22.05.2021 06:00 |

Jugend kommt zu kurz

Jungpolitiker kämpfen lautstark um Gehör

Junge Menschen sind in der Krise unter die Räder gekommen, beklagen die Chefinnen und Chefs der Jugendorganisationen der Parteien. Und sie fordern lautstark, dass sich das ändert.

Die Live-Übertragung des Bundestages der Jungen ÖVP (JVP) in der ORF-TVthek veranlasste die Jugendorganisationen von SPÖ, FPÖ, Grünen und NEOS zu Kritik und einem offenen Brief, in dem sie mehr Gehör für Jugendthemen im ORF fordern. Die „Krone“ nahm dies zum Anlass und lud die Chefinnen und Chefs der Jugendorganisationen zum Gespräch.

„Krone“: Sie beklagen, dass Ihre Stimmen nicht gehört werden. Waren Sie bislang einfach nicht laut genug?
Maximilian Krauss (Ring Freiheitlicher Jugend): Dass der JVP-Bundestag in der ORF-TVthek übertragen wurde, kann der JVP nicht zum Vorwurf gemacht werden. Man muss diese Kritik an den ORF richten. Es ist eine Ungerechtigkeit, dass ein Bundestag einer Jugendorganisation herausgepickt wurde, während in den letzten Monaten und Jahren von allen Jugendorganisationen Parteitage stattgefunden haben, die in keinster Weise irgendeine mediale Berücksichtigung gefunden haben. Wenn wir einen aus Steuergeldern zwangsfinanzierten ORF haben, hat dieser auch die Pflicht, alle Jugendorganisationen gerecht und gleich abzubilden.

Anna Stürgkh (Junge liberale NEOS): Es geht nicht nur um die politischen Jugendorganisationen. Wir haben Hunderttausende Jugendliche, die ehrenamtlich politisch oder nicht politisch aktiv sind. In der Krise hat man gut gesehen, dass diese keine Aufmerksamkeit bekommen haben. Zuerst wurde gar nicht über die Jugend gesprochen, und dann wurde immer nur über die Jugend geredet.

Claudia Plakolm (Junge ÖVP): Gerade als Jugendorganisation hat man es sehr oft selbst in der Hand, sich Gehör zu verschaffen. Die Live-Übertragung ist auch kein Exklusivrecht der JVP. Zwei Wochen zuvor wurde beispielsweise der Landesparteitag der SPÖ Wien übertragen. Und es liegt auch an uns, dass wir Jungen eine starke Stimme geben - egal, von welcher Fraktion.

Paul Stich (Sozialistische Jugend): Entscheidend für eine Übertragung im ORF sollte sein, dass die Zuseher einen politischen Mehrwert haben. Den sehe ich hier nicht gegeben. Wichtiger als diese Debatte sind aber die Jugendthemen selbst. Und da zähle ich auf euch, Claudia und Naomi, dass ihr bei ÖVP und Grünen Druck macht, dass diese in den kommenden Monaten und Jahren höher auf der Prioritätenliste der Bundesregierung stehen.

Naomi Sametinger (Grüne Jugend): Vielleicht hat der ORF versucht, der Jugend eine Stimme zu geben, aber das war der falsche Weg. Der richtige Weg wäre, aufzuzeigen, was die Jugend fordert und welche Ideen sie hat. Wir haben gesehen, dass es eine weltweite Bewegung wie „Fridays for Future“ braucht, bis gewisse Themen Medienpräsenz bekommen und im öffentlichen Diskurs relevant werden. Natürlich ist es auch unsere Aufgabe als Jugendorganisationen, mehr Druck zu machen und lauter zu sein.

Woran haben Junge während Corona am meisten gelitten, und wie hätte man das verhindern können?
Stürgkh: Geschlossene Hochschulen und Lehrbetriebe führen dazu, dass Junge keine Zukunftsperspektive haben. Was es daher braucht, sind Öffnungspläne, die Perspektive geben.

Krauss: In den Schulen sollte man zu einem Normalbetrieb zurückkehren und die Schüler endlich von diesem absurden Maskenzwang befreien. Unsere Schulen sind in vielen Bereichen im 20. Jahrhundert stecken geblieben und haben große Schwächen in der digitalen Infrastruktur. Hier reichen keine Lippenbekenntnisse, hier muss man Geld in die Hand nehmen und in die Schulen investieren. Auch abseits des Schulbetriebes brauchen junge Menschen Planbarkeit und Normalität. Es muss wieder möglich sein, Freunde zu treffen, die Nachtgastronomie zu besuchen und in Sportvereine zu gehen.

Stich: Dabei wird deutlich, dass die Regierung in vielen Bereichen ihre Prioritäten falsch gesetzt hat. Es kann nicht sein, dass Einkaufszentren und Skilifte offen, die Schulen aber zu haben.

Sametinger: Große Sorgen bereiten mir die psychischen Probleme, die bei jungen Menschen zunehmen. Es braucht jetzt die Umsetzung der Psychotherapie auf Krankenschein für alle.

Plakolm: Kinder und Jugendliche waren sicher am meisten von der Krise betroffen, wenn wir von den sozialen Einschränkungen sprechen. Deshalb war es uns immer wichtig, bei Öffnungsschritten die Jüngsten mitzunehmen. Wir haben deshalb als eines der ersten Länder Schulen wieder in Präsenz geöffnet und Jugendarbeit und Sport ermöglicht. In anderen Teilen Europas ist das bis heute nicht möglich.

Viel war davon die Rede, dass die Krise eine „Lost Generation“ produzierte. Wie sehen Sie das eigentlich?
Plakolm: Ich verwehre mich dagegen, dass man einer ganzen Generation den Stempel „Lost“ auf die Stirn drückt. Jugendliche haben in der Krise Verantwortung übernommen, und ich bin davon überzeugt, dass ohne sie nichts funktioniert hätte.

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Ich verwehre mich dagegen, dass man einer ganzen Generation den Stempel „Lost“ auf die Stirn drückt.

Claudia Plakolm (26), Bundesobfrau, Junge ÖVP

Sametinger: Ich wäre auch vorsichtig mit diesem Begriff. Problematisch ist aber, dass junge Menschen eine total unsichere Zukunft vor sich haben. Wir sind eine Generation, die von einer Krise in die nächste hüpft. Jetzt gilt es die Corona- und Klimakrise gemeinsam zu bewältigen.

Stich: Verlorene Generation würde bedeuten, dass man nichts mehr für diese Leute tun kann. Das ist nicht der Fall. Jetzt ist es an der Zeit, Fehler aus der Vergangenheit zu korrigieren und Investitionen zu tätigen, damit junge Menschen eben nicht zu einer verlorenen Generation werden.

Stürgkh: Wir müssen diese Zäsur nutzen, um endlich Politik für nächste Generationen zu machen und jene Reformen durchzubringen, für die bis jetzt alle Generationen zu feig waren, wie etwa unser Pensionssystem.

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Wir müssen diese Zäsur nutzen, um endlich Politik für nächste Generationen zu machen.

Anna Stürgkh (27), Bundesvorsitzende, Junge liberale NEOS

Krauss: Noch ist unsere Generation nicht verloren, aber ich glaube, wir stehen in manchen Bereichen an der Kippe. Gerade im Integrationsbereich wird es sehr große Herausforderungen geben, denen man sich wird stellen müssen. Ich denke da an Schüler, die seit der Krise fast durchgehend zu Hause und in einem Umfeld waren, wo nicht Deutsch gesprochen wurde.

Wenn Sie im Parlament einen Antrag im Sinne der Jugend einbringen könnten, welcher wäre das?
Krauss: Ich würde den Antrag stellen, dass unsere Schulen und Universitäten ab jetzt durchgehend geöffnet bleiben müssen, und dass es dort auch keinen Maskenzwang mehr gibt.

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Der Kampf um eine gute Zukunft ist einer zwischen Oben und Unten.

Paul Stich (23), Verbandsvorsitzender, Sozialistische Jugend

Plakolm: Ich würde den Antrag stellen, dass wir die kassenfinanzierte psychologische und psychosoziale Betreuung ausbauen. Ein Ausbau ist auch im Koalitionsprogramm vorgesehen.

Sametinger: Es braucht ein neues Bildungssystem, in dem alle die gleichen Chancen haben und Bildung nicht vererbt wird.

Stich: Ich würde dazu den Antrag auf eine Lehrplatzgarantie einbringen. Damit jeder junge Mensch, der eine Lehre machen will, das auch machen kann.

Stürgkh: Ich würde jedem eurer Anträge zustimmen und selbst beantragen, unser Bildungssystem nachhaltig zu reformieren.

Hätten Sie sich von Ihrer Partei während der Pandemie mehr Fokus auf Kinder und Jugendliche gewünscht?
Krauss: Wir waren von Anfang an jene Partei, die für offene Schulen und größtmögliches Öffnen eingestanden ist. Verbessern kann man sich aber immer.

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Wir waren von Anfang an jene Partei, die für offene Schulen und größtmögliches Öffnen eingestanden ist.

Maximilian Krauss (28), Bundesobmann, Ring Freiheitlicher Jugend

Stürgkh: NEOS hat - im Sinne der nächsten Generation - Schulen und psychologische Gesundheit priorisiert. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn wir uns nicht wieder den Rücken zukehren und nur unser eigenes Klientel bespielen, wenn wir aus diesem Raum rausgehen, sondern dieses Gespräch als Anreiz nehmen, miteinander zu reden und gemeinsame Lösungen zu finden. Wenn wir gemeinsam für die Jugend eintreten, können wir viel mehr bewegen als als Einzelkämpfer.

Plakolm: Natürlich ist es irrsinnig herausfordernd, in einer so großen Krise Verantwortung zu haben. Aber ich bin froh darüber, dass wir Kinder und Jugendliche bei Öffnungsschritten immer prioritär behandelt haben. Übrigens finde auch ich es immer wieder schön, in der Jugendpolitik über Parteigrenzen hinweg zusammen zu arbeiten. Diese Zusammenarbeit ist noch weniger festgefahren und -gefroren, sondern wirklich konsens- und lösungsorientiert.

Stich: Ich wünsche mir weiteren Einsatz, dass nun nicht bei uns Jungen gespart wird. Der Kampf um eine gute Zukunft ist keiner zwischen Jung und Alt, es ist einer zwischen Oben und Unten.

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Auch ich meine, dass es jetzt an der Zeit wäre, dass die, die viel haben, auch die Kosten übernehmen.

Naomi Sametinger (25), Bundessprecherin, Grüne Jugend

Sametinger: Genau darum, wer für die Krise zahlen wird, wird es jetzt gehen. Es sollten nicht die Jungen, aber auch nicht die sein, die sowieso schon alles zahlen müssen. Auch ich meine, dass es jetzt an der Zeit wäre, dass die, die viel haben, auch die Kosten übernehmen. Was ich von den Grünen fordere, ist, dass immer mehr geht. 

Sandra Schieder
Sandra Schieder
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