Matthäuspassion

War es ein Konzert oder doch ein Gottesdienst?

Vorarlberg
02.03.2026 15:00
Porträt von Anna Mika
Von Anna Mika

Eines der Monumentalwerke der Musik, Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion, gelangte am Samstag in Götzis „AmBach“ in Vorarlberg zur Aufführung – ein beeindruckender Abend mit zahlreichen Mitwirkenden. 

Zwei Chöre, zwei Orchester, eine Aufführungsdauer von dreieinhalb Stunden: Das sind nur die markantesten Fakten der „Matthäuspassion“, die Johann Sebastian Bach 1727 für die Karfreitagsliturgie in Leipzig komponierte und die er selber als sein Opus summum betrachtete. Der Bericht vom Leiden Jesu Christi, von Bach, dem Thomaskantor, unfassbar sinnreich in Töne gesetzt, ist wohl mehr Gottesdienst als Konzert. Zumal, wenn, wie am Samstagabend im voll besetzten Saal in Götzis AmBach, am Ende der Beifall erst nach langen Momenten der Ergriffenheit einsetzte, als Dirigent Alexander Seidel sich vor allen Mitwirkenden respektvoll verneigte.

Zurecht, denn was hier vom prominenten Solisten bis zum Chorsänger, von den Soli in der Basso Continuogruppe bis zum Tuttigeiger geleistet wurde, war einfach nur zum Niederknien. Doch ein öffentliches Konzert ist nie nur Gottesdienst, sondern hat auch eine finanzielle Seite und viel Engagement im Hintergrund, bezahlt oder ehrenamtlich. Darum sei, bei allem Respekt, auch eine übliche Konzertkritik gestattet. Veranstaltet wurde dieses Konzert vom Rheintaler Bachchor, der seit zehn Jahren besteht und in dem auch Sängerinnen und Sänger aus Vorarlberg wirken. Seine Leistung war, auch musikalisch gesehen, auf den ersten Blick beeindruckend, jedoch wäre es vor allem bei den Chorälen sicher möglich, sowohl dynamisch als auch bei den Tempi mehr zu differenzieren. Die Idee, die rätselhaften Fermaten, die Bach nach jeder Choralzeile gesetzt hat, in eine Orgelimprovisation (Johannes Hämmerle) zu deuten, hat ihren Reiz, hätte aber ruhig stärker ausgebaut werden können.

Dirigent Alexander Seidel wäre auch gut beraten gewesen, sich im Orchester um mehr Klangbalance zu kümmern. Das Concerto Stella Matutina war hier, in seiner Eigenschaft als führendes Originalklangorchester der Region, auf dem Podium und wie der Chor in zwei ähnlich besetzte Gruppen geteilt.

Wie immer wieder in Bachs Werken sind einzelne Orchestermitglieder mit anspruchsvollen Soli betraut. Wunderbar Bianca Riesner mit der Gambe bei der Bassarie „Komm, süßes Kreuz“, berührend gesungen von Konstantin Wolff, Bass, oder Fani Vovoni mit der Violine bei „Gebt mir meinen Jesum wieder“, ebenfalls für den Basssolisten. Weniger eindrucksvoll gelang die wichtige Arie „Erbarme Dich“, denn die Solovioline von David Drabek wurde von den Tutti allzu dick begleitet, und Stimmklang und Gestaltungsfähigkeit der Altistin Martina Gmeinder hatten einmal mehr ihre Grenzen, ganz im Gegensatz zu dem Lob, das sie sich selber im Programmheft spendet.

Allergrößte Bewunderung
Tief berührend hingegen sang Miriam Feuersinger ihre Sopranarie „Aus Liebe will mein Heiland“, begleitet von den zwei Traversflöten von Angelika Gallez und Leevke Hinrichs. Miriam hat seit kurzem wunderbare Klangfarben hinzugewonnen, dazu eine überzeugende Authentizität. Der Tenorsolist der Arien war Nik Kevin Koch, während sein Fachkollege Daniel Johannsen die große Rolle des Evangelisten innehatte. Mit welcher Gestaltungskraft Daniel, der einer der international gefragtesten Sänger seines Fachs ist, jeden Ton, jede Phrase formt, und das bei aller Natürlichkeit, ringt einem allergrößte Bewunderung ab. Ihm ebenbürtig ist Daniel Ochoa als Jesus: verinnerlicht, aber auch machtvoll Respekt gebietend führt er seinen Bariton. Aufhorchen ließ Clemens Morgenthaler mit seinen Bassrezitativen, die er von der Empore sang. Diese Matthäuspassion erklang am Sonntag nochmals in Altstätten.

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