Experte deckt auf

Die schwersten Fehler unseres Schulsystems

Österreich
02.09.2012 18:05
Quotenversprechend getimt bringt Bestsellerautor Andreas Salcher am Montag sein neues Buch auf den Markt: "Nie mehr Schule - immer mehr Freude" ist ein Frontalangriff auf Politiker und Lehrergewerkschafter. Es deckt die "größten Lügen" über unser Schulsystem auf und appelliert an Schüler, Eltern und Lehrer, gemeinsam Reformen herbeizuführen. Salchers Vorwurf: Österreich leistet sich das viertteuerste Schulsystem der Welt, unsere Kinder kämpfen aber bei der Lesefähigkeit in der EU mit Rumänien um den letzten Platz.

Am Montag beginnt in Ostösterreich für rund 470.000 Schüler wieder die Schule - allein in Wien ist es für 17.000 "Taferlklassler" das erste Mal. In die Vorfreude und Erwartung platzt Andreas Salcher nun mit der unbequemen Streitschrift. Seine Vorwürfe: 

  • Jeder fünfte 15-Jährige ist nach neun Jahren Pflichtschule ein funktionaler Analphabet. 
  • Acht von zehn Bewerbern um eine Lehrstelle scheitern trotz positiven Hauptabschlusses. 
  • Mehr als drei Viertel der Eltern leisten nach ihrer Arbeit unfreiwilligen Nachhilfeunterricht für ihre Kinder; allein in Wien kostet das Eltern 866 Euro pro Jahr und Kind. 
  • Zu viele Lehrer: Während die Zahl der Schüler in den letzten 40 Jahren leicht gesunken ist, hat sich die Zahl der Lehrer fast verdoppelt. Auf 1.166.525 Schüler (Zahlen aus 2011) kommen 124.921 Lehrer; in Relation mehr als in den teuersten Privatschulen der Welt. 
  • Ungerechtigkeit und Betrügereien: Ein absurdes Lehrerdienstrecht, das nur in sogenannten "Werteinheiten" rechnet, zahlt den besonders tüchtigen Lehrern möglichst wenig, um damit die weniger tüchtigen besonders zu fördern. Einige besonders Kundige nützen die Schwachstellen im System aus. So gibt es HTL-Lehrer, die mehr als 10.000 Euro brutto im Monat verdienen. Laut geheimen Zahlen liegt die Zahl dieser "Werteinheitenmaximierer" im dreistelligen Bereich. 99,9 Prozent der übrigen Lehrer verdienen während ihrer gesamten Dienstzeit trotz vieler Überstunden weniger als die Hälfte. 
  • Allein im Schuljahr 2010/11 wurden 3,7 Millionen Überstunden "verbraucht", obwohl aufs Jahr gerechnet in Österreich überhaupt nur an jedem zweiten Tag im Jahr Unterricht stattfindet. 
  • Unsere Schulen leben im technologischen Steinzeitalter. Nach wie vor haben Österreichs Lehrer nicht einmal einen persönlichen Computer, E-Mail-Adressen sind an HTL oder HAK üblich, an den AHS nach wie vor die Ausnahme. 
  • Ausbildungsmängel: Die verpflichtende Fortbildung für Pflichtschullehrer beträgt 20 Stunden im Jahr, die der AHS-Lehrer 0 Stunden. Es ist somit gesetzlich gedeckt, dass ein AHS-Lehrer sich in 35 Jahren seiner Dienstzeit keine einzige Stunde fortbildet.

Auf der Strecke bleiben Eltern und Schüler. "Nur gemeinsam können sie die Grundfesten dieses Systems erschüttern", so Salcher. Konkret heiße das: Nie mehr Kinder um fünf Uhr morgens aus dem Bett reißen, nie mehr einen ganzen Tag Frontalunterricht ertragen, nie mehr 50-Minuten-Stunden, nie mehr einen ganzen Tag ohne Bewegung, nie mehr Mobbing, nie mehr Elternsprechtage, an denen man sich eine Stunde am Gang aufstellen muss.

Interview mit Andreas Salcher siehe Infobox!

"Nie mehr Schule" (übrigens angelehnt an ein Lied Falcos, der die Schule verlassen musste, nachdem er zu viele Fehlstunden angehäuft hatte) beschreibt auch die drei Weichenstellungen, die das Parlament beschließen müsste:

  • Neue Lehrer leisten acht Stunden pro Tag Arbeit an ihrer Schule (Unterricht, Coaching, Betreuung von Projekten, Teambesprechungen, individuelle Vorbereitung, Elternarbeit). 
  • Den politischen Parteien wird der Einfluss bei der Bestellung von Schuldirektoren entzogen und bei Verstoß geahndet. 
  • Die Schulen erhalten die volle pädagogische Autonomie und suchen sich die besten Lehrer aus.
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