Richter streiken
Mordfall mit Polit-Folgen Zerreißprobe für Sarkozy
"Das ist ekelhaft, so attackiert zu werden", wettern die Betroffenen. Sie wollen nicht länger der Sündenbock Sarkozys sein und verweigern reihenweise die Arbeit. Am Donnerstag soll es einen landesweiten Protesttag mit Streiks geben.
Die Zerreißprobe für Sarkozy nahm am 1. Februar ihren Anfang. An jenem Dienstag vor einer Woche fanden Polizeitaucher in einem gefluteten Steinbruch in Lavau-sur-Loire bei Nantes die zerstückelte Leiche von Laetitia Perrais. Die 18 Jahre alte Kellnerin war bereits am 18. Jänner auf dem Nachhauseweg von der Arbeit verschwunden und vermutlich Opfer eines Sexualverbrechens geworden.
Als mutmaßlichen Täter hatte die Polizei schon kurz nach dem Verschwinden den 31 Jahre alten Tony Meilhon, einen Bekannten des Opfers, festgenommen. Er bestritt jedoch ein Verbrechen und erklärte eine in seinem Auto entdeckte Lacke mit Blut von Laetitia mit einem Verkehrsunfall. Meilhon war vor einem Jahr auf Bewährung aus dem Gefängnis gekommen. Der mutmaßliche Täter ist unter anderem wegen Sexualdelikten 15 Mal vorbestraft.
Sarkozy attackiert Justiz
Der im Umfragetief steckenden Sarkozy nutzte daraufhin die Gelegenheit, sich als Law-and-Order-Politiker zu profilieren. Weil der mutmaßliche Mörder von Laetitia auch zur Fahndung ausgeschrieben war, fuhr der Präsident schwere Geschütze gegen die Justiz auf. "Wenn man ein Individuum wie den mutmaßlichen Täter aus dem Gefängnis freilässt, ohne sicherzustellen, dass er von einem Bewährungshelfer begleitet wird, ist das ein Fehler", urteilte Sarkozy zwei Tage nach dem Fund der Leiche und ließ eine handfeste Drohung folgen. "Diejenigen, die diesen Fehler gedeckt oder zugelassen haben, werden bestraft werden."
Für viele Richter, aber auch Polizisten im Land brachten diese beiden Sätze das Fass zum Überlaufen. Sarkozy hatte schon oft versucht, auf Kosten der Justiz beim Volk zu punkten, diesmal sollten die Äußerungen aber nicht folgenlos bleiben. Bereits wenige Stunden nach den Äußerungen des Präsidenten beschlossen die ersten Richter in Nantes einen Streik. Zahlreiche andere folgten in den vergangenen Tagen. Bis Ende der Woche sind in vielen Gerichtssälen alle Verfahren ausgesetzt.
"Äußerungen sind skandalös"
"Die Äußerungen des Präsidenten sind skandalös", schimpfen Gewerkschaftsvertreter wie Christophe Regnard. "Alle Welt weiß, dass kein Fehler gemacht wurde", sagt eine andere Richtervertreterin. Es sei unmöglich, alle Serientäter mit den vorhandenen Kräften zu überwachen. Rund 170.000 entlassene Straftäter sollen derzeit eigentlich in Frankreich betreut werden. Es stehen jedoch nur etwas mehr als 3.000 Bewährungshelfer zur Verfügung.
Alle Beruhigungsversuche der Politik fruchteten bisher nicht. Treffen der Verantwortlichen blieben ergebnislos, Premierminister Francois Fillon sprach am Montag angesichts der Protestbewegung von "übertriebenen Reaktionen" und löste damit nur noch mehr Ärger aus. Man sei empört, kommentierte die führende Richtergewerkschaft USM. Auch die jüngsten Erklärungen ließen erkennen, dass der Verdruss der Richter und der gesamten Justiz nicht für voll genommen werde. Dies werde die Bewegung verstärken, drohte die USM.
Regierung steht hinter dem Präsidenten
Die Regierung setzt dennoch auf die positive öffentliche Wirkung der Justizkritik. Er fürchte, dass die Proteste der Richter in der Bevölkerung nicht verstanden würden, kommentierte Premierminister Francois Fillon. "Unverständlich" und "unproportioniert" seien die Arbeitsverweigerungen, setzte der Generalsekretär von Sarkozys Regierungspartei UMP, Jean-Francois Cope, am Dienstag nach. Es sei die Aufgabe des Präsidenten, Justizfehler zu benennen.
Ob sich die Franzosen von der Richterschelte beeindrucken lassen, werden vermutlich die nächsten Umfragen zeigen. Zuletzt sah es für den konservativen Staatschef mit Ambitionen auf eine Wiederwahl 2012 nicht besonders gut aus. Nur noch 24 Prozent der Bevölkerung haben Vertrauen zu Sarkozy. Nie zuvor lag diese Zahl in seiner Amtszeit so niedrig.












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