Der einfache Malergeselle Johann Christoph Haitzmann verschrieb im 17. Jahrhundert zweimal seine Seele dem Satan – eine beklemmende Abschrift dieser sogenannten „Teufelsverträge“ wird in der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrt.
Mariazell, etwa Anfang September 1677. Ein einfacher Malergeselle wird in den steirischen Wallfahrtsort gebracht, begleitet von Misstrauen, Gebeten und wachsender Furcht. Johann Christoph Haitzmann, kaum Mitte zwanzig, leidet seit Tagen an schweren Krampfanfällen. Sein Körper verkrampft sich, sein Blick irrt. Ärzte sind ratlos. Der Pfarrer hingegen zögert nicht lange: Hinter diesen plagenden Schmerzen steckt der Leibhaftige.
Seele verkauft, um die kranke Mutter zu heilen
Was Haitzmann daraufhin bekennt, lässt selbst abgebrühte Zeitgenossen erschaudern. Er habe seine Seele verkauft, damit der Satan seine kranke Mutter heile – zweimal. 1668 und 1669, schriftlich besiegelt, einmal mit Tinte, einmal mit eigenem Blut. Neun Jahre lang, so der Vertrag, gehöre ihm Leib und Seele. Ein Pakt aus Verzweiflung, Angst vor Armut und Bedeutungslosigkeit, aus dem Gefühl heraus, von Gott verlassen zu sein. Stündlich wächst der Schrecken. Ein Kampf um Erlösung. Exorzismen, Gebete, Tränen.
Haitzmann wirft sich vor der Gnadenkapelle nieder und fleht die Muttergottes um Rettung an. Der Teufel erscheint ihm, so heißt es später in den Berichten, nicht als Fratze aus der Hölle, sondern als wohlhabender Bürger, geschniegelt, mit schwerem Geldbeutel an der Seite.
Ein Bild, das mehr sagt als tausend Predigten: Versuchung in ihrer bürgerlichsten Form. Tatsächlich, so glauben die Geistlichen, wird ein Wunder vollbracht. Der Teufel gibt den Vertrag zurück. Doch die Erlösung ist brüchig. Haitzmann wird weiter geplagt, von Visionen, von Angst, von Schuld. 1678 kehrt er ein weiteres Mal nach Mariazell zurück, erneut wird gebetet, erneut gerungen. Erst dann erhält er auch den ersten Pakt zurück. Die Hölle lässt ihn frei – zumindest auf dem Papier.
Bis heute hat dieser Fall etwas Unheimliches. Eine Abschrift der Teufelsverträge wird in der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrt. Schwarze Buchstaben, blutrote Schwüre. Dokumente, die zeigen, wie real der Teufel einst war – nicht als Metapher, sondern als juristische Macht.
Sigmund Freud erkennt eine „Teufelsneurose“
Haitzmann zieht die letzte Konsequenz. Er kehrt der Welt den Rücken, tritt in Wien den Barmherzigen Brüdern bei und legt 1681 seine Profess ab. Aus dem Malergesellen wird ein Ordensmann, aus dem Gepeinigten ein Büßer. Doch die Narben bleiben. Er stirbt einsam in einem Konvent in Böhmen.
Erst im 20. Jahrhundert wird sein Schicksal wieder hervorgeholt. Sigmund Freud liest die alten Texte und erkennt keine Dämonen, sondern eine schwere seelische Erkrankung – eine „Teufelsneurose“. Die Erklärung ist modern, das Grauen bleibt alt. Denn Haitzmanns Geschichte erzählt von einer Zeit, in der Angst allmächtig war, Glaube lebensentscheidend – und ein Mensch zwischen Himmel und Hölle zerrieben werden konnte.
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