Aufstand in Libyen
Gadafi hat sich nach bizarrer TV-Rede in Kaserne verschanzt
Laut dem abtrünnigen Diplomat Abdulmoneim al-Honi, bisheriger Chefdelegierter Libyens bei der Arabischen Liga, soll sich Gadafi in einer Kaserne in Tripolis verschanzt haben. Der Agentur dpa sagte Honi am Dienstag in einem Telefoninterview: "Er ist jetzt in Bab al-Asisiyah. Das Gelände dort ist sechs Quadratkilometer groß. Außer diesem Stützpunkt gibt es jetzt nur noch zwei Kasernen, die von Gadafi und seinen Anhängern gehalten werden."
Eine der noch von Gddafi-Getreuen kontrollierten Militärstützpunkte sei die Al-Saadi-Kaserne östlich von Sirte, der Geburtsstadt des Machthabers. "Der Rest des Landes wird jetzt von der Jugend kontrolliert", sagte Honi. Zu dem Video, das Gadafi in der Nacht auf Dienstag im Staatsfernsehen ausstrahlen ließ, erklärte der Zurückgetretene lachend: "Das war wieder eine Merkwürdigkeit aus dem Schatz der Merkwürdigkeiten von Gadafi."
Bizarre TV-Rede: "Ich bin noch da"
Während libysche Kampfflugzeuge am Montagabend Angriffe auf Demonstranten flogen und die Zahl der Getöteten auf 560 stieg, lieferte Gadafi seinen bizarren Auftritt im Fernsehen ab. Erstmals seit Beginn der Unruhen in seinem Land hatte er sich dabei zu Wort gemeldet - allerdings auf eine Art und Weise, die eher an einen Comedy-Sketch erinnert als an den Auftritt eines Staatschefs, der noch ernst genommen werden will.
Offenbar im Bemühen, Gerüchten entgegenzutreten, er habe Libyen bereits verlassen, verkündete Gadafi im staatlichen Fernsehen, nach wie vor in Tripolis und nicht in Venezuela zu sein. "Ich bin noch da. In Tripolis und nicht in Venezuela."
Die bizarre Szenerie des Auftritts ließ darauf allerdings keinerlei Rückschlüsse zu: Vor dem Hintergrund einer devastierten Hinterhof-Fassade saß der "Revolutionsführer" - mit einer dicken Fellmütze und heruntergelassenen Ohrenschützern bewehrt - in der offenen Tür eines offenkundig in die Jahre gekommenen Lastwagens, hielt einen Regenschirm über sich und murmelte in ein Mikrofon, das ihm von einem ebenfalls beschirmten jungen Mann hingehalten wird.
"Friede sei mit Euch"
Auch die Botschaft selbst war wenig erhellend: Er habe eigentlich zu den jungen Menschen auf den Grünen Platz in Tripolis fahren, zu ihnen sprechen und die Nacht mit ihnen verbringen wollen, meinte ein abwesend wirkender Gadafi. "Aber es hat zu regnen begonnen, wie ihr seht. Was soll's, das zeigt den Menschen wenigstens, dass ich noch immer in Tripolis bin und nicht in Venezuela. Also glaubt nicht den Rundfunk-Sendungen dieser Hunde. Friede sei mit Euch!" Der zusammengeklappte Regenschirm beendete die surreale Szene.
Gadafi war seit Tagen nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden. Mehrere Medien sowie der britische Außenminister William Hague hatten daraufhin berichtet, er könnte sich bereits in die venezolanische Hauptstadt Caracas abgesetzt haben.
Libysche UN-Diplomaten fordern Rücktritt
Nicht nur bei den Bürgern, auch bei libyschen Politikern und Diplomaten hat Gadafi inzwischen keine Karten mehr. Mehrere libysche UN-Diplomaten haben sich am Montag offen vom selbst ernannten "Revolutionsführer" distanziert. Gadafi müsse aufhören, "das libysche Volk zu töten", und das Land so schnell wie möglich verlassen, sagte der stellvertretende UN-Botschafter Ibrahim Dabbaschi am Montag in New York. Angesichts der blutigen Niederschlagung der Proteste und der "Kriegserklärung" von Gadafis Sohn Saif al-Islam an das eigene Volk "können wir nicht mehr schweigen", erklärte Dabbaschi.
Gegenüber BBC sagte er, das Ende des Revolutionsführers sei nur noch eine "Frage von Tagen". Entweder Gadafi werde zurücktreten oder das Volk werde dafür sorgen, dass er gehe. Dabbashi forderte, Gadafi für alle von ihm zu verantwortenden Verbrechen in seiner fast 42-jährigen Amtszeit vor Gericht zu stellen.
Nach Angaben des Vize-Botschafters hat das Personal der libyschen UN-Mission Gadafi in einem Schreiben zum Rücktritt aufgefordert. Ob sich auch Botschafter Abdurrahman Shalgham der Revolte angeschlossen hat, war zunächst unklar. Er habe Shalgham seit Freitag nicht mehr gesehen, sagte Dabbashi der "New York Times". Seit Sonntag haben bereits eine Reihe libyscher Diplomaten aus Protest gegen das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Regierungsgegner ihr Amt niedergelegt. Auch Justizminister Mustafa Abdul-Jalil erklärte Presseberichten zufolge seinen Rücktritt.
560 Tote, 1.400 Menschen vermisst
Seit Beginn der Unruhen sind in dem nordafrikanischen Land nach jüngsten Schätzungen bereits mehr als 560 Menschen von Gadafis Truppen getötet worden; der TV-Nachrichtensender Al-Arabiya meldete am Dienstag, etwa 1.400 Menschen würden vermisst. Die Menschenrechts-Hochkommissarin der Vereinten Nationen, Navanethem Pillay, forderte eine internationale Untersuchung des brutalen Vorgehens des Regimes. Bei den Übergriffen auf Demonstranten handle es sich möglicherweise um Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sagte die südafrikanische Juristin am Dienstag in Genf. In New York sollte der UNO-Sicherheitsrat zu einer Krisensitzung zusammentreten, in Kairo findet ein Dringlichkeitstreffen der Arabischen Liga statt.
Der seit 1969 herrschende Gadafi ging in den letzten Tagen mit äußerster Härte gegen die Protestbewegung vor. In der Hauptstadt Tripolis und in der zweitgrößten Bengasi soll die Luftwaffe Demonstranten bombardiert haben. Außerdem soll die libysche Führung afrikanische Söldner gegen die eigene Bevölkerung einsetzen.
Außenministerium arbeitet auf Hochtouren
Die Bemühungen zur Ausreise der in Libyen verbliebenen "unter 100" Österreicher laufen indes "auf Hochtouren", sagte der Sprecher des Außenministeriums, Peter Launsky-Tieffenthal, in Wien. Österreich bemüht sich gemeinsam mit anderen EU-Staaten sowie mit in Libyen tätigen österreichischen Firmen um die Evakuierung der Österreicher.
Am Dienstag flog ein weiteres Unterstützungsteam mit Beamten des Innen-, Außen- und Verteidigungsministeriums nach Tripolis, um der Botschaft behilflich zu sein. Die Krise in Libyen war am Dienstag auch Thema im Ministerrat. Es gelte, den dort befindlichen Österreichern "mit aller Unterstützung" zu helfen, das Land zu verlassen, sagte Bundeskanzler Werner Faymann nach der Sitzung.











Kommentare
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.