Gutachten im EU-Streit

„Zukunft unserer Kinder nicht Atomlobby opfern“

Politik
23.09.2021 07:45

Mit einem Rechtsgutachten will Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) den juristischen Nachweis liefern, dass die Atomkraft in der EU nicht als grüne und nachhaltige Energie eingestuft werden darf. Sie will die EU-Kommission in dieser Frage notfalls sogar klagen. Hintergrund ist ein Streit der EU-Staaten (siehe Video oben) um die sogenannte Taxonomie-Verordnung, die im Zuge des EU-Klimaschutzpakets „Green Deal“ Richtlinien für grüne Finanzinvestments geben soll. 

Die Erzeugung von Atomstrom falle in keine der Kategorien, für die ein wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz angenommen werden könne, weil keine von der EU als Gesetzgeber formulierten Voraussetzungen vorliegen würden, heißt es in dem der APA vorliegenden Gutachten der internationalen Rechtsanwaltskanzlei Redeker-Sellner-Dahs. „Damit ist es ohne Relevanz, dass die Erzeugung von Atomstrom häufig als CO2-arme Tätigkeit angesehen wird. Dies genügt als solches nicht, um die Anforderungen der Taxonomie-Verordnung zu erfüllen.“

„Atomkraft hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun“
In dem Gutachten werde klargestellt, „dass die Atomenergie nicht den Anforderungen an eine nachhaltige Investition entspricht. Eine Aufnahme in die Taxonomie-Verordnung wäre damit rechtlich nicht gedeckt“, so Gewessler. „Atomkraft hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun.“ Die Klimaschutzministerin denkt bereits über weitere Schritte nach. „Wir haben diese Gutachten auch gegenüber der Kommission eingebracht. In letzter Konsequenz bin ich hier auch bereit eine Klage einzubringen - denn diese Pläne wären nicht rechtskonform. Es kann nicht sein, dass die Zukunft unserer Kinder, den Interessen der Atomlobby geopfert wird“, so Gewessler.

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Wir haben diese Gutachten auch gegenüber der Kommission eingebracht. In letzter Konsequenz bin ich hier auch bereit eine Klage einzubringen.

Leonore Gewessler

„Greenwashing“ bei Kernenergie
Die Klimaschutzministerin beklagt, dass die EU-Kommission in der Taxonomieverordnung vom Juni 2020 die Frage ausgeklammert habe, ob auch Atomkraft als nachhaltige Investition anerkannt wird. Seitdem arbeite die Atomlobby mit allen Mitteln daran, die gefährliche Kernenergie einem „Greenwashing“ zu unterziehen, in dem sie von der EU als klimafreundlich anerkannt sind.

Klimaschutzministerin Leonore Gewessler am 20. August 2021 im Rahmen der Pressekonferenz „Aktuelle Entwicklungen der Treibhausgas-Emissionen 2020“ in Wien. (Bild: APA/EXPA/REINHARD EISENBAUER)
Klimaschutzministerin Leonore Gewessler am 20. August 2021 im Rahmen der Pressekonferenz „Aktuelle Entwicklungen der Treibhausgas-Emissionen 2020“ in Wien.


„Atomenergie ist hochgefährlich und sicher keine Lösung im Kampf gegen die Klimakrise“, unterstrich sie. „Wir werden diesen durchsichtigen Greenwashing-Versuch der Atomlobby auch in Europa mit aller Kraft bekämpfen.“ Gewessler bezeichnete die Pläne der Atomlobby in Hinblick auf das Gutachten als „illegal“.

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Atomenergie ist hochgefährlich und sicher keine Lösung im Kampf gegen die Klimakrise.

Leonore Gewessler

Kritik an der EU-Kommission: „Erhebliche Lücken“
In dem Rechtsgutachten klingt auch Kritik an der EU-Kommission durch. Es gebe „guten Grund zu der Annahme, dass die Kommission zumindest derzeit mit ihrer Untersuchung hinter dem Ziel zurückgeblieben ist, alle erforderlichen Fachkenntnisse einzuholen, um die Kernenergie möglicherweise als nachhaltige Tätigkeit im Sinne der Taxonomie-Verordnung zu betrachten. Sowohl im Hinblick auf die bereits veröffentlichten Gutachten als auch auf die Aufgabenstellung für weitere laufende Untersuchungen scheinen insoweit erhebliche Lücken zu bestehen.“

14 der 27 EU-Staaten setzen derzeit auf Atomkraft. Als treibende Kraft der Atomstrom-Befürworter in der EU gilt Frankreich, das einen großen Anteil seines Energiebedarfs durch Kernenergie deckt. Eine Staatenallianz von Österreich, Deutschland, Spanien, Dänemark und Luxemburg hat dagegen im Juli in einem Brief Druck auf die EU-Kommission gemacht, Atomenergie nicht als nachhaltig anzuerkennen.

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