischen Verband und Liga. Wie ist Ihrer Meinung nach das aktuelle Verhältnis und was würden Sie gerne noch verbessern?
Wichtig wäre, dass wir endlich alle zur Erkenntnis kommen, dass man das Produkt Eishockey nur gemeinsam zukunftsfit gestalten und entwickeln kann. Ich habe den Eindruck, dass gewisse Vertreter der Liga das Nationalteam und die Liga als eigenständige Marken und nicht als Gesamtprodukt sehen. Aber: Wir als Verband brauchen eine starke Liga, damit das A-Team bestmöglich performen kann und umgekehrt brauchen (vor allem unsere jungen) Spieler eine Plattform, um auf sich aufmerksam zu machen. Ich habe das Gefühl, dass es da und dort noch zu stark ein Bubbledenken gibt und ich würde mir wünschen, dass mehr über den Tellerrand hinausgeschaut wird. „One Hockey Family“ soll nicht nur ein bloßes Schlagwort sein. Das übergeordnete Ganze soll im Mittelpunkt stehen.
Ich habe den Eindruck, dass gewisse Vertreter der Liga das Nationalteam und die Liga als eigenständige Marken und nicht als Gesamtprodukt sehen.
Klaus Hartmann
Das Kernstück der Zusammenarbeit zwischen Liga und Verband ist der Kooperationsvertrag, der seit Juni 2022 besteht. Dieser regelt die Kadergrößen und Spielerimporte. Wie zufrieden sind Sie da mit der Entwicklung?
Die damalige Zielsetzung war, durch die Importregelung mehr Plätze für österreichische Spieler in den jeweiligen Klubs zu erreichen. Das hat sich voll bewährt, viele haben sich so schneller entwickeln können und sind bis ins Nationalteam vorgedrungen. Das ist auch der Grund, warum wir aktuell so stark performen, denn unsere Kaderdichte im Team ist wesentlich breiter geworden. Klar gibt es von Vereinsseite her auch betriebswirtschaftliche Überlegungen, die lieber den Fokus auf günstigere Legionäre legen. Aber unser Bestreben bleibt weiterhin, dass in der Liga möglichst viele Plätze den heimischen Spielern zur Verfügung stehen und sie eine Perspektive haben.
Ihr größter Wunsch für das österreichische Eishockey in den nächsten zwei Jahren?
Dass wir mit sämtlichen Nationalteams in der Top Division vertreten sind und dass seitens der öffentlichen Hand noch mehr Investitionen in die Infrastruktur getätigt werden. Mit den vollen Hallen in der Liga und dem furiosen Nationalteam haben wir die sportliche Basis geschaffen. Im Breitensport möchten wir noch mehr Kinder und Jugendliche für den Eishockeysport begeistern.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.