Die Aussagen von Oskar Deutsch im „ZIB“-Interview lassen weiter die Wogen hochgehen. So meinte der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Österreichs, man wisse nicht, ob es eine Hungersnot im Gazastreifen gebe. Im Übrigen wolle die Hamas nicht, dass die Bevölkerung versorgt werde. Im „Krone“-Interview übt jetzt auch Elie Rosen, Präsident der jüdischen Gemeinde in Graz, Kritik an seinem Wiener Amtskollegen.
„Krone“: Herr Rosen, es hat viel Kritik gegeben am Auftritt von Oskar Deutsch in der „ZiB 2“. Wie beurteilen Sie Deutschs Aussagen?
Elie Rosen: Auftritte dieser Art sollten eigentlich Brücken schlagen und Bewusstsein hinsichtlich der Dimension eines Krieges für beide Konfliktparteien schaffen. Die humanitäre Situation im Gazastreifen vollkommen zu negieren, hat sicherlich nicht dazu beigetragen, die Wogen zu glätten. Sondern vielmehr die Frage aufgeworfen, ob auf unserer Seite ausreichend Sensibilität vorhanden ist. Das Interview hat die Lage, die ohnehin schon sehr angespannt ist, jedenfalls nicht entschärft.
Präsident Deutsch sagt ja mehr oder weniger, man wisse nicht, ob es im Gazastreifen eine Hungersnot gebe. Es gibt dafür sehr wohl Belege.
Herr Deutsch spricht die Propaganda-Bildverbreitung im Internet und die vielen Fake-Bilder an. Dabei übersieht er allerdings, dass es ein humanitäres Problem in Gaza gibt, das niemand verleugnen kann. Überall, wo Krieg herrscht, leiden und hungern Menschen, und das nicht ausreichend anzuerkennen, ist aus meiner Sicht der falsche Weg.
Es gibt ja nicht nur innerhalb der Bevölkerung Kritik am Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, sondern auch innerhalb Ihrer Gemeinschaft. Was sagen Sie zu dieser internen Kritik?
Überall, wo Menschen arbeiten, gibt es auch Kritik. Die jüdischen Gemeinden sind keine homogene Masse, daher gibt es zwangsläufig auch divergierende Meinungen. Das ist durch das Interview sicher nicht ins Bewusstsein gerufen worden. Als Vertreter einer Religionsgesellschaft wäre man gut beraten, zu entpolarisieren und auch darzustellen, dass eine differenzierte Diskussion innerhalb der jüdischen Gemeinden möglich ist.
Antisemitische Vorfälle haben zuletzt sehr stark zugenommen. Wie merken Sie das persönlich?
Generell beobachten wir ein starkes Ansteigen des Antisemitismus in Europa innerhalb der letzten zehn Jahre. Das war schon vor dem Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 der Fall, aber seither sind die Angriffe auf uns aufs Unerträgliche angestiegen. Ich selbst bekomme Mails, wo ich wüst beschimpft, mitunter als Nazi bezeichnet werde, wo man meint, man müsse mich eliminieren usw. Das nimmt schon eine Dimension ein, die mich betroffen macht.
Immer mehr Staaten wollen Palästina als Staat anerkennen. Wie ist Ihre Position dazu?
Mit der Anerkennung der palästinensischen Gebiete soll der Druck auf Israel erhöht werden. Man muss sich allerdings schon auch bewusst sein, dass die Eckpunkte dieser Staatenfrage großteils ungelöst sind, etwa was den Status von Jerusalem betrifft. Mit der Anerkennung eines Palästinas werden die terroristischen Angriffe auf Israel weitergehen, weil das Existenzrecht Israels von arabischer Seite damit nicht außer Streit gestellt ist. Das zu glauben, wäre naiv.
Das Verhältnis zur Grazer Bürgermeisterin Elke Kahr war lange Zeit belastet, die KPÖ wurde sogar von einer Veranstaltung aus der Synagoge ausgeladen. Haben sich die Wogen mittlerweile geglättet?
Ich hatte mit der KPÖ und der Bürgermeisterin rund um den 9. November 2023 eine diesbezügliche Auseinandersetzung, das ist bekannt. Elke Kahr hat danach allerdings eine Größe gezeigt, die für mich unerwartet war. Sie ist auf mich zugekommen und hat den Dialog gesucht. Das muss ich mit Respekt anerkennen. Sie hätte damals die Situation eskalieren lassen können, hat das aber nicht gemacht. Das verbindet. Überall, wo Dinge eskalieren, wird es schwierig.
Die Landesregierung steht ja offiziell hinter der jüdischen Gemeinde, aber bei Ihrem Projekt eines eigenen Kulturzentrums in Graz scheint seit Jahren nichts weiterzugehen. Erwarten Sie sich mehr Unterstützung?
Ich würde mir wünschen, dass am 15. September 2025, fast fünf Jahre nach der Absichtserklärung von Stadt und Land, mit dem Bau eines jüdischen Kulturzentrums begonnen werden kann. Vom damaligen Landeshauptmann Christopher Drexler ist 2023 das Versprechen gegeben worden, das nunmehr vorliegende Projekt zu realisieren, bis dato sind wir aber noch immer nicht so weit. Ohne einen Baubeginn im Herbst werden wir das Projekt aufgeben müssen. Politisch scheint eine Unterstützung der jüdischen Gemeinden im Moment halt nicht populär zu sein.

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