26.08.2021 10:18 |

Tausende vor Toren

Lage um Flughafen von Kabul spitzt sich weiter zu

Wenige Tage vor dem voraussichtlichen Ende der internationalen Evakuierungsmissionen in Kabul spitzt sich die Sicherheitslage rund um den Flughafen gefährlich zu: Mehrere westliche Staaten riefen ihre Bürger am Donnerstag dazu auf, das Gebiet wegen „sehr glaubwürdiger Berichte“ vor einer „ernsten Terrorgefahr“ zu meiden. Noch immer aber harren Tausende vor den Flughafentoren auf, um vielleicht doch noch das Land verlassen zu können. Doch die Zeit wird knapp: Deutschland und Frankreich wollen am Donnerstag bzw. Freitag ihre letzten Evakuierungsflüge starten, die USA halten am 31. August als Datum für den Truppenabzug fest.

„Aufgrund der Sicherheitsbedrohungen vor den Toren des Flughafens Kabul raten wir US-Bürgern, derzeit nicht zum Flughafen zu reisen und die Tore des Flughafens zu meiden“, teilte die US-Botschaft mit, ohne die Bedrohungslage genauer zu benennen. Gleichzeitig schwindet die Zeit für Evakuierungen. US-Bürger, die sich derzeit am Abbey Gate, East Gate oder North Gate aufhielten, sollten das Gebiet „sofort“ verlassen, warnte die US-Vertretung in Kabul. 

Briten: Anschlag „binnen Stunden“ möglich
Die britische Regierung forderte Bürgerinnen und Bürger in der Nähe des Flughafens auf, sich an einen sicheren Ort zu begeben und auf weitere Anweisungen zu warten. Sie sprach in ihren Reisehinweisen am Mittwoch von einer „weiterhin hohen Bedrohung durch Terroranschläge“. Verteidigungsstaatssekretär James Heappey hält einen Anschlag auf den Flughafen „binnen Stunden“ für möglich. Wann die britischen Evakuierungsflüge enden sollen, wollte er nicht genauer bekannt geben. In den nächsten 24 Stunden sollten aber - wenn möglich - elf Flüge stattfinden.

Deutsche Botschaft warnt vor Schießereien und Terroranschlägen
Die deutsche Botschaft warnte in einem Schreiben an deutsche Staatsbürger vor Schießereien und Terroranschlägen. Die Bundeswehr hatte bereits am Dienstag berichtet, das zunehmend potenzielle Selbstmordattentäter der Terrororganisation Islamischer Staat in Kabul unterwegs seien.

Ähnlich hatte sich US-Präsident Joe Biden geäußert. Praktisch täglich versuche ein örtlicher Ableger des IS, den Flughafen anzugreifen, hatte er erklärt. Die Terrormiliz sei auch ein „erklärter Feind“ der militant-islamistischen Taliban.

Deutsche „evakuieren bis zur letzten Sekunde“
Die USA halten unterdessen weiter an ihrem Truppenabzug bis zum 31. August fest. Das bedeutet ein Ende der internationalen Evakuierungsflüge schon in den kommenden Tagen. Laut dem „Spiegel“ soll bereits am Donnerstag der letzte Evakuierungsflug der deutschen Bundeswehr starten. Die deutschen A400M-Maschinen haben nach Angaben der Bundeswehr bisher 5193 Menschen in Sicherheit gebracht. Allein am Mittwoch seien es 539 Personen gewesen. Es habe insgesamt 34 Flüge gegeben. „Wir evakuieren bis zur letzten Sekunde“, hieß es.

Auch Frankreich werde seine Evakuierungsflüge nur mehr bis Freitagabend fortsetzen, teilte Premierminister Jean Castex am Freitag RTL Radio mit. Belgien stellte seine Luftbrücke bereits am Mittwoch ein. Laut dem „Spiegel“-Bericht ist es inzwischen fast unmöglich, noch weitere Schutzbedürftige zum Flughafen zu bringen.

Auch die Türkei hat bereits damit begonnen, ihre Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Damit dürfte auch die zeitweise besprochene Option vom Tisch sein, dass türkische Truppen den internationalen Flughafen in Kabul über das Ende des NATO-Einsatzes hinaus sichern. 

Noch immer Tausende vor den Toren des Flughafens
Obwohl seit dem 14. August bereits fast 90.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen wurden, harren noch immer Tausende verzweifelte Menschen vor den Flughafentoren aus und hoffen auf einen Platz auf einem Evakuierungsflug. Mindestens acht Menschen starben in dem Chaos vor den Toren des Flughafens. Wie Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) am Mittwochabend mitteilte, würden auch „noch zwei, drei Dutzend“ Menschen mit afghanischen Wurzeln auf die Ausreise nach Österreich warten. „Es melden sich fast täglich neue“, sagte der Minister in der „ZiB 2“. 87 Menschen seien bereits herausgebracht worden.

Sicheres Geleit auch nach dem 31. August?
Unklar ist, ob Menschen auch nach dem 31. August über den Flughafen ausreisen können. Die US-Regierung betonte, dass es keine „Frist“ für ihre Bemühungen gebe, ausreisewilligen US-Amerikanern oder Afghanen zu helfen. Die Taliban hätten sich verpflichtet, Menschen über dieses Datum hinaus sicheres Geleit zu ermöglichen, sagte Außenminister Antony Blinken. „Und wir haben sicherlich Anreize und Druckmittel gegenüber einer zukünftigen afghanischen Regierung, um sicherzustellen, dass dies geschieht“, sagte Blinken weiter, ohne ins Detail zu gehen.

Die USA gingen mit Stand Mittwochnachmittag davon aus, dass noch maximal 1500 US-Amerikaner in Afghanistan sind. Davon seien 500 bereits mit konkreten Anweisungen zu ihrer baldigen Evakuierung versorgt worden, erklärte das Außenministerium. Regierungsmitarbeiter versuchten weiter intensiv, die übrigen etwa 1000 Personen zu kontaktieren. Das State Department betonte, dass diese Zahl auch deutlich niedriger sein könnte. Biden hatte allen ausreisewilligen Amerikanern in Afghanistan die Ausreise aus dem Land versprochen und zugesichert, sie „nach Hause zu bringen“.

Kommentare
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).