FIFA-Präsident Gianni Infantino glänzte zuletzt wieder mit einer grandiosen Idee, die die Abseitsregel im Fußball revolutionieren soll. So schlau ist der Ansatz des allmächtigen Verbands-Chefs aber gar nicht, bemerkt „Krone“-Autor Harald Petermichl in seiner neuesten Kolumne.
Mit 1.421 Wörtern ist die von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 verkündete „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (AEMR) ein überschaubares Dokument. Nicht viel weniger umfangreich ist die vom International Football Association Board (IFAB) definierte Abseitsregel im Fußball mit 1.001 Wörtern und es braucht immerhin 6.615 Zeichen inklusive 952 Leerzeichen, um klarzumachen, wer denn nun auf dem grünen Rasen im Abseits steht oder nicht. Der Hauptunterschied zwischen den beiden Texten besteht darin, dass die Abseitsregel einigermaßen konsequent angewendet wird, während mit der Menschenrechtserklärung häufig sehr unbekümmert umgegangen wird. Siehe Recht auf Asyl, Schutz gegen Diskriminierung, Sicherung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit und manches mehr. Liegt wohl daran, dass die AEMR nur eine rechtlich nicht bindende Resolution ist, was man von der Abseitsregel nicht behaupten kann.
Tatsächlich ist aber die Einhaltung der offside rule für die fahnenschwingenden analogen Unparteiischen manchmal gar nicht so leicht zu überprüfen und in der jüngsten Vergangenheit haben Millimeter-Entscheidungen, wie sie durch die halbautomatische Abseitserkennung möglich sind, für größeren Unmut auf Tribünen und Trainerbänken gesorgt. Deshalb hat sich jetzt Gianni Infantino aus Dubai zu Wort gemeldet, der wohl klarmachen wollte, dass er tatsächlich auch mit Fußball zu tun hat und nicht nur mit milliardenschweren fragwürdigen Geschäften am Persischen Golf. Man sei dabei, so GI, die Abseitsregel neu zu überdenken, um das Spiel „offensiver zu machen“, ganz im Sinne seines Kumpels Arsène Wenger.
Neu gedacht ist daran, dass sich der angreifende Spieler, um offside zu stehen, künftig in Gänze vor der vorletzten Defensivkraft befinden muss und nicht nur mit einer Fußspitze, einem Knie oder ähnlichem. Kann man so machen, wird aber nichts an den ultraknappen Entscheidungen ändern. Ob nämlich die kalibrierte Linie vor oder hinter dem Stürmer angelegt wird, ist letztlich egal; es wird dann ebenso wieder auf Millimeter ankommen und auch künftig wird sich kaum jemand spontan zu jubeln trauen, weil erst noch die digitalen Fachkräfte konsultiert werden müssen, die alles ganz genau gesehen haben. Na ja, am 20. Jänner tagt das IFAB zum nächsten Mal; warten wir ab, ob es eine Mehrheit für die geplante Regeländerung geben wird. Daran, dass der Fußball durch Videobeweis und sonstige technische Hilfsmittel nicht unbedingt an Attraktivität gewonnen hat, wird es nichts ändern.
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