Premiere in Hamburg

Elfriede Jelinek zerstört Präsident Donald Trump

Kultur
02.02.2026 10:42

In der Hamburger Staatsoper wird Musikgeschichte geschrieben: Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, Olga Neuwirth und ein freundliches Ungeheuer besiegen in der Operngroteske „Monster’s Paradise“ US-Präsident Donald Trump.

Als Österreicher wird man derzeit mit Start-Ziel-Siegen nicht verwöhnt, in der Politik so wenig wie im Sport. Zum Glück ist wenigstens auf die Kunst Verlass. Dank ihrer konnte man am Sonntag in Hamburg einem Stück Operngeschichte österreichischer Provenienz beiwohnen: Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und ihr augenhohes Pendant, die Komponistin Olga Neuwirth, brachten im Auftrag des neuen Intendanten Tobias Kratzer ihre dritte gemeinsame Arbeit zur Uraufführung.

Beide bringen sich buchstäblich mit Leib und Seele in die groteske Kasperlkomödie ein: Sie porträtieren sich selbst in den Gestalten zweier Vampirdamen, die antreten, die zum Untergang durch Krieg und Hitze verdammte Welt in letzter Minute zu retten. Um die Restchance zu wahren, muss vor allem der Schurkenpräsident mit seiner Zombie-Armee ausgeschaltet werden, ein verfressener Säugling, den man mit Grund in Washington vermuten darf. Aufseiten des Guten steht das weise Monster Gorgonzilla, das auf seiner Friedensinsel haust und den Unhold am Ende verschlingt. Die Welt geht trotzdem unter. Aber die Kunst bleibt: Die beiden schwimmen auf einem betörend verstimmten Klavier mit Schuberts sich immer rasender steigernder f-Moll-Fantasie in die Ewigkeit des Ozeans.

Faszinierend ist die Ambivalenz des Werks. Am Beginn stehen Jelineks schwarz funkelnde Textflächen allein. Dann werden sie mit den verkündigungsschweren Mahnungen einer alten Göttin unterhoben, einer Art feministischer Übermutter. Die große Charlotte Rampling spricht sie von der Video-Wand, und sie sind von Shakespeare und Karl Kraus. In ihrer Isoliertheit sind sie aber auch von erheblicher Banalität, die den erhabenen Ton wieder zweifelhaft erscheinen lässt. Wie purer Kitsch nimmt sich auf den ersten Blick auch das Schein-Finale mit dem klimabesorgten Kinderchor aus. Aber auch das erweist sich als Schall und Rauch.

Diese Schwebezustände zwischen Groteske und Ernst kennzeichnen auch die Komposition. Olga Neuwirth ist eine geborene Musikdramatikerin. Ihre Fähigkeit, Gestalten punktscharf in Musiksprachen umzusetzen, ist heute konkurrenzlos. Auf der Höhe auch der elektronischen Techniken dringt sie zu radikalen Klanglösungen vor und durchrast doch die Musikgeschichte. Wagner, speziell der „Ring“, spielt hier eine Rolle, Jazz, Country, „Herrliche Berge, sonnige Höhen“ und der Frühlingsstimmenwalzer. Dennoch ist die Handschrift derart unverwechselbar, dass sie sich beim ersten Ton offenbart. Und was das Orchester unter Titus Engel leistet, ist furios.

Der Abend verdankt sein Gelingen wesentlich dem inszenierenden Intendanten Kratzer. Er lässt sich in Rainer Sellmaiers genialem Ambiente auf keine Andeutungen ein. Die wunderbaren Protagonistinnen Sarah Defrise (mit Sylvie Rohrer als sprechendem Alter ego!) und Krista Stanek sind als fotorealistische Jelinek-Neuwirth-Kopien gezeichnet. Und was Georg Nigl in monströser Trump-Maske leistet, ist schlicht grandios: die heutige, grellorange Ausgabe von Alfred Jarrys Trottelkönig Ubu.

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