27.01.2022 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Sexuelles Projekt: „Sex mit Alpha-Männchen“

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal über den Nutzen und Nachteil von Sex für die Beliebtheit.

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Wofür ist Sex gut? Die meisten Menschen würden wahrscheinlich sagen für Spaß oder um Kinder zu zeugen. Aber es gibt auch noch ganz andere „sexuelle Projekte“, wie Soziologinnen an der Columbia University es nennen. Sie geben ein Beispiel: Als junge Frau wollte Diana „gut“ in Sex werden. Das war ihr Ziel, ihr sexuelles „Projekt“ für die Schulzeit. Also hatte sie viel Sex mit unterschiedlichen Männern, die sie auf einer Dating-App kennenlernte. Aufkommende Liebesgefühle und Beziehungen waren für ihr Ziel eher hinderlich. Sie wollte üben.

Und das tat sie auch: Sie lernte verschiedene Männerkörper kennen, sie übte Blowjobs, sie erlebte Penetration mit den Fingern. Was sie allerdings nicht wollte, war Penetration mit einem Penis. Das war ihre Grenze. Ihr Projekt ging auf. Sie wurde selbstbewusster und hatte das Gefühl, eine Person zu werden, die sich auf ihre sexuellen Fähigkeiten verlassen konnte.

Als sie allerdings eine Ausbildung nach der Schule anfing, wurde ihre Suche nach sexuellen Erfahrungen von einem neuen Projekt abgelöst: Sie wollte cool und beliebt sein. Ihre Sex-Partner sollten deshalb einen hohen sozialen Status haben, d.h. selbst irgendwie coole und beliebte junge Männer in ihrem Bekanntenkreis sein. Wie die Columbia-Forscher betonen, war es diese Kombination aus Erfahrungssuche und Statuswunsch, die Diana verletzlich machte, sexuell ausgenutzt zu werden.

Bei einer Privatparty im Bekanntenkreis bemüht sich Diana um die Aufmerksamkeit eines „Alpha-Männchens“, wie sie es rückblickend beschreibt. Tatsächlich schafft sie es mit ihren Verführungskompetenzen, ihn für sich zu interessieren. Als die anderen Partygäste gegangen sind, nimmt er sie mit ins Schlafzimmer, zieht sie aus und sie haben Geschlechtsverkehr. Gleich nach dem Sex drückte er Diana allerdings ihre Kleidung in die Hand und schickte sie in der Nacht nach Hause. Beim Gehen bemerkt sie, dass im Nebenzimmer noch Freunde von ihrem Sex-Partner abhängen, die nicht heimgegangen sind. Sie haben die ganze Zeit gelauscht und machen sich über sie lustig. Diana realisiert schließlich, dass das Ganze unter den Männern abgesprochen war.

Sexuell ausgenutzt zu werden, ist eine erniedrigende Erfahrung. Rückblickend fühlt sich Diana beschämt von ihren Freunden und vor sich selbst. Und trotzdem geht sie am nächsten Tag in der Pause zu ihren Freundinnen und zeigt ihnen triumphierend ein Foto ihres nächtlichen Sex-Partners - „weil ich einen guten Scheiß vorweisen kann“, wie sie es formuliert. Dass Diana ein sexuelles Projekt verfolgt, bedeutet nicht, dass sie schuld daran ist, sexuell gedemütigt zu werden. Aber es ist doch interessant zu sehen, wie komplex manchmal die sexuellen Investitionen in Beliebtheit sind. Sich mit Sex beliebt machen zu wollen, ist ein prekäres Projekt, für junge Frauen traditionell noch viel mehr als für junge Männer. Kann funktionieren, kann auch nicht funktionieren. In jedem Fall gibt es anderen Menschen Macht über einen selbst, die diese wiederum für ihre eigenen Interessen instrumentalisieren können.

In einer idealen Welt werden Menschen nie nur als bloßes Mittel instrumentalisiert, sondern sind Selbstzweck. Auch für Jugendliche ist diese Leitlinie relevant. Spaß muss die Würde des Menschen achten. Das ist ein moralischer Mindeststandard, der auch bei sexuellen Projekten nicht unterschritten werden sollte.

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Barbara Rothmüller
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