11.05.2022 14:24 |

Pommers Feierabend

Muss man sich die Neuen merken?

Einen schönen Mittwochabend.

Sie haben mich vielleicht vermisst, vermutlich aber nicht, jedenfalls war ich jetzt zwei Tage lang zum Zwecke der Selbstoptimierung auf einem Führungskräfteseminar, damit ich nicht eines Tages der Wolfgang Sobotka unter den Journalisten werde. Alleine in diesen beiden Tagen ist in der österreichischen Innenpolitik so viel passiert, das erreichen Redakteurskollegen in vielen anderen Ländern in dieser Zeitspanne nur dann, wenn sie sich zwischen erstem und zweitem Tag für ein paar Legislaturperioden in die Kryonikkammer legen. Wir haben eine besorgniserregende Routine beim Minister-Roulette entwickelt und können nur von Glück reden, dass Bundespräsident Alexander Van der Bellen nicht nach Angelobungen bezahlt wird. Jetzt also wieder drei Neue, Susanne Kraus-Winkler, Florian Tursky, Norbert Totschnig. Ein Kollege stand heute bei mir im Büro, die neu antrainierten Führungskräfteseminarkommunikationsfähigkeiten austestend, und fragte mich: Muss man sich diese Menschen merken? Und die Antwort ist Nein.

Man kann sie sich doch auch nicht merken. Das menschliche Gehirn ist nur in Ausnahmefällen fähig, diese Fülle an Informationen zu verarbeiten - beim durchschnittlichen Österreicher hat sich durch fortdauernde personelle Rotation an der Spitze der Ressorts in Ventilatorengeschwindigkeit eine Reizüberflutung eingestellt, wie sie sich in dieser Intensität vermutlich nur nach Einnahme von Drogen aus der Gruppe der Psychedelika bemerkbar macht. Und ich kann das Wort vermutlich in diesem Zusammenhang nicht oft genug betonen. Namen spielen in der Innenpolitik für viele längst keine Rolle mehr, um sie sich zu merken, müsste man schon Hans Berchtold sein. Hans wer? Hans Berchtold ist ein Mathelehrer und Merkgenie, ein Schweizer, der in der Sendung „Wetten, dass..?“ mit Thomas Gottschalk innerhalb einer Stunde eine 600-stellige Zahlenreihe auswendig lernen und sie danach aufsagen konnte. Auswendig! 600 Stellen! Für jemanden, der sich schon beim Pincode schwertut, eine Meisterleistung. Dieses besondere Talent macht Berchtold vermutlich zum einzigen Menschen auf der Welt, der ohne Luftholen alle Bundeskanzler, Minister und Staatssekretäre der Republik Österreich seit 2017 aufzählen kann.

Viele Österreicher, die noch nicht vollständig mit der Politik gebrochen haben, versuchen sich Spitzenpolitiker durch äußere Merkmale einzuprägen. Der Mann mit den Turnschuhen. Der Mann mit den langen Haaren. Der Mann ohne Haare. Verändern Personen aber plötzlich ihr Aussehen, wie zuletzt Bildungsminister Martin Polaschek, der sich die Mähne stutzen ließ, werden sie für das menschliche Auge in der Regel unsichtbar. Trotzdem heißen wir die Neuen in der Spitzenpolitik freilich willkommen. Digitalisierungsministerin Margarete Schramböck wird mir journalistisch fehlen.

Ich wünsche einen schönen Feierabend, so Sie einen haben.

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