Im „Krone“-Talk

Bobby Conn: „Musik entsteht aus reinem Egoismus“

Musik
11.01.2026 06:00

Unablässig tourt Jeffrey Stafford aka Bobby Conn mit seiner Ehefrau durch die Weltgeschichte, um seine oft improvisierte und schräge Form von No Wave und Avantgarde-Popmusik mit den Menschen zu teilen. Beim letzten Auftritt im Wiener Chelsea schnappten wir uns dn 58-Jährigen, um mit ihm über modulare Synthesizer, Sly & The Family Stone und das Spiel mit der Exzentrik zu sprechen.

kmm

In einer Welt der zunehmenden Gleichströmung und materialistischer wie auch ideeller Globalisierung ist ein schräger Typ wie Bobby Conn auffälliger als je zuvor. Conn heißt eigentlich Jeffrey Stafford, ist 58 Jahre alt und stammt aus der Independent-Musikszene Chicagos. Mit seiner adoleszenten Punk-Band The Broken Kockamamies ließ er sein Publikum mit absurden Stroboskop-Lichteffekten fast erblinden, mit der Avantgarde-Rockcombo Conducent entdeckte er 1989 die Liebe zur Improvisation. 1994 entschied er sich für eine Solokarriere, die er seither mit seiner Ehefrau Julie Pomerleau, auch bekannt als Monica BouBou, bestreitet. Conn singt, spielt Gitarre und arbeitet mit seinen modularen Synthesizern, Pomerleau fügt das Ihre mittels elektrischer Geige bei. Daraus kristallisiert sich ein Soundbatzen, der irgendwo zwischen No Wave, Noise, Glam Rock und avantgardistischer Midwest-US-Musik pendelt. Inhaltlich sind Conns Songs aber purer Punkrock – schließlich behauptet er, dass so gut wie jedes seiner Alben eine offene Kritik am gegenwärtigen Zustand Amerika seien. Da hat er aktuell also viel zu tun.

Endlich Struktur in der Musik
Dass sein im vergangenen Herbst erschienenes Werk „Bobby’s Place“ dabei fast schon geradlinig klingt, kam für viele Fans überraschend. „Ich wollte ein Album mit Rocksongs machen, die strukturierter sind“, erklärte Conn der „Krone“ bei seinem Auftritt im Wiener Chelsea letzten September, „Musik hat für mich etwas Architektonisches. Alles muss zueinander passen und aufeinander aufbauen können. Einmal in meinem Leben wollte ich ein Rockalbum machen, das sich nicht verfranzt, sondern zugänglich und überlegt komponiert ist.“ Während Conn im Barbereich des Wiener Gürtellokals mit uns spricht, sitzt Juli daneben und strickt an einer überdimensionalen Bärentatze. Mit dieser habe man früher bei Live-Konzerten gerne scherzhaft Zuseher attackiert. Warum also nicht wieder? Nur muss man das Material dafür wieder in Form bringen. Der Wien-Gig kam dafür ganz knapp zu früh.

Ans Chelsea erinnert sich Conn aber gut zurück. 1998 habe er hier seinen allerersten Österreich-Gig gespielt, der fast zum Abbruch geführt hätte. „Damals durfte in Clubs noch geraucht werden und vor lauter Nebel sah ich nicht einmal die Leute vor mir. Sowas habe ich in all den Ländern und Venues mein Leben lang nicht gesehen, das war schon ein ganz spezielles Erlebnis.“ Mit weit mehr als dreieinhalb Dekaden Live-Erfahrung ist Conn, der sich für die Bühne auch stets in ein schrilles Outfit begibt und eine Art von Verwandlung durchlebt, natürlich kaum noch zu erschüttern. Nur die Corona-Jahre brannten dem leidenschaftlichen Musikerehepaar bleibende Sorgenfalten ins Gesicht, sind die beiden mit ihrem bescheidenen Lebensstil doch darauf angewiesen, so viel wie möglich live zu spielen, um sich den Lebensunterhalt mit den beiden gemeinsamen Kindern leisten zu können. „Wenn du länger nicht unterwegs bist, musst du dir dein Publikum zum Teil wieder von vorne erarbeiten. Für einen Act, wie wir es sind, ist das fast unmöglich.“

Früher war doch vieles besser
Conn selbst geht kaum zu Konzerten und liebt – als seltener Besucher und Musiker – jene, die möglichst früh zu Ende sind. „Der Headliner kann um 22 Uhr ruhig durch sein, dann komme ich zu einer halbwegs vernünftigen Zeit ins Bett und kann mir vorher noch meinen Gewürztee aufsetzen.“ Der Grat zwischen Ernsthaftigkeit und Humor ist bei Bobby Conn immens schmal. Jahrelang machte er sich einen besonderen Spaß daraus, Pressevertreter bei Interviews mit Nonsens-Antworten in die Irre zu führen und stilisierte sich damit zu einer besonders schrägen Kultfigur. Diese besonderen Verhaltensweisen sind zum Teil seiner natürlichen Persönlichkeit geschuldet. „Vielleicht habe ich ADHS, ich weiß es nicht, aber ich bin sehr schnell gelangweilt.“ Conn steht dazu, dass ihm die Vergangenheit im Musikbusiness nähersteht als die Gegenwart. „Früher gab es anarchischere Musikkollektive. Man konnte nicht jedes Set von YouTube abrufen und wurde viel öfter überrascht. Das hat mehr Spaß gemacht. Als Musiker auf der Bühne und sicher auch für den Besucher vor der Bühne.“

1998 war übrigens nicht nur Conns erstes Österreich-Konzert, dort veröffentlichte er mit seinem Zweitwerk „Rise Up!“ sein bis heute prägendstes und wohl auch beliebtestes Soloalbum. „All die Dinge, vor denen ich auf diesem Album gewarnt habe, sind in den USA eingetreten“, denkt er mit Kopfschütteln knapp 30 Jahre zurück, „schon damals war klar, was in den USA passieren würde, als George W. Bush im Aufkommen war. Aber gut, ich singe seit mehr als 30 Jahren gegen die Probleme in meiner Heimat an und es wird alles immer noch schlimmer.“ Die Nostalgieschleife zurück in die eigene Vergangenheit nimmt Conn mit viel Vorsicht. „Man verfängt sich immer in der eigenen Historie. Vor vielen Jahren spielte ich mal eine Show mit Arcade Fire und war überrascht davon, wie viel U2 man in den Strukturen ihrer Songs heraushört. Sie sind eine Indie-Band, aber der Sound ist von Bono und Co. nicht so weit entfernt, wie sie das wohl gerne hätten. Ich bin musikalisch mit mehr Dissonanz aufgewachsen. ,Bobby’s Place‘ ist ein strukturiertes und fröhliches Album, aber prinzipiell brauche ich in meiner Musik mehr Würze. Diese hymnischen Power-Chords sind mir zu wenig.“

Anleihen bei den ganz Großen
Dass Bobby Conn seine Musik in erster Linie für sich und nicht für ein Publikum schreibt, ist an den Songs unschwer zu erkennen. „Es ist großartig, wenn die Menschen meinen Sound mögen und zu den Konzerten kommen. Es sichert unser Überleben, aber Musik entsteht in erster Linie aus reinem Egoismus. Da ist überhaupt kein Platz dafür, in irgendeiner Art und Weise an andere zu denken. Aber ja - gäbe es eine wissenschaftliche Formel dafür, wie man einen funktionierenden und beliebten Radio-Hit schreibt, ich würde es machen. Dass mein Sound auf manche so komplex wirkt, passiert nicht aus dem Bewusstsein heraus, es so machen zu wollen. Ich kann offenbar nicht anders Musik schreiben.“ Welches Album aus der Musikhistorie hätte Bobby Conn denn am liebsten selbst geschrieben? „,There’s A Riot Goin‘ On‘ von Sly & The Family Stone“, kommt es wie aus der Pistole geschossen, „oder ,Generic‘, das Debütalbum von Flipper. Das war schräg. Als Drittes würde ich ,Hunky Dory‘ von David Bowie nennen. Fix ist, dass keines meiner Alben diesen Meisterwerken jemals wird das Wasser reichen können.“

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