IMAS-Stimmungsumfrage

Was war das für ein Jahr, Herr Eiselsberg?

Noch nie war die Stimmung innerhalb der österreichischen Bevölkerung so schlecht, wie eine Umfrage des Linzer Instituts IMAS zeigt. Marktforscher Paul Eiselsberg spricht über die Ursachen und darüber, was uns 2022 erwartet.

Wir leben in einer Endlosschleife aus Pandemie und Perspektivlosigkeit – so beschreibt Forscher Paul Eiselsberg die Gründe für die aktuelle Stimmungslage der Nation. Laut IMAS-Umfrage blicken 70% der Österreicher mit Sorge auf das neue Jahr – nach 2021 bleibt uns also das „Rekordtief“ erhalten. Die „Krone“ fragte bei Marktforscher Paul Eiselsberg nach, wie es weitergeht – und wie er selbst optimistisch bleibt...

„OÖ Krone“: Herr Eiselsberg, was war das für ein Jahr?
Paul Eiselsberg: Das Jahr der größten Fragezeichen seit dem Nachkriegsösterreich! 2021 war sicher kein Perspektivenjahr. Wir befinden uns an einem Wendepunkt. Ich gehöre nicht zu jenen, die sagen: Früher war alles besser. Aber ich habe den Eindruck, das Leben war in vielerlei Hinsicht berechenbarer. Die anfängliche Klammer des Zusammenhalts ist deutlich kleiner geworden, wir befinden uns in der Dauerschleife der Pandemie. Die Schicksalsfrage wird sein, wie es nach der Pandemie weitergeht. Kommen die Leute wieder zusammen oder gibt es andere unversöhnliche Themen, die uns spalten.

Was für Spannungspunkte könnte es in Zukunft geben?
Digitale Revolution, durch die plötzlich Jobs noch stärker ersetzt werden. Und der Kampf gegen den Klimawandel. Bei zweiterem wäre die Frage spannend: Gibt’s mehr Klimawandelleugner als Coronaleugner? Vielen Leuten ist zwar Nachhaltigkeit wichtig, bisher mussten wir der Umwelt zuliebe aber kaum auf etwas verzichten oder von uns etwas hergeben. Wie könnte das werden, wenn es dann dazu Maßnahmen gibt?

Unsere Gesellschaft teilt sich in jene, die Unliebsames eher stumm ertragen und in jene, die auf die Straße gehen. Wie würden Sie diese Situation analysieren?
Wir haben uns durch die Pandemie in eine Rückzugsgesellschaft entwickelt, an deren Rändern eine Polarisierung stattfindet. Man könnte das ganze mit einem Schneckenhaus vergleichen, aus dem wir unsere Fühler strecken und schnell zurückziehen, wenn uns etwas nicht behagt – das gilt für die überwiegende Mehrheit. Die Welt ist gefühlt kleiner, aber ungemütlicher geworden.

Säulen wie einst die Religion treten zunehmend in den Hintergrund, viele Menschen haben ihren Anker verloren. Ist das eine mögliche Erklärung, warum nicht-faktenbasierten Informationen nun so viel Raum gegeben wird?
Wir sind die aufgeklärteste und freieste Gesellschaft, die es je gegeben hat. Diese Freiheit bringt aber auch Folgen mit sich – die Gesellschaft wird heterogener, und diese Heterogenität führt dazu, dass durch Polarisierungen neue Welten entstehen, in denen alternative Wahrheiten existieren. Die sozialen Medien fungieren hier als Teilchenbeschleuniger für diese Wahrheiten.

Getürkte Umfragen, Chat-Protokolle, das vorhergesagte aber nie eingetretene Pandemieende – all das hat auch das Vertrauen in die Politik und in die Wahrheit erschüttert. Ist das ein Mitgrund für die schlechte Stimmung?
Ich sehe das Problem auf einer höheren Ebene. Politiker galten bei Berufsumfragen nie als Sympathieträger – das waren eher die Ärzte oder Krankenpfleger. Signifikant ist aber, dass Politiker tatsächlich die Botschafter unserer Demokratie darstellen. Und die hat laut unseren Umfragen im Frühjahr nicht mehr den Stellenwert, den sie einmal hatte. Nur knapp die Hälfte der Österreicher stufte Demokratie als sehr wichtig ein. Dabei ist die Frage der Staatsorganisation die Grundlage für alles – etwa Gleichstellung und Chancengleichheit.

Sie nannten digitale Revolution als entscheidenden Parameter. Bleiben wir beim Thema Arbeit. Schon länger geistert der Begriff „Big Quit“ – das große Aufhören – durch die Medien. Beschrieben wird das Phänomen, dass auffällig viele Menschen ihrem Job den Rücken kehren. Liegt das „nur“ an der Pandemie?
Der Arbeitsmarkt in Europa ist bereits 2012 gekippt, weil mehr Leute in Pension gegangen, als nachgekommen sind. Die Pandemie hat gewisse Probleme verstärkt. Einige Mitarbeiter haben umgesattelt und die Chance ergriffen, etwas anderes zu lernen. Tourismus und Gastronomie spüren das besonders. Hinzu gekommen ist, dass wahnsinnig viele Leute eine Gegenwartsorientierung statt einer Zukunftsorientierung haben – weil ihnen die Perspektive fehlt. Frei nach dem Motto: Jetzt ist der Moment und jetzt mache ich das.

Wie hat sich die Krise auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Mein Job war von vielen Zugfahrten geprägt. Das hat sich verändert. Ich bin froh, dass ich nicht mehr für 30-Minuten-Meetings in die Schweiz fahren muss. Auf der anderen Seite habe ich an einem Vormittag plötzlich drei Videokonferenzen, auf die ich mich vorbereiten und nacharbeiten muss. Von Entschleunigung durch die Krise kann also nicht unbedingt die Rede sein.

Laut Ihrer Neujahrsumfrage sehen die Österreicher das Neue Jahr sehr pessimistisch.
Jeder Mensch kann eine gewisse Zeit lang auf Reserve fahren und Bedürfnisse aufschieben, um ein Ziel zu erreichen. Bei Kilometer 36 will der Marathonläufer eigentlich aufhören, aber er weiß, dass bei Kilometer 42 die Ziellinie ist. Also wird er weiterlaufen. Aktuell leiden wir unter genau diesem Umstand – es gibt keinen definierten Endzeitpunkt. Was wir aber auch wissen, ist, dass Grundstimmungen extrem volatil sind – sobald es Hoffnungsschimmer gibt, wird sich die schlechte Stimmung schnell auflösen.

Wie bleiben Sie selber optimistisch?
Was mich positiv stimmt, ist der Glaube an den Fortschritt und an den Erfindungsreichtum der Menschen. Ich bin mir sicher, es gibt hier irgendwo in Österreich jemanden, vielleicht ja an der JKU, der an Lösungen für die nächsten Herausforderungen bastelt. Und man selbst kann ja auch etwas bewegen. Ich versuche mich mit Dingen einzubringen, die ich derzeit als defizitär sehe: Empathie und Wertschätzung.

Alexandra Halouska
Alexandra Halouska
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