Libyens Herrscher

Kinder und Kapital: Das Netzwerk des Gadafi-Clans

Ausland
23.02.2011 14:16
Seine Kinder hat er in einflussreiche Schlüsselpositionen gehoben, sein Geld in europäische Beteiligungen und Villen investiert und in Steueroasen auf der ganzen Welt verfrachtet. Dass Muammar al-Gadafi angesichts eines handfesten Volksaufstandes immer noch mit aller Gewalt an der Macht bleiben will, liegt wohl zu einem Teil am Vertrauen, das er in das mächtige Netzwerk seines Clans hat.

Gadafi profitiert in erster Line massiv von den libyschen Ölvorkommen, die sein Clan weitestgehend kontrolliert. Europäische Länder sind vielfach auf die Lieferungen des westafrikanischen Staates angewiesen, so bezieht auch Österreich ein Fünftel bis ein Viertel seines Erdöls aus Libyen. Von den jährlich bis zu 50 Milliarden Dollar, die aus dem libyschen Ölreichtum für das Land abfallen, versickern so einige im Gadafi-Netzwerk. Beim Volk kommt nichts an.

Mehrere Beteiligungen in Italien
Investiert hat Gadafi das Geld - neben den zahlreichen Unternehmen von Hotels, Baufirmen über Telekommunikation und Medien bis in die Industriebranche, die der Clan in Libyen besitzt - bevorzugt in Europa, konkreter noch Italien. Libyen hält zwei Prozent am Autokonzern Fiat und ist mit sieben Prozent der größte Einzelaktionär an der italienischen UniCredit, die Mutter der Bank Austria. Den UniCredit-Anteil wollte Gadafi zuletzt auf zehn Prozent aufstocken.

Ähnlich wie sein Busenfreund Silvio Berlusconi hat auch Gadafi einen Teil seines Geldes in einen Fußballverein investiert. Der einstellige Prozentanteil an Juventus Turin ermöglichte auch das Engagement eines seiner Söhne bei dem Erstligaverein. Verbandelt ist Gadafi auch mit dem in Europa tätigen libyschen Ölkonzern Tamoil, der zeitweise auch als Sponsor von Juventus Turin auftrat. Des Weiteren halten von Gadafi kontrollierte libysche Behörden und Investorenkonglomerate Beteiligungen am italienischen Energieriesen ENI und am italienischen Rüstungskonzern Finmeccanica.

Villen und Konten auf der ganzen Welt
Materielle Reichtümer besitzt der Gadafi-Clan in Form von Prachtanwesen auf der ganzen Welt. Fast in jedem europäischen Land gehört dem Gadafi-Clan eine Villa. Bargeld dürfte der libysche Diktator massiv in der Schweiz geparkt haben. Als 2007 die Prügelaffäre um Gadafis Sohn in der Schweiz bekannt wurde, versetzte Libyen mit dem plötzlichen Abzug mehrerer Milliarden Franken dem Schweizer Geldmarkt einen Schlag.

Ansonsten vermuten Beobachter, dass die Gadafi-Milliarden in Steuerparadiesen auf der ganzen Welt verstreut sind. Sollte Gadafi fallen, werde jedenfalls eine Jagd auf die Milliarden beginnen. "Da werden Heere von Anwälten unterwegs sein und jede Bank wird wie wild wühlen", meinte der auf verlorene Vermögen spezialisierte Jurist Mark Pieth von der Uni Basel gegenüber dem "Spiegel".

Kinder in Schlüsselpositionen gebracht
Zu Gadafis Machtkapital gehören aber auch seine Kinder. Der selbst ernannte "Bruder Revolutionsführer" Gadafi brachte mehrere seiner Sprosse in Schlüsselpositionen von Politik, Sicherheitsapparat und Wirtschaft seines Landes unter. Insgesamt hat Gadafi acht Kinder. Ein Sohn stammt aus einer 1969 nach einem halben Jahr geschiedenen Kurzehe mit der Offizierstochter und Lehrerin Fatiha, seit 1970 ist der Machthaber mit der Krankenschwester Safiya Farkash verheiratet, die ihm sieben Kinder gebar.

Nachfolgend die Kurzbiografien der Kinder Gadafis:

MOHAMMED AL-GADAFI: Der 1970 geborene Informatiker leitet das staatliche Post- und Fernmeldeunternehmen. Zudem besitzt er zwei libysche Mobilfunk-Anbieter. Der einzige Spross aus der ersten Ehe des Herrschers führt zudem das Nationale Olympische Komitee.

SAIF AL-ISLAM AL-GADAFI: Der Vorname des 1972 geborenen Sohnes (Bild oben) bedeutet "Schwert des Islam". Nach einem Studium der Architektur und Wirtschaftswissenschaften in Tripolis, Wien und London gründete er 1999 die formal unabhängige Gadafi-Stiftung für Entwicklung. Ihm gehören mehrere Unternehmen. Nach Kritik am Führungsstil seines Vaters hatte er 2006 vorübergehend das Land verlassen. Seitdem galt er im westlichen Ausland als möglicher reformorientierter Nachfolge-Anwärter.

AL-SAADI AL-GADAFI: Der 36-Jährige besuchte die libysche Militärakademie und hat - wie sein Vater - den Rang eines Oberst. Nachdem er als Kommandant einer Eliteeinheit Islamisten in Libyen bekämpft hatte, ging er 2003 als Fußballprofi nach Italien. Er stand dort bei mehreren Erstligamannschaften unter Vertrag, kam aber kaum zum Einsatz, bevor er nach Doping-Vorwürfen gehen musste. Heute ist Al-Saadi Präsident des libyschen Fußballverbandes.

MUTASSIM BILLAH AL-GADAFI: Der vermutlich 1975 geborene Sohn absolvierte eine militärische Ausbildung in Libyen und Ägypten. Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater floh er vorübergehend nach Ägypten. Später durfte er in die Heimat zurückkehren und befehligt nun die einflussreiche Präsidentengarde. In den vergangenen Jahren wurde Mutassim Billah wiederholt vom Vater mit wichtigen politischen und diplomatischen Aufgaben betraut.

HANNIBAL AL-GADAFI: Der Absolvent der Militärakademie in Libyen (geboren 1977) ist wiederholt durch seinen luxuriösen Lebensstil und Gewalttaten in die Schlagzeilen geraten. 2005 soll er eine Freundin in einem Pariser Hotel verprügelt haben. 2007 verhaftete ihn die Schweizer Justiz, weil er in Genf Angestellte misshandelt haben soll.

SAIF AL-ARAB AL-GADAFI: Über diesen Sohn ist wenig bekannt. Unterschiedliche Angaben zu seinem Geburtsjahr reichen von 1979 bis 1988. Er soll in München studiert haben, wo Saif al-Arab mehrfach der Polizei auffiel, unter anderem wegen seines besonders lauten Ferraris und wegen Schlägereien in Nobel-Diskotheken.

CHAMIES AL-GADAFI: Auch dieser vermutlich 1980 geborene Sohn ist weitgehend unbekannt. Er soll heute nach einer militärischen Ausbildung in Russland eine wichtige Funktion im libyschen Sicherheitsapparat bekleiden.

AISHA AL-GADAFI: Die 36 Jahre alte Juristin (Bild oben) ist die einzige Tochter des Herrschers. Sie studierte in Tripolis und Paris. Aisha gehörte zu der Gruppe von Rechtsanwälten, die den gestürzten und später hingerichteten irakischen Diktator Saddam Hussein verteidigte. Sie ist seit 2006 mit einem Cousin ihres Vaters verheiratet und leitet heute eine libysche Wohltätigkeitsorganisation.

MILAD AUBUSTAIA AL-GADAFI: Muammars Neffe unbekannten Alters wurde vom Herrscher adoptiert. Während eines US-Bombenangriffs auf Tripolis 1986 soll er nach libyscher Legende das Leben des Machthabers gerettet haben. Die 15 Monate alte Adoptivtochter Hana wurde bei dem Bombardement getötet.

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