Nach über 55 Jahren löste eine Neuinszenierung von Beethovens „Fidelio“ durch Hausdebütant Nikolaus Habjan die legendäre Otto-Schenk-Produktion ab. Ein paar Buhrufe und viel Jubel für eine Produktion, die auch musikalisch unter Franz Welser-Möst nicht restlos überzeugen konnte.
Schon in der Pause der mit Hochspannung erwarteten Staatsopernpremiere von Beethovens „Fidelio“ merkte man, wie sehr Nikolaus Habjan (38) das Publikum spaltete. „Ganz toll“, meinten einige, „ein fader Schmarrn“ die anderen, die nun Otto Schenks bereits 55 Jahre alter Produktion nachtrauern.
Der Puppenspieler, gehypte Regisseur und Kunstpfeifer Habjan setzt natürlich auch hier seine sprechenden Klappmaul-Puppen ein: Er doubelt zwar nur den gefangenen Florestan und seine als Fidelio verkleidete Leonore, um uns „ins Herz der Figuren schauen“ zu lassen. Aber bei den Dialogstellen spürt man, dass die Sänger, die schwarz gekleidet unbeteiligt daneben stehen, allein viel stärker beeindrucken würden. So vor allem in der verwirrenden Kerkerszene.
Nichts Originelles, wenig Neues
Habjan ist – außer einer silbrig schimmernden (Leonore)Freiheitsstatue im Finale – nichts Originelles und kaum Neues eingefallen. Außer Stehtheater an der Rampie. Er verschenkt große Auftritte wie den des Gouverneurs Pizzaro, wenn er Leonore begegnet. Der kniet dafür vor Pressefotografen!
Rocco singt seine Goldarie in seinem hässlichen Büro (Allerweltsbühne: Julius T. Semmelmann) und darf aus Laden Gold herauskramen, während er Mordpläne gegen Florestan verhandelt. Lächerlich, wenn die Gefangenen „O welche Lust, in freier Luft“ singen, aber in ihren drei Käfigetagen starr stehen. Was man in dieser gemütlichen, brav-biederen Aufführung besonders vermisst? Angst und Schrecken, die Atmosphäre von Gewalt und Terror.
Am Pult bescheert Dirigent Franz Welser-Möst den Premierenbesuchern einen musikalischen Höhepunkt: die 3. Leonoren-Ouvertüre! Sonst bleibt er undifferenziert, setzt auf harte Kanten, Schärfe, Überzeiehnungen und treibt den Staatsopernchor, Orchester und Sänger zuletzt in einem Horrortempo durchs Finale.
Auch musikalisch durchwachsen
Zwiespältig ist die Besetzung: Malin Byströms Leonore kämpft sich indifferent und glanzlos durch die Leonoren-Arie und den zweiten Akt. David Butt Philipps Florestans lässt vom „Gott! Welch Dunkel hier“ an feinere Tenorfarben vermissen. Christopher Maltmanss Pizzaro überzeugt mit großem Bariton, spielt aber leider den allzu gemütlichen Onkel. Tareq Nazmi (Rocco), Kathrin Zukowski (Marezelline), Daniel Ienz (Jaquino) und Simonas Strazdas (Fernando) blieben stimmlich viel schuldig.
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