11.09.2021 08:30 |

„Krone“-Kolumne

Wenn das Stehvermögen ein Fall für Profis wird

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller mit einem Kommentar gegen die Selbstbehandlung sexueller Störungen.

Menschen glauben zu wissen, was ein untrügliches Zeichen männlicher Lust ist: die Erektion des Penis. Logischerweise gilt dann umgekehrt: Wenn die Erektion fehlt, fehlt auch die Lust. Hausverstandslogisch so weit korrekt, sexologisch aber leider falsch. Denn Penisse erigieren mehrmals täglich, einfach so, ganz ohne sexuelle Lust. Manchmal erigieren Penisse in Stress-Situationen. Auch ohne Lust. Und manchmal erigieren sie nicht mehr, obwohl sexuelle Lust da ist.

Andauernde Erektions- und OrgasmusProbleme machen Männern zu schaffen. In einer langjährigen Partnerschaft wissen Menschen oft sehr gut, wie die andere Person sexuell „funktioniert“. Sie haben sich sexuell arrangiert. Beim Übergang in eine neue Partnerschaft verändert sich diese eingespielte Sexualität. Dann können sexuelle Probleme vorübergehend sogar verschwinden - oder überhaupt erst auffallen. Wenn Männer in einer neuen Partnerschaft etwa das Gefühl haben, besonders „potent“ sein zu müssen, aber neue sexuelle Routinen noch nicht etabliert sind, kann das (meist schon länger bestehende) Probleme sichtbar machen. Das ist so schlecht prinzipiell nicht. Denn wenn man realisiert, dass man ein sexuelles Problem hat, kann man sich auf die Suche nach einer Lösung machen.

Unglücklicherweise „behandeln“ Männer ihre sexuellen Probleme (wie übrigens auch ihre psychischen) gerne selbst. Kann man(n) am Anfang Probleme beim Sex noch auf die Partnerin schieben, fällt spätestens nach mehrmaligem Partnerwechsel auf, dass zwar die Partnerinnen gehen, das Problem blöderweise aber nicht. Mit Alkohol- oder Substanzkonsum, bedenklichen Produkten aus dem Internet und negativen Beziehungsdynamiken vergehen dann oft wertvolle Jahre, in denen sich sexuelle Probleme verfestigen, beklagten Urologen und Sexologen beim diesjährigen Kongress für Sexualmedizin in Wien. Dabei bessern sich Probleme mit dem Stehvermögen oder vorzeitiger Samenerguss mit sexologischer Körperarbeit meist deutlich.

Unabhängig vom Geschlecht einer Person zahlt es sich deshalb aus, bei einem unbefriedigenden Sexleben Kontakt mit Expertinnen aufzunehmen. Sexologen können zum Beispiel die Möglichkeiten sexueller Lust erweitern. Sexualmediziner können körperliche Ursachen für Orgasmusprobleme, Schmerzen oder Lustlosigkeit abklären. Sexualtherapeuten können gemeinsam mit den Betroffenen emotionale Ursachen im Gespräch verändern. Und dann gibt es eine ganze Reihe an Sex-Coaches, die von Körperarbeit bis Sexualberatung ihre Unterstützung für die sexuelle Weiterentwicklung anbieten.

Und sexuelle Entwicklungsmöglichkeiten gibt es für jeden Menschen. An gutem Sex kann man also - wie an einer guten Beziehung - arbeiten. Damit in sexuellen Situationen Lust und körperliche Erregung (wieder oder auch erstmals) gut gemeinsam schwingen.

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Barbara Rothmüller
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