11.05.2021 06:00 |

Fehlender Kostenersatz

Homeoffice: Lehrer schauen beim Geld durch Finger

Hat die Regierung in Sachen Homeoffice auf die Lehrer einfach vergessen? Seit Beginn der Corona-Krise musste die Mehrheit der rund 130.000 Lehrer Privatgeräte verwenden, um Schülern sinnvollen Online-Unterricht bieten zu können. Dazu kommen noch Internetkosten und Telefonrechnungen. Doch das türkis-grüne Homeoffice-Paket sieht keine Regelungen für einen Kostenersatz vor, die für Lehrer in der Praxis greifen würden. „Es wirkt so, als wären Lehrer für den Minister Dienstnehmer zweiter Klasse“, kritisiert die SPÖ und fordert eine Lösung. Laut Bildungsministerium werde derzeit an der Homeoffice-Regelung für den öffentlichen Dienst gearbeitet.

„Normalerweise arbeite ich zu Hause mit einem Laptop, dies hat aber nicht ausgereicht. Ich habe mir einen Bildschirm und ein Tablet dazugekauft, um meinen Schülerinnen und Schülern qualitätsvollen Online-Unterricht bieten zu können“, bringt eine AHS-Lehrerin die Problematik des Homeschoolings gegenüber der „Krone“ auf den Punkt. „Hätte ich mein privates Equipment nicht zur Verfügung gestellt, wäre kein Distance Learning möglich gewesen.“

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"In der Schule arbeiten? Fehlanzeige. Wir haben nicht genügend PCs und auch kein stabiles WLAN. Normalerweise arbeite ich zu Hause mit einem Laptop, dies hat aber nicht ausgereicht."

AHS-Lehrerin über die Arbeitsrealität des Lehrpersonals an vielen österreichs Schulen

Internet als große Herausforderung
Vor allem die Internetverbindung, Stichwort Videokonferenzen, stellte (und stellt auch weiterhin) in Zeiten des Fernunterrichts für die Lehrer „ein großes Problem dar“. Die finanzielle Belastung für die berufliche Ausstattung sei seit Beginn der Corona-Krise spürbar gewesen, „aber finanzielle Entschädigungen oder Anpassungen zur Absetzbarkeit im Lohnsteuerausgleich gibt es keine und Wertschätzung leider auch nicht“, gibt sich die AHS-Lehrerin ernüchtert.

Von der psychischen Belastung mal ganz abgesehen, wenn vormittags Online-Unterricht, nachmittags Korrektur- und Vorbereitungsarbeiten und abends von Schülern sowie Eltern auch noch Auskünfte eingefordert werden, wie die FSG-Gewerkschafterin Patricia Gsenger gegenüber der „Krone“ zu bedenken gibt. „Die Grenze zur Freizeit verschwindet nahezu gänzlich, das Gefühl ständig erreichbar sein zu müssen, erzeugt enormen Druck“, so Gsenger.

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„Viele Lehrpersonen fühlen sich durch die Situation, die Distance Learning mit sich bringt, äußerst belastet, auch über die starke psychische Belastung wird geklagt."

FSG-AHS-Vorsitzende Patricia Gsenger

Vonseiten der Regierung gäbe es, wie aus der Lehrergewerkschaft unter vorgehaltener Hand zu hören ist, mit Blick auf die Corona-Leistungen der Lehrer lediglich Lippenbekenntnisse. Die Danksagungen bei den diversen Pressekonferenzen könnten viele schon gar nicht mehr hören.

Schreiben an Minister Faßmann blieb ohne Folgen
Dabei hatten die Lehrergewerkschaften bereits im November des Vorjahres in einem Brief an Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) von einem „erheblichen finanziellen Mehraufwand für unsere Lehrerinnen und Lehrer“ gesprochen - und „die sofortige 100-prozentige Abschreibbarkeit von Hardware, Software und Infrastruktur (‚externes Büro‘) und eine finanzielle Aufwandsentschädigung für alle Lehrerinnen und Lehrer an Österreichs Schulen“ gefordert, erinnert der oberste Lehrervertreter Paul Kimberger auf „Krone“-Nachfrage an das Schreiben an Faßmann.

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Zeitgemäße digitale Ausstattung und die dazu notwendige Infrastruktur (beispielsweise zusätzliches Datenvolumen für Videokonferenzen) müssen von jedem Einzelnen privat getragen werden und sind natürlich nicht zum Nulltarif zu bekommen.

Aus dem Schreiben der Lehrergewerkschafter an Bildungsminister Heinz Faßmann

Doch die Forderungen stießen auf taube Ohren, und das heuer nach langem Hin und Her endlich beschlossene Homeoffice-Paket der Bundesregierung sieht, so die nun lauter werdende Kritik, keine Regelungen für einen Kostenersatz vor, die für Lehrer in der Praxis greifen würden. Dass hier auf die Lehrer „vergessen“ wurde, sei den rund 130.000 Betroffenen salopp formuliert schon negativ aufgefallen, wie Gewerkschafter im Gespräch mit der „Krone“ deutlich machen.

Homeoffice-Regel greift in der Lehrer-Praxis nicht
Hintergrund: Zahlungen von Arbeitgebern zur Abgeltung von Mehrkosten der Arbeitnehmer im Homeoffice werden bis zu 300 Euro pro Jahr steuerfrei gestellt. Wird die steuerfreie Zuwendung des Arbeitgebers nicht voll ausgenutzt (und bleibt damit unter drei Euro pro Homeoffice-Tag), kann die Differenz auch als Werbungskosten geltend gemacht werden. Allerdings - und hier liegt der Hund begraben - können nur ganze Tage im Homeoffice geltend gemacht werden, wie die SPÖ kritisiert.

Die Arbeitsrealität von Lehrern sei aber in Zeiten von Schichtbetrieb oder „Betreuungsangebot“ an Schulen eine andere. Sie verbrachten oft nur einen halben Tag im Homeoffice - und fallen deshalb um die Ansprüche um. SPÖ-Bildungssprecherin Petra Vorderwinkler fordert daher gegenüber der „Krone“ eine „praxistaugliche Lösung für die Zukunft und einen rückwirkenden Kostenersatz für den entstandenen Mehraufwand in der Phase des Homeschoolings, wie etwa für digitale Endgeräte, durch den Bildungsminister“.

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In jedem anderen Beruf ist es völlig normal, dass sich der Arbeitgeber darum kümmert, dass alle ihrer Arbeit gut nachkommen können. Nur die Lehrerinnen und Lehrer mussten die - gerade für die Phase des Homeschoolings dringend notwendigen - Laptops und auch alles Weitere zur Gänze aus eigener Tasche bezahlen. Das ist einfach nicht fair.

SPÖ-Bildungssprecherin Petra Vorderwinkler

Auch wenn Homeschooling jetzt mit 17. Mai landesweit ein vorläufiges Ende findet, können in der Corona-Krise weitere Phasen mit geschlossenen Schulen nicht ausgeschlossen werden. Nicht nur deshalb braucht es mit Blick auf die nicht mehr wegzudenkende Digitalisierung langfristig „einen qualitätsvollen Arbeitsplatz an der Schule“. Vorderwinkler: „Homeoffice soll möglich sein, es braucht aber auch vor Ort modern ausgestattete Arbeitsplätze und Büros für LehrerInnen“.

Im Bildungsministerium sah man die Sachlage, zumindest was die Anschaffung von Hardware fürs Homeoffice betrifft, anders. Auf „Krone“-Nachfrage hieß es dazu mit Blick auf das Einkommenssteuergesetz, dass eine steuerrechtliche „Entschädigung“ gemäß § 13 EStG möglich ist. Dies gelte für alle Lehrer, 60% seien sofort absetzbar. „Die Homeoffice-Regelung für den öffentlichen Dienst befindet sich derzeit in Vorbereitung“, ergänzte Pressesprecherin Debora Knob.

Harald Dragan
Harald Dragan
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