Gerade in Wien leiden immer mehr Kinder unter Übergewicht. Es ist fünf vor zwölf, mahnen prominente heimische Wissenschaftler in einem gemeinsamen Aufruf. Zahlen belegen: Der Kampf gegen Übergewicht hilft nicht nur den Betroffenen, sondern auch der Wirtschaft, den Staatsfinanzen und dem ganzen Land.
Mehr als jedes vierte Kind in Wien hat vermutlich Probleme mit dem Gewicht. Auf Vermutungen angewiesen ist man, weil es kaum Untersuchungen dazu gibt. Eine neue Studie, zwischen 2017 und 2023 an einer Meidlinger Volksschule durchgeführt, lässt jedoch alle Alarmglocken schrillen: Dort war im Schnitt jedes dritte Kind übergewichtig, jedes vierte sogar gesundheitsgefährdend. Studienleiter Kurt Widhalm spricht von einer „Pandemie der Übergewichtigkeit – und keiner tut etwas.“
Volksschulprojekt zeigte schon, wie es geht
Die Gegenrezepte, entwickelt von Widhalms Uni-Institut für Ernährungsmedizin, lägen bereit. Nur mit „weniger essen, mehr Bewegung“ allein ist es nicht getan, bewies ein mehrjähriges Gesundheitsprojekt an Volksschulen. Die Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten müssten nachhaltig umgestellt werden, auch die Einbindung der Eltern sei entscheidend: Gerade während der Covid-Lockdowns, als die Kinder daheim waren, ist das Übergewichtsproblem in Wien explodiert.
Die fünf Jahre dauernde Studie von Widhalms Team an einer Volksschule in Meidling zeigte, dass dort schon 31,8 Prozent der Kinder übergewichtig sind. Ein Viertel aller Kinder ist sogar als fettleibig einzustufen.
Das Volksschulprojekt von Sportwissenschaftlerin Rhoia Clara Neidenbach zeigte etwa, dass sich die Kinder in einer üblichen Turnstunde mit Völkerball nur sieben Minuten tatsächlich bewegen. Sie ersetzte das Programm mit einer Stunde Hindernisparcours, der mindestens ebenso viel Spaß macht, in Wahrheit aber Kraft- und Ausdauertraining ist. Dazu kam Ernährungsschulung im Klassenzimmer – all das mit positiver Motivation im Vordergrund. Es zeigte sich: Die Kinder nahmen das Gelernte nach Hause mit. Die Zahl der Übergewichtigen in den Testgruppen sank drastisch, die Freizeit wurde viel öfter draußen verbracht.
Physiker Werner Gruber mahnte als ehemals Betroffener, es solle Erwachsenen von morgen nicht gehen wie ihm, der seinen Lebensstil erst in einer Reha-Klinik nach einem Herzstillstand umstellen lernen musste. Tatsächlich ist lang bewiesen: Je früher man Übergewicht loswird, desto leichter bleibt es dabei. Derzeit muss jeder zweite übergewichtige Österreicher die Folgen gesundheitlich selbst schwer büßen. Hoher Blutdruck ist da noch das Mindeste.
„Über Zuckersteuer zumindest nachdenken“
Gabriel Felbermayr betonte als Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts, dass es nicht nur um die Lebensqualität der Betroffenen gehe. Schon acht Prozent der Gesundheitsausgaben hätten mit Übergewicht und seinen Folgen zu tun. Außerdem trügen gesündere Menschen mehr zur Wirtschaft bei. 3,3 Prozent höher könnten die Löhne ohne Übergewicht sein, im Schnitt 1.500 Euro mehr für jeden Österreicher pro Jahr, rechnete er vor.
Jeder Euro, der in den Kampf gegen Übergewicht investiert werde, bringe sechs Euro, nannte Felbermayr eine weitere Kennzahl der OECD. Über Maßnahmen wie eine Zuckersteuer solle die nächste Regierung zumindest „nachdenken“. Diese brächte Österreich an Einnahmen, vor allem aber an langfristig gesparten Ausgaben um die 1,6 Milliarden Euro, schätzt er: „Darum kann man gesundes Mittagessen für alle Kinder finanzieren.“
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