Schon im Intro-Video des neuen "Tomb Raider" erteilt das von Square Enix vertriebene Game dem Spieler eine ordentliche Lektion darin, was bei einer archäologischen Expedition alles schiefgehen kann. Gemeinsam mit ihrem Mentor, dem glücklosen Archäologen James Whitman, und einer kleinen Crew ist die blutjunge, erst 21-jährige Lara Croft auf der Suche nach der sagenumwobenen Insel Yamatai, auf der sie Hinweise zu einer sagenumwobenen japanischen Herrscherin vermuten. Als die Expedition mit ihrem Schiff Kurs auf den vermutlichen Aufenthaltsort nimmt, passiert das Unglück.
Die Expedition gerät in einen verheerenden Sturm, das Schiff sinkt, Lara geht über Bord und verliert ihre Kameraden. Als sie am Strand einer mysteriösen Insel angespült wird, weicht die Erleichterung schnell Entsetzen, als die junge Studentin von einem mysteriösen Kultisten verschleppt und in einer Höhle voller Gebeine festgehalten wird. Sie entkommt um Haaresbreite, ist allerdings völlig auf sich gestellt. Durchnässt, verängstigt, blutend und verschwitzt macht sich die junge Lara auf die Suche nach ihren Freunden und dem Geheimnis der Insel.
Auf der Insel lauert Gefahr hinter jeder Ecke
Dass die Insel von Kultisten bewohnt wird, die in ihrer Freizeit mit Vorliebe Schiffbrüchige foltern, töten oder vergewaltigen, weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Schließlich hat sie in den ersten Spielstunden andere Sorgen - sie braucht Nahrung, eine Waffe, kurzum: alles, was man als Gestrandeter so braucht. Die Nahrungssuche entwickelt sich dabei zu einem der Schlüsselerlebnisse für die angehende Archäologin. Zum ersten Mal muss sie töten, um zu überleben. Auch wenn es die zarte Studentin eigentlich gar nicht will: Um ihren Hunger zu stillen, erlegt sie einen Hirsch – und entschuldigt sich nach der Tat prompt bei dem im Sterben liegenden Tier, bevor sie es ausweidet.
Es sind Momente wie dieser, welche die neue Lara Croft glaubwürdig machen. Wenn sie verletzt wird, schluchzt sie. Wenn sie durch hüfthohes Wasser watet, beschwert sie sich über die Temperatur des kühlen Nasses. Wenn sie über Baumstämme balanciert, redet sie sich selbst gut zu. Und wenn sie ihren ersten menschlichen Gegner aus Notwehr mit einem Kopfschuss abwehrt, woraufhin dieser blutüberströmt und röchelnd am Boden liegt und seinen letzten Atemzug tut, dann wirkt Laras traumatisierte Reaktion darauf so glaubhaft, dass sie glatt einem Film entstammen könnte.
Lara Croft: Vom Busenwunder zum Menschen
Die neue Lara Croft gefällt. Sie ist nicht mehr das seelenlose Busenwunder, das in den bisherigen Teilen der Serie durch die Levels hüpfte, sondern eine verletzliche, menschliche Heldin, die das Abenteuer, das sie erlebt, nicht aus purer Lust an selbigem, sondern schlicht aus der Not heraus meistert. Dieser Eindruck entsteht zumindest durch die hochwertigen Zwischensequenzen, mit denen die Entwickler die Fortschritte des Spielers immer wieder belohnen.
Leider – und das ist der einzige echte Kritikpunkt an der neuen Lara – beschränkt sich ihre Rolle der jungen Studentin, die über sich hinauswachsen muss, um zu überleben, auch weitestgehend auf besagte Zwischensequenzen. Sobald der Spieler wieder das Steuer übernimmt, geht die Frau über Leichen, ganz ohne die moralischen Skrupel, die sie noch bei ihrem ersten Töten geplagt hatten. Tatsächlich ist das Spiel sogar vergleichsweise blutig und für Kinder eindeutig nicht geeignet.
Düstere Atmosphäre leidet unter zu vielen Gegnern
Wenn Laras erstes Opfer mit blutüberströmtem Kopf sterbend am Boden liegt oder die umtriebige Archäologin von einem Wolf angefallen wird, der seine Zähne in ihren zarten Hals gräbt, wenn der Spieler nicht im richtigen Moment die passenden Knöpfe drückt, dann glänzen diese Szenen durch einen fast schon beängstigenden Realismus. Das ist der Stimmung und Atmosphäre zuträglich, insgesamt kommt das neue "Tomb Raider" aber unerwartet düster daher und ist stellenweise nichts für schwache Nerven.
Derlei gelungene Schockeffekte sind jedoch seltene Highlights. Die meiste Zeit ballert sich Lara mit Bogen, Pistole, Schrotflinte und Konsorten durch gesichtslose Horden von Kultisten, bei denen statt Angst nur die Frage aufkommt, wie denn so viele bewaffnete, unangenehme Zeitgenossen auf einer so kleinen Insel so lang unentdeckt bleiben konnten.
Für unseren Geschmack übertreibt es Square Enix zeitweise ein wenig mit der Ballerei und hätte ruhig den einen oder anderen Gegner durch ein kleines Rätsel austauschen können. Knobeleien gibt es im neuen "Tomb Raider" zwar auch, allerdings eher in homöopathischen Dosen. Hüpf- und Klettereinlagen mit spektakulären Script-Events gibt es dagegen wieder genug, was auch ein wenig für die teils dumpfe Ballerei entschädigt.
Fähigkeiten und Waffen können verbessert werden
Generell gilt: Im neuen "Tomb Raider" kämpft und hüpft sich Lara auf der mysteriösen Insel von Gebiet zu Gebiet, entdeckt Artefakte und Geheimnisse, erschießt Kultisten und rettet einige ihrer Freunde. Dabei verfügt die Heldin über ein Erfahrungspunkte-System, mit dem sie im Verlauf des Spiels beispielsweise Ausdauer und Instinkt schärfen darf. Zudem sind Waffen-Upgrades mithilfe gefundener Teile möglich, und zwar in den auf der ganzen Insel verteilten Lagern, an denen Lara Rast machen darf. Das Ganze ist filmreif erzählt, spektakulär animiert und sorgt für reichlich Kurzweil.
Optisch ist das neue "Tomb Raider" ein Leckerbissen. Die Konsolenversionen sehen schon nicht schlecht aus, aber auf dem PC holt Crystal Dynamics nochmal ein Fünkchen mehr Pracht aus dem Titel heraus. Die Hochglanz-Optik zieht sich dabei durch das ganze Spiel: Die Levels sind herrlich detailliert und abwechslungsreich, führen von Dschungelpassagen über alte, verlassene Dörfer bis hinein in vergessene Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Charaktere – allen voran Lara selbst – wurden mit Liebe zum Detail designt und wirken recht lebensecht.
Hochglanz-Optik auf dem PC braucht potente Hardware
Auf dem PC hat die Hochglanz-Optik mit hochauflösenden Texturen, verbesserten Licht- und Schatteneffekten, Kantenglättung und AMDs leistungshungriger Haar-Animationstechnologie TressFX allerdings ihren Preis. Wer das neue "Tomb Raider" in Full-HD-Auflösung mit extrem hohen Details flüssig spielen möchte, der braucht eine starke aktuelle Grafikkarte und einen flotten Prozessor.
Dem Hersteller zufolge dürfen es für hohe Details schon Grafikkarten vom Schlage einer Radeon 5870 oder einer Geforce GTX 480 sein. Der Prozessor sollte für optimale Grafikqualität über vier Rechenkerne verfügen. Achtung ist übrigens für Besitzer von Nvidia-Grafikkarten geboten: "Tomb Raider" erzeugt mit Geforce-Chips immer wieder Grafikfehler und sogar Abstürze. Die Entwickler geloben zwar Besserung, derzeit ist bei der PC-Version jedoch Vorsicht geboten, wenn im eigenen Rechner eine Nvidia-Karte arbeitet.
Soundtrack, Ambiente und Sprecher sind passend
Zum stimmigen Gesamteindruck trägt auch die gelungene Vertonung bei. Die Charaktere sind auch in der deutschen Version gut vertont, der Soundtrack passt sich dem Spielgeschehen an und erfreut mit pathetischen Stücken ebenso wie mit ruhigeren Liedern. Die von Nora Tschirmer – bekannt aus dem Film "Keinohrhasen" – beigesteuerte Lara-Croft-Vertonung passt aus unserer Sicht gut zur neuen, verletzlichen und nicht ganz so hartgesottenen Lara, und auch die Umgebungsgeräusche sind von hoher Qualität. Im Dschungel heulen Wölfe, in Höhlen knistern Fackeln und die Waffengeräusche haben die Entwickler ebenfalls gut getroffen.
Die Steuerung erweist sich als leicht zu erlernen und stellt den Spieler vor keine übermäßigen Herausforderungen. Am PC wird Lara mit Maus und Tastatur gesteuert, alternativ gelingt das Spiel freilich auch mit Gamepads. Lara reagiert dabei prompt auf Tasteneingaben, einzig die Kamera stört ein wenig. Die bietet nämlich in der PC-Version keinen Automatik-Moduas stört allerdings nur selten und sei als Kritik auf hohem Niveau verstanden.
Multiplayer ist nett, hätte aber nicht sein müssen
Die Neuauflage von "Tomb Raider" verfügt über einen Multiplayer-Modus, der mit klassischen Modi à la Team-Deathmatch, Capture-the-Flag, Domination und Deathmatch aufwartet. Einzelne Details der Multiplayer-Modi unterscheiden sich zwar von der Standardkost, letztlich wirkt der Mehrspielermodus jedoch mehr aufgesetzt als wirklich nötig. Für ein, zwei kurze Spielchen mag er taugen, echte Multiplayer-Fans greifen lieber zu bewährter Mehrspieler-Kost, die aus der Ego-Perspektive gesteuert wird.
Fazit: Mit "Tomb Raider" haben Crystal Dynamics und Square Enix einen beeindruckenden Serien-Neustart hingelegt, der durch die filmreife Erzählung, emotionale Momente und eine – im positiven Sinne - ganz und gar ungewohnte, neue Lara Croft überzeugt. Man ist versucht zu sagen: "Tomb Raider" ist jetzt erwachsen – nicht nur der auf Klischees verzichtenden Story und Erzählweise wegen, sondern auch der teils heftigen Gewalteinlagen. Für unseren Geschmack wird etwas zu viel geschossen und zu wenig gerätselt, und auch die Grafik-Bugs mit Nvidia-Hardware und die kleinen Kamera-Macken nerven hie und da. Trotzdem wünschen wir uns schon jetzt eine Fortsetzung des ersten Spiels mit der "neuen" Lara.
Plattform: PC (getestet), PS3, Xbox 360
Publisher: Square Enix
krone.at-Wertung: 8/10
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