Musikverein

Matthias Goerne: „Was wär’ ich ohne Schubert!“

Kultur
23.11.2025 08:37

Musik als Seelenspiegel: Der deutsche Bariton Matthias Goerne widmet sich mit Pianist Daniil Trifonov kommende Woche an drei Abenden den großen Liedzyklen von Franz Schubert im Wiener Musikverein.

Für viele Musiker gibt es einen Komponisten, zu dem sie immer wieder zurückkehren. Dieser Fixstern im Leben von Matthias Goerne heißt Franz Schubert. Seine Lieder begleiten den deutschen Bariton seit seiner Jugend. Ohne Schubert wäre er wohl nie Sänger geworden, erzählt er im Interview. „Was wär‘ ich nur ohne Schubert!“, lacht Goerne – „Wohl nicht so viel!“

Die beiden großen Lied-Zyklen „Winterreise“ und „Die schöne Müllerin“ haben Goerne und Pianist Daniil Trifonov jetzt mit im Gepäck für den Musikverein, dazu die Liedsammlung „Schwanengesang“ und die Sonate für Klavier G-Dur (D894).

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Diese Aussicht auf Erlösung ist bei Schubert immer da. Das berührt mich tief und entspricht mir auch sehr.

Matthias Goerne

Was Goerne so tief mit Schubert verbindet, ist die „Unbedingtheit, positiv zu bleiben“: „Trotz aller Widrigkeiten kippt Schuberts Musik nie in eine destruktive Form oder ist von Zynismus und Sarkasmus geprägt. Letzten Endes überlebt immer irgendwie die Hoffnung, wenn auch nur als ganz kleines Licht am Horizont. Aber diese Aussicht auf Erlösung ist immer da. Das berührt mich tief und entspricht mir auch sehr. Damit spricht Schubert auch sehr, sehr vielen Menschen aus der Seele.“

Matthias Goerne über die Arbeit mit Daniil Trifonov: „Zwischen uns ist nichts in Stein ...
Matthias Goerne über die Arbeit mit Daniil Trifonov: „Zwischen uns ist nichts in Stein gemeißelt, außer dass wir uns im selben Moment gemeinsam auf die Reise begeben.“(Bild: Caroline De Bon)

Schuberts Lieder werden damit zu einer Art Innenschau, in der sich viele Menschen wiedererkennen: „Wenn man sich ihnen in aller Offenheit ausliefert, kann sich jeder bei Schubert wiederfinden, kann diese Gefühle teilen. Er hat diese Fähigkeit auszusprechen, was andere zwar auch fühlen, aber nicht artikulieren können. Das verbindet diese ganz großen Komponisten – für mich vor allem Bach, Mozart, Schubert. Sie haben es mit einer Unmittelbarkeit, ja einer Direktheit verstanden, die menschliche Seele zu beleuchten und hörbar zu machen.“

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Es gibt keine Kunstform, die einfach nur aus dem Schönen kommt. In einer idealen Welt gäbe es vielleicht gar keinen Grund für irgendeine Art von Kunst.

Matthias Goerne

Was dieses Erforschen des eigenen emotionalen Reichtums mit den Zuhörern macht? „Im Idealfall ist man gelöst, hat etwas geklärt in sich selbst. Man hat die eigenen Gedanken und Gefühle geordnet. Das ist ja bei Kunst generell so. Es gibt keine Kunstform, die einfach nur aus dem Schönen kommt. Das Bedürfnis des Schönen und der Harmonie ist so groß, weil die wirkliche Realität eben nicht so ideal und harmonisch ist – und es niemals war. In einer idealen Welt gäbe es vielleicht gar keinen Grund für irgendeine Art von Kunst.“

Schubert-Lieder

  • Franz Schubert (1797-1228) schrieb in seinem kurzen Leben etwa 600 Lieder. Mit seinen Vertonungen von Gedichten Goethes, Eichendorffs oder Heines prägte er das Kunstlied maßgeblich.
  • Seine beiden Liedzyklen „Winterreise“ op. 89, D 911 und „Die schöne Müllerin“ op. 25, D 795 basieren auf Texten von Wilhelm Müller. Die Liedsammlung „Schwanengesang“ stellte sein Verleger nach Schuberts Tod zusammen.

Stücke mit wenig Hülle und ganz viel Kern
Vor allem die „Winterreise“ ist für Goerne da ein unerschöpfliches Universum: „Da steckt eine nie enden wollende Dimension drinnen, die alle Facetten des Menschseins umfasst – mit aller Kreatürlichkeit.“ Dazu gehören auch die Schatten der Seele: „Es gibt keine Kunst, die nur aus dem Schönen kommt. In einer idealen Welt gäbe es vielleicht gar keinen Grund für irgendeine Art von Kunst.“

Die Schubert-Zyklen hat Matthias Goerne schon hunderte Male gesungen – und entdeckt doch immer noch Neues: „Lebenserfahrung tut diesen Stücken gut, sie wachsen daran. Und egal von welcher neuen Seite man sich nähert: Man trifft immer auf das Innere. Da ist ganz wenig Hülle und sehr viel Kern.“

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Solange wir existieren, brauchen wir diese Art von Gefühlswelt – sie steckt in jedem Menschen. Viele können das nur nicht sehen, nicht zulassen.

Matthias Goerne

In diesen vielen möglichen Annäherungen steckt für Matthias Goerne auch die Zeitlosigkeit von Schuberts Liedern: „Solange wir existieren, brauchen wir diese Art von Gefühlswelt – sie steckt in jedem Menschen. Doch die gegenwärtige Trägheit und Dickhäutigkeit lässt den Gedanken einer tiefen und echten Zerbrechlichkeit kaum zu. Die Menschheit an sich braucht das jederzeit. Viele Menschen können das nur nicht sehen, nicht zulassen. Ich bin da jedoch sehr hoffnungsvoll – ganz im Sinne Schuberts. Diese Stücke werden auch weit über mein Leben hinaus etwas beleuchten, das für manche Menschen etwas ganz Besonderes bedeutet.“

Absolute Freiheit und innere Synchronisation
Von seinem musikalischen Partner, dem Pianisten Daniil Trifonov schwärmt der Bariton: „Er gibt mir das absolute Gefühl von Freiheit. Da ist eine tiefe innere Synchronisation. Zwischen uns ist nichts in Stein gemeißelt, außer dass wir uns im selben Moment gemeinsam auf die Reise begeben.“

Diese dichten Dramolette nun noch einmal in einer ausgedehnten Konzertserie aufzuführen, ist für den 1967 geborenen Goerne auch eine Art Rückschau auf eine lange Sängerkarriere: „Meine Motivation war es ja nie, berühmt zu werden, sondern in der Musik aufzugehen, dem zu folgen, wohin die eigene Seele und das Herz einen leitet. Wenn das nach so vielen Jahren auf der Bühne in dieser großen Verdichtung und Tiefe mündet, ist das natürlich sehr, sehr erfüllend!“

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