11.07.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Kinderwunsch-Pause: Warten und Hoffen

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal über die Folgen der Kinderwunsch-Pause in der Pandemie. 

Die Ergebnisse meiner Sexualitätsstudie zeigen, dass in der Pandemie rund jedes fünfte Paar einen bestehenden Kinderwunsch verschoben hat oder zweifelte, ob während des Lockdowns der richtige Zeitpunkt für ein (weiteres) Baby ist. Seit dem Rückgang der Covid-19 Infektionen stellt sich für viele dieser Menschen die Frage erneut. Sollen sie nun ihren Kinderwunsch nachholen oder lieber noch etwas warten und den Partysommer genießen? Viel wird diskutiert, wann der beste Zeitpunkt ist, um ein Baby zu bekommen. Im Planungsstress geht unter, dass es bei Kinderplänen nicht nur ums Wollen geht, sondern auch ums Können.

Nicht alle Menschen können ein Kind bekommen, selbst wenn sie dies möchten. Diese Erkenntnis ist für Menschen mit Kinderwunsch psychologisch oft schwer zu verdauen. Denn über Unfruchtbarkeit und wiederholte Fehlgeburten spricht selten jemand. Dabei enden, je nach Alter, ungefähr 15 bis 30 Prozent der Schwangerschaften in den ersten drei Monaten mit einer Fehlgeburt - ein Erlebnis, das Betroffene, die sich bereits auf das Baby gefreut haben, als massive psychische Belastung beschreiben. Rund acht Prozent der Paare mit Kinderwunsch bleiben trotz aller Versuche ungewollt kinderlos. Für familienorientierte Betroffene ist es oft ein langer, psychisch wie körperlich anstrengender Weg des Wartens und Hoffens, bis klar ist, ob die Zukunft mit oder ohne Kind geplant werden kann.

Fruchtbarkeitsprobleme sind vielfältig. Sie betreffen die Geschlechter gleich häufig. Die Gründe für ungewollte Kinderlosigkeit reichen von altersbedingter Unfruchtbarkeit über unbehandelte sexuell übertragbare Infektionen bis zu Hormonstörungen. Und manchmal findet sich auch einfach kein Grund für das Ausbleiben einer Schwangerschaft. Zwar sind Kontrolle und Überwachung von Schwangerschaften noch nie so umfassend gewesen wie heute. Eine Garantie auf Fruchtbarkeit gibt es allerdings trotzdem nicht. Selbst wenn man die sehr teuren Methoden einer künstlichen Befruchtung in Betracht zieht, ist die statistische Wahrscheinlichkeit für Frauen, ab 40 noch schwanger zu werden, sehr gering.

In den letzten Jahrzehnten hat sich das Durchschnittsalter von Eltern stark erhöht. 30 Jahre sind Frauen in Österreich durchschnittlich bei der Geburt ihres ersten Kindes. Gynäkologinnen warnten zuletzt davor, dass es durch die Kinderwunsch-Pause der Pandemie für Frauen Ende 30 teilweise nur mehr schwierig möglich sein wird, schwanger zu werden. Eineinhalb Jahre sind für Frauen nahe der Fruchtbarkeitsgrenze eine lange Zeit. Aus einem vorübergehenden Aufschub der Babypläne während der Pandemie könnte deshalb bei Paaren Ende 30 mittlerweile ein dauerhaftes Warten geworden sein.

Obwohl gerade die Pandemie gezeigt hat, wie viel heute medizinisch möglich ist, bleibt jedes neue Leben ein kleines Wunder. Niemand sollte sich dafür schämen, wenn der Lebensplan mit Kindern - aufgrund einer Pandemie, mit der niemand rechnen konnte, oder warum auch immer - nicht sein hat sollen.

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Barbara Rothmüller
Barbara Rothmüller
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