Geisterstunde im Akademietheater: Die Schweizerin Barbara Frey richtet ihrem Landsmann Robert Walser unter dem Titel „Der irrende Planet“ ein diskretes Fest aus.
Anno 1917, ein halbes Jahrhundert nach Adalbert Stifters Novellensammlungen, schrieb der Schweizer Robert Walser seine Erzählung „Der Spaziergang“. Wie beim österreichischen Großschriftsteller des Biedermeier wird auch hier im Kleinsten die Welt erwandert. Aber Walser begibt sich auf einen Gedankenstrom, der das Zufällige dem Existenzerhaltenden (etwa dem Vorsprechen bei der Gemeindekasse) gleichordnet. Die Begegnungen des müßig wandernden Schriftstellers werden Gegenstand bizarrer Miniaturen. Die Sprache täuscht Naivität vor, ist aber von höchster Virtuosität.
Walser starb erst 1956 in geistiger Umnachtung, aber seine zentralen Romane datieren aus der Jahrhundertwende, und ab den Dreißigerjahren war er verstummt. Seine vehemente Rehabilitation in den Siebzigerjahren hat der Weltliteratur einen ihrer großen Erzähler wiedergegeben.
Nächtlicher Spuk in völliger Diskretion
Klar, dass die Schweizerin Barbara Frey dem Landsmann ein patriotisches Fest ausrichtet. Für Leute, die es auf der Bühne gern krachen sehen, ist der Abend nicht geeignet. Hier wird in völliger Diskretion ein nächtlicher Spuk aus Wort, Atmosphäre, Dialogen, steinern skurrilem Slapstick, Musik und Stille entfesselt (Bild: Martin Zehetgruber).
Alles generiert sich aus Walsers herrlicher Sprache, die von Martin Schwab als dem lesenden Dichter vertreten wird. Um ihn erfreut eine Abnormitätenschau eidgenössischer Normalität: Maria Happel, Sabine Haupt, Katharina Lorenz, Dorothee Hartinger und die Originalschweizerin Elisa Plüss lassen dem verzweifelnden Max Simonischek nicht einmal den Anschein männlicher Autorität.
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