06.01.2022 08:00 |

„Krone“-Kolumne

„Steinharter Penis in vier Sekunden“

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal über Betrug und seine Folgen.

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Warum ich? Das fragte mich letztens eine Kollegin, nachdem sie zum wiederholten Mal ein Penis-Vergrößerungs-Email (nein, kein Dick Pic!) in ihrem Posteingang fand. Sie dachte erstmal, dass ihr Google-Verhalten vielleicht Anlass für erhöhten Penis-Spam geliefert hatte. Ich habe nicht nachgefragt. Aber sicher ist: Viele Menschen bekommen regelmäßig Emails mit sexuellen Inhalten in ihr Postfach. Vielleicht googeln diese Menschen auch ...? Lassen wir das lieber.

In der Pandemie ist deutlich geworden, dass für manche Menschen die Grenze zwischen Fake News bzw. Alternativen Heilangeboten und wissenschaftlichen Fakten nicht klar zu ziehen ist. Spam passt sich diesem Zeitgeist an. Die erwähnte Nachricht, die mir die Kollegin weitergeleitet hat, kam vom Absender „Wissenschaftsnachrichten“. Sie versprach eine „automatische“, „steinharte“ und „zuverlässige“ Erektion in vier Sekunden - auf der Basis einer natürlichen Formel einer seltsamen Pflanze, die bei „allen“ wirkt und die auch „Wissenschaftler noch immer nicht glauben können“.

Dass die Autorität der Wissenschaft zumindest bei schmuddeliger Sex-Werbung noch was zählt, lässt für die Zukunft hoffen. Aber offenbar gibt es hier ein kalkuliertes „Missverständnis“: Wissenschaft ist keine Glaubensfrage. Der Penis-Spam spielt mit dem Wunsch nach endgültigen, sicheren, unumstößlichen Lösungen, die einfach sind und halt nur leider ein bisschen was kosten. Die wissenschaftliche Tatsache ist aber: Oft ist es komplexer, als wir gerne hätten. Es gibt viele Faktoren, die die Sexualität beeinflussen. Die Gefühle, das Begehren, die Beziehungsqualität, die Erotik der Situation, die körperliche Erregungsfähigkeit, die sexuelle Biografie. Das alles soll mit dem angeblichen alternativen Heilmittel der Zauberpflanze keine Rolle mehr spielen.

Gemein ist auch, wie hier mit den Hoffnungen von Männern gespielt wird, die von den sexualmedizinischen und therapeutischen Verfahrenen ettäuscht sind - oder es noch gar nicht damit versucht haben. In meiner Forschung hat sich gezeigt, dass gerade ältere Männer manchmal für wenig seriöse Sex-Versprechen empfänglich sind. Warum? Weil sie sich oft schwertun, über Gefühle und Sexualität zu sprechen. Das macht sie zu einfachen Opfern von Betrügern, die Wunderlösungen für sexuelle Probleme aller Art anbieten. „Die Reaktion des Körpers erfolgt vollautomatisch - wie bei der Zahnarztanästhesie“, wird da beispielsweise versprochen. Das ist so absurd, dass es schon wieder lustig ist. Weniger witzig ist allerdings, dass manchmal sogar Ärzte sich für einen „experimentellen Heilversuch“ hergeben - oder ihren Betrug zumindest im Nachhinein als so etwas darstellen, um die dramatischen Schäden, die sie angerichtet haben, zu vertuschen.

Überraschend einfache Lösungen für komplexe Probleme sollten prinzipiell skeptisch machen, vor allem, wenn sie auf einem Geheimwissen beruhen, das bislang von den bösen Wissenschaftlern, Politikern und Konzernen angeblich unterdrückt wird. Wie sich schnell aufklären ließ, steht hinter den „Wissenschaftsnachrichten“ meiner Kollegin eine gmail-Adresse. Wirklich, das geheime Geheimwissen kommt von einer gmail-Adresse? Lassen Sie sich und Ihre Hoffnungen auf eine erfüllte Sexualität nicht durch unseriöse Betrügereien ausnutzen.

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Barbara Rothmüller
Barbara Rothmüller
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