Bomben braucht es keine: Es sind 180 Seiten, die aufrütteln. Der neue Jahresbericht der Dokumentationsstelle Politischer Islam zeigt in seltener Klarheit, wie islamistische Netzwerke mitten in Österreich wuchern – mit Graffitis, Propaganda auf TikTok und iranischem Einfluss aus Wiener Hinterhöfen. Und wie sehr Österreich, allen voran Wien, davon betroffen ist.
Seit fünf Jahren beobachtet die Dokumentationsstelle Politischer Islam religiös begründeten Extremismus in Österreich. Der aktuelle Jahresbericht fasst nun zentrale Erkenntnisse zusammen: Die Analyse liest sich wie ein Mix aus Sicherheitswarnung, Gesellschaftsstudie und Blick in die Abgründe der digitalen Welt. „Extremistische Akteure nutzen Propaganda, Desinformation und ideologische Mobilisierung, um Demokratien zu destabilisieren“, heißt es gleich zu Beginn. Die Forscher sprechen von einem „Warnsignal“, das Politik und Gesellschaft nicht ignorieren dürfen.
Hamas-Symbole oder Graffitis der Grauen Wölfe sind bedenkliche Zeichen, die man ernst nehmen muss – im rechtsextremen Bereich erkennt man sie sofort, bei religiös-extremistischen Symbolen ist das Bewusstsein noch viel zu schwach.
Lisa Fellhofer, Direktorin Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI)
Bild: Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI)
Globale Krisen wirken bis in heimische Straßen
Ob Syrien, Gaza oder Iran – Konflikte am anderen Ende der Welt schlagen hierzulande fast in Echtzeit durch. „Wenn etwas in Syrien geschieht, dann wird das hier innerhalb von Sekunden reflektiert“, erklärt Direktorin Lisa Fellhofer. So wurden in islamistischen Milieus in Europa die jüngsten Machtverschiebungen in Syrien bejubelt, ebenso wie der Terrorangriff der Hamas auf Israel. Gruppen, die sonst erbittert gegeneinander auftreten, feiern plötzlich Seite an Seite.
Fellhofer nennt das „Zweckbündnisse“: „Der gemeinsame Feind ist die westliche Säkulargesellschaft. Solange das Feindbild passt, spielt die Ideologie keine Rolle“. Diese Dynamik hat Folgen für Österreich. Demonstrationen, Jubelszenen auf Straßen, aber auch unterschwellige Symbole im Alltag – von Fahnen bis zu Graffitis – zeigen, wie weit internationale Konflikte die heimische Gesellschaft polarisieren.
Wir haben da keine Nebenrolle. Wir spielen eine Hauptrolle im politischen Islam – als Bezugspunkt für viele Organisationen und Akteure.
Ferdinand Haberl, stellvertretender Direktor Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI)
Bild: Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI)
Wien als Drehscheibe für Netzwerke
Die Forscher nehmen dabei kein Blatt vor den Mund: „Wir haben da keine Nebenrolle, wir spielen eine Hauptrolle im politischen Islam“, betont Stellvertreter Ferdinand Haberl. Im Fokus steht das Imam-Ali-Zentrum in Wien. Der Bericht beschreibt es als „direkt aus dem Iran heraus betrieben“, mit engen personellen Verflechtungen zu politischen Eliten in Teheran. Über Jahre habe das Zentrum ein Jugendmagazin herausgegeben, in dem „der Sieg über Israel“ gepriesen wurde. Auch bei den jährlichen Al-Quds-Aufmärschen in Wien spielt das Zentrum eine Rolle – dort wurden mehrfach Hisbollah-Flaggen geschwenkt.
Aber nicht nur Großinstitutionen fallen auf. Fellhofer weist auch auf „salafistische Lifestyle-Shops“ hin, in denen von Kleidung bis Literatur alles angeboten wird, was Radikalität zum Konsumgut macht. Selbst das Straßenbild in Teilen Wiens sei betroffen: Hamas-Symbole auf Wahlplakaten, übermalte Parolen durch die „Grauen Wölfe“. Fellhofer warnt: „Man muss sich bewusst machen, dass solche Symbolik brandgefährlich sind“.
TikTok und Instagram: Radikalisierung per Klick
Eine der zentralen Erkenntnisse des Berichts: Die Radikalisierung junger Menschen läuft heute vor allem über soziale Medien. „Von zehn Online-Angeboten zum Thema Islam sind neun problematisch bis islamistisch“, sagt Mouhanad Khorchide, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats. Junge Menschen stoßen dort fast automatisch auf Kanäle, die einfache Antworten liefern – und gefährliche Feindbilder gleich mit. Ein neuer Trend sind die sogenannten „Lifestyle-Islamisten“. Fellhofer beschreibt sie so: „Vor allem junge Mädchen werden mit dem Versprechen geködert: Der westliche Feminismus bringt euch nicht weiter, wir zeigen euch einen anderen Weg“.
Das ist kein bloßer Online-„Spaß“: Merchandise-Shops liefern gleich das passende Outfit dazu. Von Kopftüchern über Kosmetik bis hin zu Büchern wird Radikalität als cooles Identitätsangebot verkauft. „Online und offline greifen ineinander“, erklärt Haberl. Was im Netz beginnt, endet oft auf der Straße – bei Demonstrationen, Netzwerktreffen oder in den Hinterzimmern radikaler Vereine.
Es reicht nicht, sich von Gewalt zu distanzieren. Die islamischen Gemeinden müssen aktiv dagegenhalten – und jungen Menschen zeigen, wie sie mit problematischen Koranstellen umgehen können.
Mouhanad Khorchide, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats
Bild: Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI)
Forschungslücke: „Wir sind auf einem Auge blind“
Neben der Analyse kritisieren die Autoren auch strukturelle Versäumnisse. „Wir haben mehr als 100 Lehrstühle zum Thema Rechtsextremismus, aber keinen einzigen zum Thema Islamismus in Europa. Das zeigt die Schieflage. Wir sind auf einem Auge blind“, sagt Khorchide.
Das Problem: Während Österreich klare Gesetze gegen Wiederbetätigung im rechtsextremen Bereich kennt, fehlen vergleichbare Regelungen für den politischen Islam. Haberl verweist zwar auf bestehende Paragrafen zu religiös motiviertem Extremismus, räumt aber ein: Man müsse genau prüfen, ob diese greifen – und wie praktikabel sie sind.
Politik unter Zugzwang
Die Regierung hat im Programm den Ausbau der Dokumentationsstelle vorgesehen. Doch die Experten warnen: Das reicht nicht. Fellhofer spricht von einem ständigen Wettlauf: „Einige Akteure sind sehr gut darin, sich neu zu gruppieren. Sobald Maßnahmen ergriffen werden, erfinden sie sich neu. Das ist ein Ping-Pong-Spiel“. Khorchide fordert handfeste Gegenstrategien: „Es braucht dringend mehr Gegenangebote in den sozialen Medien – Projekte, die jungen Menschen zeigen, dass es auch weltoffene Deutungen des Islam gibt.“
Ohne diese Angebote bleibe das Feld den Radikalen überlassen. Zudem fordert er mehr Engagement aus der islamischen Gemeinde ein. Khorchide: „Es reicht nicht, sich von Gewalt zu distanzieren. Die islamischen Gemeinden müssen aktiv dagegenhalten – und jungen Menschen zeigen, wie sie mit problematischen Koranstellen umgehen können.“ Auch bei der Finanzierung aus dem Ausland sehen die Experten noch Nachholbedarf.
Warnsignal und Weckruf
„Religiös motivierter Extremismus ist längst Teil transnationaler Dynamiken geworden“, heißt es in dem Bericht. Konflikte, die in Gaza oder Damaskus beginnen, werden binnen Stunden in Wien, Graz oder Linz weitergetragen – mit Fahnen, Parolen und Social-Media-Kampagnen. Österreich ist dabei längst nicht mehr nur Beobachter, sondern Bühne. Graffitis im öffentlichen Raum, Influencer auf TikTok, Vereine mit Auslandsanbindung – das alles zeigt, wie globale Strömungen hier lokale Wurzeln schlagen. Die Dokumentationsstelle nennt ihren Bericht ein „Warnsignal“. Und die Botschaft ist eindeutig.
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