Live im Gasometer

Foals: Vom brachialen Rock zur zahmen Tanzmusik

Wien
28.06.2023 10:31

Ganze sieben Jahre nach ihrem letzten Stelldichein im Wiener Gasometer kamen die britischen Indie-Heroen Foals Dienstagabend an die alte Wirkungsstätte zurück. Rund 2000 Fans waren Zeuge einer explosiven und karriereumfassenden Show, die von den heimischen Top-Bands Cari Cari und Please Madame würdig eröffnet wurde.

Als sich das ursprüngliche Stammquintett der Foals 2005 aus der Asche zweier anderer Bands formierte, um einen gemeinsamen Sound zu erschaffen, waren die gegenwärtigen Klänge Lichtjahre entfernt. Mit ihrem Debüt „Antidotes“ 2008 war man die etwas andere Indie-Band aus Großbritannien. Nämlich jene, die sich nicht hinter einer hippen Pseudo-Coolness versteckte und mangelte Fertigkeiten hinter Look und Image parkte, sondern die sich dank ihrer Vergangenheit auch in den vertrackten Math-Rock und partielle Metalsphären wagte. Wer das Post-Corona-Album „Life Is Yours“, das vor fast genau einem Jahr erschien, liebt, wird mit den Ursprüngen der Band eher weniger anfangen können. Der bewusst positive und lebensbejahende Gegenstrom gegen Pandemie und Lockdowns versank in Keyboard- und Synthie-Klängen und brachte die Foals endgültig aus dem Headbanger-Eck Richtung Dancefloor.

Kreativität aus Langeweile
„Wir haben über die Jahre so viele verschiedene Platten gemacht, dass jeder Fan sein ganz persönliches Lieblingsalbum hat“, erklärt uns Drummer Jack Bevan vor der Show im Wiener Gasometer. Gitarrist und Keyboarder Jimmy Smith pflichtet ihm bei: „Jedes einzelne Album klingt absolut anders, aber wir sind noch immer mit allen glücklich.“ Dass man sich in den letzten Jahren gar heftig gen Tanzfläche orientierte, lag weniger am charismatischen Frontmann Yannis Philippakis, sondern vorwiegend an Smith. „Ich habe mir während der Lockdowns viele elektronische Instrumente gekauft, darauf herumgeklimpert und experimentiert und bin dann richtiggehend süchtig danach geworden. Dadurch war die Ausrichtung entscheidend vorgegeben.“

Bei ihrem ersten Gasometer-Auftritt nach sieben Jahren vor einer enttäuschenden Kulisse von nur 2000 Fans vermischten sich die lockeren neuen Songs sehr gut mit den schwereren, wühlenden alten. Mit einem Disco-Intro und vielen Lichteffekten betraten die live insgesamt sechs Musiker die Bühne und setzten in der ersten Konzerthälfte größtenteils auf die neuen Songs. Das rhythmische „Wake Me Up“ leitete flott ins Set, „The Runner“, „2001“ und „(summer sky)“ purzelten im Stakkato-Takt nach. Erst bei „Olympic Airways“ ging die Band weit zurück zum Debüt, nur um mit einer ausufernden Jam-Session zum grundfröhlichen „2am“ wieder metaphorisch die Konfettikanonen zu öffnen. Philippakis überzeugte als bulliger Frontmann, seine Mitmusiker bekamen im Hintergrund ausreichend Raum zum Experimentieren.

Zurück aus der Pension
Selbst in den elektronischsten Momenten, wenn der Sänger als einziger noch die Gitarre bediente, während die anderen an Keys und Synthies drehten, spürte man die Stärke des Songwritings und die bodenständige Attitüde der Foals. Das Familiäre und Zusammenhängende ist der Band nicht nur mit den Fans, sondern auch innerhalb der eigenen Grenzen wichtig. So kehrte Bassist Walter Gervers vor erst zwei Monaten aus der selbstgewählten Musikerpension zurück. „Es war ihm wohl wieder langweilig“, lacht Bevan, „Walter hat seine Kids aufgezogen und brauchte Zeit abseits der Bühne. Mittlerweile hat er wohl die Band vermisst, die Kinder wurden älter und so kam er zurück. Sein Platz blieb immer frei, weil wir nie Probleme miteinander hatten. Es fühlt sich so an, als wäre er nie weg gewesen.“

Dieses Gefühl hatten die Fans auch, als sie ihre Helden auf der Bühne sehen. Der Wiener Gasometer mag zwar etwas leer gewesen sein, die Stimmung war bei den Foals aber durchgehend am Siedepunkt. Auf große Ansprachen und Witzeleien verzichtete man, auch der traditionelle Ausflug Philippakis‘ ins Publikum fiel schaumgebremst bzw. gediegen erwachsen aus. Je länger das Set dauerte, umso härter wurden die Nummern. Das mit einem brachialen Ende in ein Lärm-Crescendo ausfadende „Inhaler“ war in seiner Wucht unerreicht. „Black Gold“ und „Late Night“ leiteten schon sehr rustikal in diese Richtung. Im Zugabenteil sorgten das rock’n’rollige „What Went Down“ und der bewusst dissonante, brettharte Closer „Two Steps, Twice“, noch einmal für gehörig Aufsehen. Tanz und Härte unterscheiden sich bei den Foals nicht, den perfekten Spannungsbogen aus ihren unterschiedlichen Ären haben die Briten bis dato aber auch noch nicht gefunden.

Jetzt kommt der Kochkurs
„Wir sind immer auf der Suche nach der perfekten Mischung“, erklärt Smith, „aber wir können mittlerweile aus vielen Alben schöpfen und ziemlich viel ausprobieren.“ Während der knapp 100-minütigen Show blieb keine Minute ungenützt und anstatt langweiliger Geschichten zu erzählen, setzte man voll und ganz auf die Musik. Sozusagen von Nerds für Nerds. Nach dem letzten Album und Tourstationen quer über den ganzen Globus werden die Briten eine wohlverdiente, längere Pause einlegen. Drummer Bevan hat bereits einen dreimonatigen Kochkurs in Irland vorgebucht und will in Zukunft lukullisch auftrumpfen, Gitarrist Smith unterstützt den Bau von Schulen in Costa Rica. Irgendwo dazwischen wird es bestimmt Ideen für das nächste Album geben.

Südlich orientiert erklingt auch Österreichs wüstensandigster Musikexport Cari Cari. Das Partnerduo Stephanie Widmer und Alexander Köck, live stets durch den famosen Schlagzeuger Ivo Thomann verstärkt, verknotete schon früh im Set den Black Sabbath-Klassiker „War Pigs“, der perfekt in die Eigenkompositionen der Marke „Anaana“, „Enter Crocodile Mountain“ oder „Mechikko“ passt. Die trockenen Drums wurden von Widmers Didgeridoo-Spiel und Köcks exaltiertem Bühnengehabe verstärkt, der Klang von zwischen Ohrwurm und Verzerrung mäanderten Tracks wie „Dear Mr. Tarantino“ oder der noch unveröffentlichten Single „My Grandma Says We Have No Future“ fiel für Gasometer-Verhältnisse fein aus. Mit „Summer Sun“ haben die beiden Burgenländer sogar einen echten Hit im Köcher - das Foals-orientierte Publikum kam aber nur sehr langsam auf Touren.

Das Leiberl blieb an
Eröffnet wurde der Konzertabend vom Indie-Quartett Please Madame, das bereits FM4- und Frequency-Bühnen-erprobt ist und keine Probleme damit hatte, die doch schon stolze Zahl an Anwesenden sehr früh am Abend in Schwung zu bringen. Frontmann Dominik Wendl überzeugte nicht nur mit einem breiten Stimmvolumen, sondern auch mit kundigen Fähigkeiten als Einpeitscher. Sichtlich erfreut darüber, dass einige Zuseher doch lieber hier sind als gemütlich an der Donau herumzuliegen, lieferten die Salzburger einen bunten Querschnitt ihrer bisherigen Karriere, der von nachdenklichen Pop-Momenten über eruptiven Rock-Ausritten bis hin zu smoothen Indie-Anklängen reichte. Das dreiköpfige Rhythmusfundament breitete dem Frontmann die Freiheit, sich an Percussions auszutoben und herumzuwirbeln. „Letztes Mal war ich noch oberkörperfrei als Fan in der ersten Reihe bei den Foals“, gab Wendl enthusiasmiert zu. Dieses Mal blieb die Wäsche an. Auch der Rock’n’Roll wird erwachsen.

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