Ärzte zeigen sich entsetzt über die Pläne von Lindsey Vonn, bei Olympia mit Kreuzbandriss an den Start zu gehen.
Wenn am Sonntag die olympische Abfahrt startet, wird Vonn nicht mehr zum engsten Favoritenkreis zählen. Die 41-Jährige hatte sich am vergangenen Freitag einen Kreuzbandriss im linken Knie zugezogen. Das gab sie am Dienstag auf einer Pressekonferenz bekannt. Dennoch will die vierfache Gesamtweltcupsiegerin bei ihren fünften Olympischen Spielen antreten und um Edelmetall fahren. „Ich weiß, meine Chancen sind nicht mehr so groß wie vorher. Aber solange es eine Chance gibt, werde ich es versuchen“, sagte Vonn sichtlich bewegt. Der Skirennsport sei gefährlich, sie gehe immer ans Limit.
Für Dr. med. Kourosh Modaressi, orthopädischer Chirurg an der Uniklinik Zürich, ist Vorhaben kaum nachvollziehbar. Er spricht von einer „neuen Eskalationsstufe“ und warnt gegenüber dem Schweizer Nachrichtenportal „20min“ eindringlich: „Im schlimmsten Fall riskiert sie bleibende Schäden: schwere Meniskusrisse, zusätzliche Knorpeldefekte, eine beschleunigte Arthrose – und damit Schmerzen und Einschränkungen weit über den Spitzensport hinaus.“
Auch das US-Team sieht er kritisch: Niemand habe offenbar den Mut, Vonn von einem Start abzuraten. „Wenn ein Knie instabil ist und das andere durch ein Implantat biomechanisch verändert wurde, gerät das gesamte System aus dem Gleichgewicht.“

Wie kann es sein, dass Vonn trotz Kreuzbandriss kaum Beschwerden verspürt? Modaressi erklärt: Die extrem starke Oberschenkelmuskulatur kompensiere die Instabilität. Auch eine Schwellung liege aktuell nicht vor. Doch für den Mediziner ist klar: „Nach Kreuzbandriss – erst recht bei bestehender Knieprothese auf der Gegenseite – lautet das Ziel Alltagstauglichkeit und moderater Freizeitsport, nicht Hochleistung.“ Im schlimmsten Fall drohe sogar zeitnah ein Kniegelenkersatz auch links.
„Kein vernünftiger Arzt würde das empfehlen“
Noch deutlicher wird Artur Trost, einer der renommiertesten Unfall- und Kniechirurgen im deutschsprachigen Raum. Er hat das Bein von Österreichs Ski-Legende Hermann Maier gerettet, als dieser mit dem Motorrad schwer verunfallte. Danach feierte der „Herminator“ große Siege, wurde unter anderem Weltmeister – obwohl das keiner für möglich gehalten hätte. Trost erklärt gegenüber dem „Blick“: „Eine gesunde Muskulatur kann ein gerissenes Kreuzband kurzfristig kompensieren. Aber ratsam ist ein Start aus medizinischer Sicht keinesfalls, denn das kann dramatisch enden. Kein vernünftiger Arzt wird Vonn das jemals empfehlen.“
Vor allem bei einem Sturz sei die Gefahr enorm: Dann falle die muskuläre Schutzfunktion weg. Es drohten Bandverletzungen, Schienbeinkopfbrüche und massive Knorpelschäden – sogar ohne Sturz allein durch die Belastung von Sprüngen und Kurven.
Vonn selbst verweist auf ihre besondere Beziehung zur Strecke. In Cortina d’Ampezzo gewann sie 13 Rennen, die Olimpia delle Tofane gilt als ihr Wohnzimmer. „Ich kenne die Strecke auswendig. Das gibt mir Selbstvertrauen“, sagt sie. Trost kontert: „Aber was, wenn die Sicht flach ist? Es plötzlich schlägt? Sie eine Kurve oder einen Sprung falsch einschätzt? ...“
Schützen will sich Vonn mit einer Orthese, die sie auch am rechten Knie trägt. Angst kennt sie nicht: „Ich hatte noch nie Angst, ich war immer eine Abenteurerin.“ Sie kenne ihren Körper nach all den Jahren sehr gut und sei dankbar, „dass ich noch immer das tun kann, was ich so sehr liebe“.
Janka: „Ich würde es in ihrem Fall auch versuchen“
Es gab immer wieder Athleten, die ohne rekonstruiertes Kreuzband fuhren. Dazu zählt auch der Schweizer Ex-Speed-Star Carlo Janka. „Als ich die Nachricht von Lindseys Plan gehört habe, dachte ich: schwierig.“ Nach seinem eigenen Kreuzbandriss wäre ein so schneller Start unmöglich gewesen, dennoch zeigt er Verständnis: „Olympia ist der letzte Schuss ihrer Karriere. Sie hat offenbar keine Schmerzen und keine Schwellung. Ich würde es in ihrem Fall auch versuchen.“
Und weiter: „Ich traue Lindsey weiterhin alles zu. Und mit dieser Geschichte wird die Frauen-Abfahrt zu einem echten Highlight. Ich wünsche ihr alles Gute und hoffe, dass ihr Gold-Traum wahr wird.“
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