Nach mehr als sechsjähriger Konzertpause befindet sich der einstige Soul-Gott Xavier Naidoo wieder auf Tour – 14.000 folgen ihm an einem klirrend-kalten Jännersonntag in die Wiener Stadthalle. Dort ließ er ganz die Musik sprechen – und tat so, als hätte er sich nie jahrzehntelangem Geschwurbel und antisemitischen Strömungen gewidmet.
Deutschland sei noch immer besetzt. Der einstige deutsche Bundespräsident Horst Köhler wäre verantwortlich für die Finanzkrise 2007 gewesen, wogegen man auf die Straße gehen und protestieren sollte. Die deutsche Bundesregierung habe den Amerikanern in Geheimvereinbarungen erlaubt, die Deutschen zu überwachen. Die historischen Nazis seien eigentlich die Linken gewesen. Die amerikanischen Morgenthau- und Hooton-Pläne würden zur Vernichtung Deutschlands aufrufen – ausgelöst durch eine Umvolkung. Die CIA habe die Terroranschläge 2001 (USA), 2004 (Madrid) und 2005 (London) inszeniert. Reiche Menschen würden brutale, satanische Ritualmorde an Kindern verüben, um dann ihr Blut zu trinken, um ewige Jugend zu bekommen. „Muslime tragen den neuen Judenstern. Alles Terroristen, wir haben sie nicht mehr gern.“ Hinter der Klimabewegung „Fridays For Future“ steckte der Antichrist und die deutsche Bundesregierung hätte zu Corona wegen der Schutzmaßnahmen verklagt gehört.
Dreiminütige Lebens-Kehrtwende
All das klingt wirr, grotesk, schräg, aber auch menschenfeindlich, antisemitisch und aus den Fingern gesaugt? Willkommen in der kunterbunten Welt der Mannheimer Soulstimme Xavier Naidoo. Oben angeführte Themenbereiche sind entweder direkte Zitate, Telegram-Nachrichten, Songtexte oder öffentlich verbreitete Ansichten des heute 54-Jährigen über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren. Der Mann, der als Solokünstler und mit den Söhnen Mannheims die deutsche Musikwelt erobert und revolutioniert hat, hat mit seinen kruden Ansichten und dem dauerhaften Abdriften in die finstersten Themenecken nicht nur viel von seinem Renommee verloren, es ging auch tief hinein ins strafrechtlich Illegale. Im April 2022 postete Naidoo dann ein nur etwas dreiminütiges Video, wo er sich für seine Taten und Ansichten entschuldigte und sich gleichzeitig von seiner Vergangenheit distanzierte. Personen wie Michael Wendler, Attila Hildmann und Martin Sellner verloren über Nacht den Glauben an ihren geheiligten Anführer – Naidoo selbst sei durch seine ukrainische Frau und den Angriffskrieg der Russen auf die Ukraine zum allgemeinen Nachdenken bewogen worden.
So sehr die Aussage, die Kunst immer vom Künstler zu trennen, korrekt ist, stellt sich schon auch die Frage, wie viel Rahmen man einem Künstler mit einer derartig gemeinschaftsgefährdenden Vita im öffentlichen Raum geben sollte. Nicht nur der Veranstalter und die Venue haben sich für Naidoo entschieden, sondern auch rund 14.000 Fans, die für eine knallvolle Wiener Stadthalle sorgen. Die Analyse dahingehend ist besonders interessant, weil sich der Großteil der Fans wohl als unpolitisch kategorisieren lässt und ihren Helden vorwiegend für sein Liedgut, seinen Charme und die eigene Nostalgie feiert. Natürlich – so gut wie alle Mittvierziger mit der Liebe zu Soul und R&B haben ihre Adoleszenz in die romantischen Soundhände des Barden gelegt, doch wie vehement und konsequent alle Nebengeräusche Naidoos ausgeblendet werden, nur um sich dem eigenen unkritischen Eskapismus hinzugeben, ist äußerst interessant. Die Quintessenz: Der Wunsch nach einem schönen Abend bedingt, dass man alle lästigen Störfaktoren einfach wegschiebt und beiseite kehrt. Ein spannendes, aber auch nicht ganz ungefährliches gesellschaftliches Phänomen.
Musikalisch in Top-Form
Rein musikalisch kann man Naidoo nach der langen Pause nichts vormachen. Gemeinsam mit einer sechsköpfigen und musikalisch über alle Zweifel erhabenen Band nützt er das Zentrum der überdimensionalen Stadthallenbühne und bleibt lieber dezent, wie man es abseits von Social Media und dem Internet im Allgemeinen von ihm gewohnt ist. Dunkelblauer Gehrock, die programmatische Kappe und spiegelnde Sonnenbrillen gehören zu seinem Bühnenaccessoires, dazu natürlich das Mikrofon samt Ständer, dass bei den unzähligen Faserschmeichlern der Marke „Bei meiner Seele“, „Mut zur Veränderung“, „Abschied nehmen“ (samt eingeblendeten Bildern von verstorbenen Freunden und Wegbegleitern auf der überdimensionalen, rechteckigen Videowall) oder „Bitte hör nicht auf zu träumen“ als Zentrum dient. Naidoos Stimme ist kraft- und ausdrucksvoll, wie der Künstler im Ganzen ungemein fit, jung und vital wirkt. Vielleicht lag das an der verspeisten Frittatensuppe des überzeugten Vegetariers, der Stadt Wien schmiert er ohnehin des Öfteren Honig ums Maul.
Man könne „ohne Weiteres hier wohnen, es ist schon schön“, beteuert er zu Beginn. Der Refrain zu seinem Hit „Bevor du gehst“ sei ihm gekommen, als er einst in Wien am Ring entlangfuhr und dazwischen „wienert“ es wiederholt in den Zwischenansagen zu den einzelnen Liedern. Wäre das Drumherum nicht so schwerwiegend, es wäre ein schöner Konzertabend. Der Sänger feiert sein Team und blendet alle Namen ein, er wünscht sich ein globales Kriegsende, weil „wir solche Lieder dann nicht mehr singen müssten“ („Söldnerlied“) oder geht beim bekannten „Dieser Weg“ auf den wenig benutzten Bühnensteg. Dazu eine auf Wien zugeschliffene Version des Söhne-Mannheims-Hits „Und wenn ein Lied“ (das einzige Cover des Abends), eine biblische Religionshommage („Führ mich ans Licht“) und der Song „Hört, Hört“, bei dem eine Textzeile wie „Meine Stimme haben viele gehört, meine Worte haben viele verstört“ wohl schon 2013 programmatisch war. In „Seine Straßen“ heißt es „vorbei sind die Zeiten der Vergebung“ – wiewohl er sie bedingungslos für sich selbst fordert.
Als wäre nie etwas gewesen …
Zwei Stunden lang begeistert er seine Fans mit nicht weniger als 25 Liedern aus seiner reichhaltigen Diskografie, mit keinem einzigen Ton geht er auf seine Vergangenheit, die Vorwürfe oder seine durch die Entschuldigung befeuerte Kehrtwende ein, um einige der vielen offenen Fragen zu beantworten oder so manches Fragezeichen im Kopf zu entwirren. „Es ist viel passiert, aber hier ist es immer herrlich“ gibt er während der Show kund. Abseits seiner selbstgebastelten Realität entkommt er seiner Lage aber nicht so leicht. Am Landgericht Mannheim sind noch immer zwei Verfahren wegen Volksverhetzung gegen Naidoo anhängig. Es geht um holocaustleugnende und antisemitische Inhalte, die via Telegram verbreitet wurden. Indes bliebt der Aufschrei der Wiener Stadtgrünen, die durchaus federführend bei den Absagen der Konzerte von Pantera (2024) und Kneecap (2025) waren, über Monate hinweg aus – gewinnt am Ende Naidoo. Der Rubel rollt und alle Anwesenden sind glücklich. Brot und Spiele für die Massen - was sind dagegen schon zwei Dekaden vollkommene Verirrung?
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