Gendermedizin

Patientin: „Hat mich überrascht und beeindruckt“

Tirol
01.03.2026 12:00

Frauen und Männer erkranken unterschiedlich, brauchen oft auch unterschiedliche Therapien. Das wird immer noch zu wenig beachtet. Eine Tiroler Patientin erzählt, wie es ihr ergangen ist. 

Über den Begriff Gendermedizin – also geschlechtsspezifische Medizin – hat sich die Tirolerin Margit Lechner früher nicht groß Gedanken gemacht. „Wenn man gesund ist, sind solche Themen weit weg. Aber mir war schon klar, dass nicht jede Therapie für jeden Menschen gleich wirkt und dass Frauen zum Beispiel bei einem Herzinfarkt andere Symptome zeigen als Männer“, beschreibt Lechner ihren Wissensstand, wie er früher war.

Und dann kam der Tag, der das Leben von Margit Lechner grundlegend veränderte. Ein Schlaganfall, ausgerechnet bei einer Autofahrt. „Zum Glück nicht auf der Autobahn.“ Plötzlich war die Welt der Tirolerin im wahrsten Wortsinn auf den Kopf gestellt. „Ich hatte eine Raumverschiebung. Ein beängstigendes Gefühl, wenn plötzlich der Boden Richtung Decke wandert.“ Lechner hatte Glück im Unglück. „Zwei Passantinnen sind mir sofort zu Hilfe geeilt und die Rettungskette hat perfekt funktioniert.“

Mit der Therapie fühlte sich Margit Lechner zuerst nicht wohl und hatte einige Nebenwirkungen, ...
Mit der Therapie fühlte sich Margit Lechner zuerst nicht wohl und hatte einige Nebenwirkungen, die vor allem Frauen betreffen.(Bild: Christian Forcher/Fotoworxx)

Nachteile, weil Symptome falsch gedeutet werden
Selbstverständlich ist das nicht immer. Denn Studien haben gezeigt, dass Frauen in bestimmten Notfällen benachteiligt sind, weil ihre Symptome häufiger als bei Männern falsch gedeutet werden und unerfahrene Ersthelfer sich nicht trauen, wichtige Sofortmaßnahmen wie Mund-zu-Mund-Beatmung oder Herzdruckmassage durchzuführen.

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Ich hatte zuerst eine innerliche Abwehrhaltung. Aber das alleine war es nicht. Mich plagten Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Wasseransammlungen in den Beinen.

Margit Lechner

Den Schlaganfall hat die Tirolerin gut überstanden. „Doch danach war klar: Ich muss ab jetzt Tabletten nehmen und mein Leben neu ordnen“, erzählt sie heute. Wohlgefühlt habe sie sich mit der Therapie aber so gar nicht. „Ich hatte zuerst eine innerliche Abwehrhaltung. Aber das alleine war es nicht. Mich plagten Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Wasseransammlungen in den Beinen.“ Die Medikamente absetzen war keine Option. „Das hat mir eine Ärztin unmissverständlich dargelegt“, berichtet die Patientin. Das wurde ihr auch bewusst, als sie im Alltag dort und da motorische Defizite wahrnahm, die sie von früher nicht kannte. Also befolgte die Patientin die Anweisungen der Ärzte ganz genau. Aber ein ungutes Gefühl blieb.

Daten & Fakten

  • Die Gendermedizin befasst sich sowohl mit den Unterschieden als auch mit den Gemeinsamkeiten zwischen Männern und Frauen in medizinischen Fragen. Dabei werden sowohl biologische als auch psychosoziale Unterschiede berücksichtigt.
  • Zu Beginn der Gendermedizin als Forschungsgebiet war eines der Hauptthemen die Medikamententestung. Viele Medikamente waren früher ausschließlich oder fast nur an Männern ausgetestet worden. Das hatte zur Folge, dass Wirkungen und Nebenwirkungen nur für Männer bekannt waren.
  • 2007 nahm die Medizinische Universität Innsbruck als erste medizinische Hochschule in Österreich das Fach Gendermedizin in die Pflichtlehre auf. Mehr als 32.000 Studierende haben das Fach seither erfolgreich absolviert.
  • Im Jahr 1998 wurde an der Universitätsklinik in Innsbruck die Frauenambulanz mit klinischen Angeboten für Patientinnen eröffnet – auch das ein Vorzeigeprojekt in Österreich. Im Jahr 2000 wurde aus der Frauenambulanz das Frauengesundheitszentrum mit Stationsbetten.
  • Das Frauengesundheitszentrum an der Klinik Innsbruck wird heute von Angelika Bader geleitet. Terminvereinbarung für die Frauengesundheitsambulanz ist möglich: Montag bis Freitag, 9 bis 13 Uhr, 0512-50481827 (keine ärztliche Überweisung erforderlich). 

„Habe rasch bemerkt, es hat sich was verändert“
Eineinhalb Jahre später erzählte eine Freundin Margit Lechner von der Frauenambulanz an der Klinik Innsbruck. Eine Anlaufstelle, die sich über viele Fachgebiete hinweg wichtigen Fragen rund um geschlechtsspezifische Medizin verschrieben hat (siehe Daten&Fakten). „Ich fühlte mich gleich aufgehoben. Mich hat fasziniert, dass hier der Mensch als Ganzes angeschaut wird, nicht nur die aktuelle Krankengeschichte“, kommt die Patientin ins Schwärmen. Viele Details wurden besprochen, die Medikation auf ihre Tauglichkeit überprüft und einige Änderungen vorgenommen. „Relativ rasch habe ich selbst gespürt, dass sich etwas verändert und ich viel besser mit der Therapie zurechtkomme als davor“, beschreibt Lechner ihre Erfahrungen.

Tiroler Gesundheitsgespräche

Am Donnerstag, 5. März, gehen in Innsbruck die „Tiroler Gesundheitsgespräche“ in die nächste Runde. Die Veranstaltungsreihe der Tirol Kliniken wird in Partnerschaft mit der „Tiroler Krone“ und dem ORF Tirol durchgeführt und widmet sich diesmal dem Thema: „Frauen, Männer, Gesundheit: Was die Medizin lange übersehen hat – und warum Gendermedizin das ändert.“ Auskunft geben die Allgemein- und Gendermedizinerin Angelika Bader, Leiterin Frauengesundheitszentrum der Klinik Innsbruck, Nikola Komlenac, Psychologe und erste habilitierte Person im deutschsprachigen Raum im Fach Gendermedizin und Diversität sowie Lena Tschiderer, Assistenzprofessorin für kardiovaskuläre Epidemiologie am Institut für Klinische Epidemiologie, Public Health. Mit dabei auch Patientin Margit Lechner, die über ihre Erfahrungen berichten wird. In dieser Podiumsdiskussion wird beleuchtet, warum Gendermedizin heute unverzichtbar ist und wie eine moderne Gesundheitsversorgung aussehen muss, die alle Menschen im Blick hat.

Beginn ist um 19 Uhr im Studio 3 des ORF am Rennweg in Innsbruck. Um Anmeldung wird gebeten per Mail unter: studio3.tirol@orf.at oder per Telefon unter 0512/5343-26220. Der Eintritt ist frei! Weitere Informationen über die Tiroler Gesundheitsgespräche im Internet: www.tirolergesundheitsgespraeche.at

Appell einer Patientin für einen differenzierten Blick
Das, was man Gendermedizin nennt, hat der Tirolerin nach ihrem Schlaganfall wieder deutlich mehr Lebensqualität gebracht und die Nebenwirkungen ihrer Therapie minimiert. „Mich hat die enorme Wirkung von scheinbar kleinen Veränderungen überrascht und sehr beeindruckt“, konstatiert Lechner und meint dann: „Es ist schade, dass das Wissen um die Unterschiede zwischen Männern und Frauen immer noch nicht überall zur Optimierung der medizinischen Versorgung genutzt wird. Jeder Arzt sollte das wissen, aber auch die Patientinnen und Patienten. Wir Menschen sind nicht alle gleich. Wir entwickeln zuweilen unterschiedliche Krankheitsbilder und brauchen unterschiedliche Therapien. Das habe ich eindrucksvoll vor Augen geführt bekommen.“

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