"Vatileaks"-Autor

Nuzzi: “Viele hätten Kardinal Schönborn als Papst begrüßt”

Österreich
16.03.2013 17:00
"Vatileaks"-Autor Gianluigi Nuzzi kennt wie kein anderer die Intrigenspiele der mächtigen Römischen Kurie. Im "Krone"-Interview mit Nadia Weiss spricht er über den neuen Papst Franziskus, Gerüchte über Sex-Partys und Homosexuellen-Netzwerk im Vatikan sowie das geheime Papst-Dossier über die Hintergründe von "Vatileaks". Und er erzählt: "Viele hätten es begrüßt, wenn Kardinal Schönborn zum Papst gewählt worden wäre."

Die kleinen Gassen rund um den Petersplatz leeren sich in den Abendstunden schnell. Der Borgo Pio ist eine verwinkelte Wohngegend innerhalb der Vatikanmauern. Gianluigi Nuzzi, Autor von "Vatikan AG" und "Seine Heiligkeit", steuert die schlichte Trattoria "Al Passetto di Borgo" an. Ein Monsignore, vereinzelte Touristen und die als "Vaticanisti" bezeichneten Papst-Berichterstatter sitzen an den wenigen Holztischen verteilt.

Einige der Journalisten erkennen Nuzzi und wollen seine Meinung über das Konklave wissen. Wer hat wen unterstützt? Welche Rolle haben die Amerikaner und "Vatileaks" gespielt und - Gesprächsstoff in Rom - ist Papst Franziskus eigentlich doch ein Italiener?

"Krone": Herr Nuzzi, Papst Benedikt XVI. hat seinem Nachfolger ein Dossier über die Hintergründe von "Vatileaks" hinterlassen. Ahnen Sie, was es beinhaltet?
Gianluigi Nuzzi: Das Dossier wird bestimmt einen gewissen Einfluss auf die Arbeit von Papst Franziskus haben. Immerhin umfasst es 300 Seiten über die Arbeit der Kurie und der Skandale, die sie innerlich aufwühlen.

"Krone": Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn hat wörtlich von einem Stall gesprochen, der aufgeräumt gehört...
Nuzzi: Schönborns Worte, insbesondere in Hinblick auf die Machenschaften der Vatikanbank, stoßen in Italien auf großes Interesse. Viele hätten es begrüßt, wenn er zum Papst gewählt worden wäre.

"Krone": Papst Franziskus wurde hingegen in den vergangenen Tagen wegen seines Umgangs mit der früheren argentinischen Militär-Diktatur heftig kritisiert (siehe Story in der Infobox). War die ungewöhnlich scharfe Zurückweisung des Vatikans eine angemessene Reaktion?
Nuzzi: Vatikan-Sprecher Lombardis Aufgabe ist es, den Heiligen Vater zu beschützen, und das macht er sehr gut. Die Rolle eines Journalisten ist es, die Wahrheit zu suchen. Diese Vorwürfe gegenüber Papst Franziskus wirken für mich jedoch wie ein gezielter Versuch, ihm die Legitimation als Pontifex abzusprechen. Den Anschuldigungen muss natürlich nachgegangen werden. Dabei ist ein Ereignis aber mit all seinen Zusammenhängen zu sehen.

"Krone": Wie haben Sie die Authentizität Ihrer Quellen bei "Vatileaks" überprüft?
Nuzzi: Ich publiziere nur Fakten. Alles andere kann ich mir gar nicht leisten. Ich gestehe Ihnen ganz ehrlich, dass ich vor Veröffentlichung von "Vatikan AG" Angst hatte. Immerhin geht es darin um Vorgänge innerhalb einer der professionellsten und mächtigsten Organisationen der Welt.

"Krone": In einem Artikel für die spanische Zeitung "El Mundo" schreiben Sie von Gerüchten über ausschweifende Sex-Partys und einem Homosexuellen-Netzwerk im Vatikan. Sind hier die Ursachen für "Vatileaks" zu suchen?
Nuzzi: Justizakten fallen für mich nicht unter die Kategorie Gerüchte. Es ist Tatsache, dass die Römische Staatsanwaltschaft in einem Fall ermittelt, an dem ein Bischof mit dem Spitznamen "Jessica" beteiligt ist. Was das Homosexuellen-Netzwerk betrifft, ist es mir wichtig zu betonen, dass die Sexualität einer Person in diesem Zusammenhang nur deshalb problematisch ist, weil sie dadurch erpressbar wird. Ich denke, dass vertrauliche Dokumente weitergegeben wurden, weil manche Personen diese Zustände beseitigen wollen.

"Krone": Womit sollte nun schnell aufgeräumt werden?
Nuzzi: Das Grundproblem liegt meiner Meinung nach im schwierigen Verhältnis zwischen Geld und Glauben. Wer für die Seelen sorgt, hat meist wenig Talent, sich um Finanzen zu kümmern - und umgekehrt.

"Krone": Wie schätzen Sie diesbezüglich Papst Franziskus ein?
Nuzzi: Er hat die Herzen der Italiener durch seine bescheidene Art und die Namenswahl im Sturm gewonnen. Es ist erstaunlich, dass es gelungen ist, seinen Namen aus allen bekannten "Papabile"-Listen herauszuhalten. Was die Reform der Kurie betrifft, würde ich die Bestellung seines Staatssekretärs abwarten. Nun scheint es möglich, das Tarcisio Bertone seine Macht bis auf Weiteres behält. Das wäre kein Zeichen für Erneuerung. 

Noch mehr "Vatileaks"
In den kommenden Tagen erscheint Nuzzis Bestseller "Seine Heiligkeit – Die geheimen Briefe aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI." in den USA unter dem Titel "Ratzinger was afraid" ("Ratzinger hatte Angst"). Dieser Ausgabe wird ein neues Kapitel mit bisher nicht veröffentlichten Dokumenten beigefügt. Die amerikanischen Kardinäle sollen vor und nach dem Konklave vehement die Aufklärung der angeprangerten Missstände im Vatikan gefordert haben. Dieser Wunsch nach Transparenz soll mit den Ausschlag gegeben haben, Kardinal Bergoglio und nicht den Mailänder Kardinal Scola zu wählen.

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