25.03.2022 14:00 |

Live in Österreich

Greeen: „Verstand ist gut, Bauchgefühl besser“

Seine am Montag in der Wiener Simm City startende Österreich-Tour ist beinahe restlos ausverkauft und die letzten Alben landeten beständig weit oben in den heimischen Charts. Der in Deutschland geborene und in Wien wohnhafte Pasquale Valentin Denefleh aka Greeen trifft mit seinem Reggae-Rap über Selbstbewusstsein, das Kiffen und ein gutes Leben den Nerv mehrerer Generationen. Dass er dabei eine ambivalente Gesellschaftshaltung einnimmt, nimmt er locker in Kauf.

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Immer wieder aufkeimende Diskussionen über Wohl und Wehe möglicher Cannabis- und Marihuana-Legalisierungen zeigen in unregelmäßigen Abständen deutlich auf, dass das Thema auch in einer Welt voller Kriege, Pandemien oder Klimakrisen längst nicht egal ist. Der aus Mannheim stammende und mittlerweile in Wien lebende Pasquale Valentin Denefleh aka Greeen ist einer jener Musiker, die sich vehement für die umstrittenen Naturprodukte einsetzen und das in unterschiedlichsten musikalischen Inkarnationen aufs Tableau brachte. Sein Künstlername resultiert nicht aus dem Zufallsprinzip und auch die vergangenen Alter Egos Der Grüne und B!Smoke sprechen eine eindeutige Sprache. 2014 hat er mit Grinch Hill ein Ventil für seine „dunkle Seite“ gefunden, was im deutschsprachigen Rap-Kontext nicht unüblich ist. Marteria braucht schließlich auch seinen Marsimoto zur Quadratur des Kreises.

Keine Verteufelung
Doch nur aufs Kiffen beruft sich der 32-Jährige längst nicht mehr, wie er im „Krone“-Interview erzählt. „Ich nutze diese Pflanze, um mich kreativ auszutoben, aber ich finde es absolut ungerecht, als Krimineller beschimpft zu werden, während Alkohol okay ist. Von 2013 bis 2017 habe ich in meinen Songs noch nicht einmal erwähnt, dass ich kiffe und Jugendliche experimentieren damit sowieso herum. Da hat kein Künstler explizit was damit zu tun.“ Greeen sieht Cannabis als Inspirationsmittel, um intuitiver und kreativer arbeiten zu können. Einfache Schleichwerbung zu machen, das wäre ihm zu billig. „In meinem Song ,Keine Zeit‘ warne ich ganz klar vor den negativen Folgen des Cannabis-Missbrauchs. Wenn man es übertreibt, wird man faul, hat keinen Antrieb und wird auch vergesslicher. Doch der Alkohol macht dich auch kaputt.“

Von Faulheit kann bei Greeen keine Rede sein. Mit „Highland“, „Hybrid“ und „Das verlorene Album“ sind seit Ausbruch der Pandemie gleich drei Werke erschienen. Während Grinch Hill seit geraumer Zeit Kreativpause hat, sprudelt Greeen vor Ideen über. Die Fans goutieren das und danken es ihm mit hohen Chartplatzierungen und ausverkauften Shows, wie kommenden Montag in der Wiener Arena. Den Erfolg sieht er mit dementsprechender Demut. „Ich komme aus keiner musikalischen Familie, hatte anfangs auch keine Kontakte ins Business und habe mir alles selbst aufgebaut. Ich will zeigen, wozu der menschliche Geist fähig ist und dass der Glaube Berge versetzen kann. Der Verstand ist gut, für die richtigen Entscheidungen im Leben zählt aber der Bauch. Als ich mit 18 sagte, ich möchte Musiker werden, kam als Standardantwort, dass ich gleich Lotto spielen könnte. Die Erfolgsaussichten wären ähnlich. Man muss aber daran glauben, dass man Naturgesetze immer wieder außer Kraft setzen kann.“

Kein Saubermann
Auf seinen Social-Media-Kanälen und bei seinen Liveshows schwingt sich Greeen gerne zu Motivationsreden auf. Vom Schwurblereck will er sich distanziert wissen. „Ich glaube nicht an Kartenlesen und was ich sage, hat auch nichts mit Esoterik zu tun. Der Körper hat den Schlüssel, doch der Verstand blockt ab. Meine ganze Karriere haben nur drei oder vier Entscheidungen nachhaltig geprägt - und das in all den Jahren.“ Greeen übte sich früher als Hip-Hopper im Battle-Rap, verteilte seine Alben auf den Straßen und fuhr schon mal zwölf Stunden, um vor nicht einmal 50 Menschen aufzutreten. Mit der Zeit fand er seine Liebe zu Reggae und kreierte seine Form von „Rappae“, mit der er heute große Erfolge feiert. „Natürlich waren vor allem früher nicht alle Texte jugendfrei, aber es ist ja auch nicht alles schön im Leben. Ich ecke gerne mal an und bin nicht nur der Saubermann. Ich habe auch schlechte Tage und kann ein kleiner Choleriker sein.“

Greeens Fans lieben seine authentische Haltung, die klaren Ansagen und auch die empowernden Songtexte, die Selbstvertrauen und Selbstliebe suggerieren. „Ich stelle mich niemals über andere. Ich würde mich zu jedem Obdachlosen setzen und mit ihm einen Kaffee trinken. Du musst im Leben das akzeptieren, das du nicht ändern kannst und daran schrauben, wo du selbst ansetzen kannst. Jeder auf der Welt hat seinen Rucksack zu tragen und geht mal durch den Himmel und mal durch die Hölle.“ Von politischen Botschaften hält Greeen bewusst Abstand, was nicht bedeutet, dass er für sich klare Grenzen abgesteckt hätte. „Ich habe viel zu viel Halbwissen und Meinung, um wirklich gute Texte daraus zu machen. Wenn man zu wenig Ahnung davon hat, dann sollte man es vielleicht lieber lassen. Ich habe aber eine gewisse Verantwortung in allem, was ich tue, und will nicht als derjenige gelten, der nur Bullshit verbreitet.“

Kein bestimmtes Schema
Über die Jahre hat Greeen gelernt, sein Songwriting zu kanalisieren und sich nicht zu sehr von der jeweiligen Stimmung leiten zu lassen. „Wenn es mir früher schlecht ging, dann schrieb ich Songs, in denen es mir schlecht ging. Das war für mich ganz normal, aber am Ende ging es mir deshalb dann nur noch schlechter. Ich habe mir dann angewöhnt, in meinen schlimmsten Stunden die positivsten Texte zu schreiben, weil das für mich wie eine Therapie ist. Ich begann mich also selbst zu belügen und beförderte mich in eine Art Peter-Pan-Welt, um mir das Leben zu erleichtern. Wenn ich ,Three Little Birds‘ von Bob Marley höre, dann genieße ich das so sehr, dass die Welt neben mir untergehen kann. Und genau dieses Gefühl möchte ich mit meiner Musik den Menschen vermitteln.“

Quer live durch Österreich
Greeen tritt am 11. April in der Wiener Simm City, am 12. April im Grazer ppc und am 13. April im Linzer Posthof auf. Coronabedingte Ersatzttermine für Salzburg und Innsbruck folgen. Die Gigs sind nahezu restlos ausverkauft, unter www.oeticket.com gibt es für die Show in Tirol aber noch einige Karten. Und beim andauernden Arbeitspensum des Vollblutmusikers ist es bis zum nächsten Studioalbum wohl nicht mehr weit.

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