14.04.2021 07:20 |

Eine Chronologie

„Schwaz impft“: Aktion zwischen Erfolg und Chaos

Die Durchimpfung in der Modellregion Schwaz ist bereits abgeschlossen. Seitens des Landes Tirol war sie ein voller Erfolg. Doch zahlreiche, der „Tiroler Krone“ vorliegende Informationen deuten auf Ungereimtheiten, Chaos und sogar Impfstoff-Missbrauch hin. Aus diesem Grund drängt sich die Frage auf: Was genau ist im Bezirk Schwaz bei den Durchimpfungen an den dafür angesetzten zwei Wochenenden alles passiert? Der Versuch einer Chronologie.

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Am 3. März wird bekannt, dass der Bezirk Schwaz insgesamt 100.000 Impfdosen von BionTech/Pfizer erhält. Deswegen, weil er zu diesem Zeitpunkt von der „südafrikanischen Mutation“ österreichweit am stärksten betroffen ist. Der Bezirk wird zur europaweiten Modellregion und die Bevölkerung durchgeimpft.

Der Startschuss für die Erstimpfungen fällt am 11. März. An fünf Tagen werden in den Impfstationen all jene geimpft, die sich freiwillig dazu angemeldet haben. Die Rede ist von 48.500 Anmeldungen von 64.000 infrage kommenden Personen. Tatsächlich impfen lassen sich rund 46.000 Impfwillige.

Plötzlich sieben Dosen aus einer Impfampulle
Während dieser ersten Impfaktion wird bekannt, dass man plötzlich aus den Impfstofffläschchen anstatt sechs vielfach sieben Dosen gewinnen kann. Der Kreis der Geimpften wird laut Land Tirol somit erweitert: Es werden auch Personen geimpft, die aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit einer erhöhten Infektionsgefahr ausgesetzt sind und im Bezirk Schwaz arbeiten. Zudem können nun auch Impfungen von Personen über 65 Jahren und Risikopatienten in angrenzenden sowie in räumlicher Nähe liegenden Gemeinden durchgeführt werden. Konkret sind das die Orte Münster, Brixlegg, Kramsach, Kolsass, Kolsassberg, Rattenberg, Radfeld, Reith im Alpbachtal, Alpbach, Fritzens, Wattens, Wattenberg, Brandenberg, Baumkirchen und Volders.

Zum Finale dieses Impfdurchganges deckt die „Krone“ die ersten Ungereimtheiten auf: Recherchen ergeben, dass zum einen insgesamt 50 Lehrer und Schüler der Polizeischule in Absam sowie 147 einpendelnde Beamte ihren Anti-Corona-Piks erhalten. Zum anderen brachten zwei Beamte „externe Frauen“ mit zum Impftermin, die auch ihre Dosis erhalten haben. Vonseiten der Polizei wurde damals betont, dass die beiden Frauen im Bezirk Schwaz wohnhaft seien. Mittlerweile erhärteten sich jedoch Gerüchte, dass diese Information zumindest teilweise nicht der vollständigen Wahrheit entspricht.

Stornowelle für zweite Impfung zeichnet sich ab
Vier Wochen später, am 8. April, geht es in die zweite Impfrunde. Bereits am Beginn zeichnet sich ab, dass viele Erstgeimpfte zum zweiten Termin nicht erscheinen. Das löst Nervosität beim Land Tirol, der BH Schwaz und bei leitenden Ärzten dieser Aktion aus. Zumindest zeigt dies ein E-Mail-Verkehr, der der „Krone“ vorliegt. So heißt es etwa in einem Mail aus dem Büro des Landeshauptmannes: „Viele melden sich von der Zweitimpfung ab, aus verschiedenen Gründen. Wir müssen aber erstens den Impfstoff aufbrauchen und zweitens den Impfschutz garantieren.“ Die BH Schwaz bestätigt in einer Antwort, „dass es relativ viele Abmeldungen aus unklaren Gründen gibt. Um die Herdenimmunität nicht zu gefährden, werden wir die Zweitimpfung daher explizit nochmals empfehlen“. Und auch ein leitender Arzt betont in einer E-Mail an rund 80 Ärzte im Bezirk, dass sich eine „steigende Stornozahl“ abzeichne. Um möglichst viele Erst-Geimpfte zur Zweitimpfung zu motivieren, wird an die 46.000 Personen eine SMS versendet.

Anzahl der Augen- und Ohrenzeugen steigt an
Diese Initiative scheint aber nicht zu fruchten. In einigen der 26 Impfstationen herrscht teils gähnende Leere und man ist verdutzt darüber, wie viele ihren Zweittermin nicht wahrnehmen. Laut „Krone“-Informationen werden bereits am Samstagfrüh erste Personen, die weder Haupt- noch Nebenwohnsitz im Bezirk Schwaz haben und auch noch keine Erstimpfung erhalten haben, kontaktiert und gefragt, ob sie mit BionTech/Pfizer geimpft werden wollen, da es genügend Reserven gebe.

In den folgenden Tagen melden sich bei der „Krone“ immer mehr Augen- und Ohrenzeugen, die von Ungereimtheiten berichten. Die Angst, dass jede Menge Impfstoff übrig bleibt, steigt. Mangels eines augenscheinlich fehlenden Planes B seitens des Landes Tirol wird das drohende Chaos von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlichst bekämpft.

Warum lag Fokus nicht auf Risikopatienten?
So ist unter anderem die Rede davon, dass landesweit Bürgermeister ebenso für die Impfung kontaktiert werden wie auch vermehrt Personen, die angeblich dem Bauernbund in gewisser Art und Weise nahe stehen, ja und sogar Nicht-Tiroler. Einige dieser Fälle entsprechen laut „Krone“-Informationen tatsächlich der Wahrheit.

Bleibt die alles entscheidende Frage: Warum hat das Land Tirol für den Fall des Falles, sprich einer Stornowelle, keine Liste mit noch ungeimpften (Hoch-)Risikopatienten bzw. noch ungeimpften älteren Personen vorbereitet, um den ausgearbeiteten Impfplan wie vereinbart einhalten und auch umsetzen zu können? Die „Krone“ hat das Land mit den einzelnen Ungereimtheiten konfrontiert.

„Das wäre nicht in unserem Sinne“
„Es wurden 92.000 Impfungen im Bezirk Schwaz durchgeführt. Restliche verfügbare Impfdosen wurden im Land dazu verwendet, die Personengruppe der über 80-Jährigen durchzuimpfen bzw. weitere Impfstellen wie Krankenhäuser mit Impfdosen auszustatten - verbunden mit der Vorgabe, streng nach der Impfstrategie definierte Personen zu impfen“, teilt das Land mit. Es werde festgehalten, dass es Richtlinien an die Gemeinden hinsichtlich der zu impfenden Personen gegeben hat: „Sollte dies in Einzelfällen nicht wie vorgegeben eingehalten worden sein, wäre das nicht in unserem Sinne.“

Da anstelle der sechs vielfach sieben Dosen verimpft werden konnten, seien auch Personen geimpft worden, die aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit einer erhöhten Infektionsgefahr ausgesetzt seien und im Bezirk Schwaz arbeiten sowie auch Risikopatienten aus angrenzenden Gemeinden. „Diese Impfungen werden teils in der Statistik als Geimpfte des Bezirkes Schwaz und teils gesondert berücksichtigt“, erklärt das Land Tirol.

„Als Vorgabe galt der Hauptwohnsitz“
Auf die Frage, ob dasselbe auch für geimpfte Personen mit einem Zweitwohnsitz im Bezirk Schwaz gelte, heißt es: „Als Vorgabe galt der Hauptwohnsitz.“ Und ob dasselbe auch für im Bezirk Schwaz Geimpfte gelte, die dort weder wohnhaft sind noch ihrer Arbeit nachgehen, antwortet das Land mit einem schlichten „Nein“. Das legt die Vermutung nahe, dass sehr wohl auch derartige Personen im Zuge der Aktion in den Genuss eines Piks gekommen sind.

„Bei der zweiten Impfrunde war die Vorgabe des Landes, dass vonseiten der Gemeinden keine Erstimpfungen vorgenommen werden. Entstandene Überlinge wurden gesammelt nach Schwaz geliefert“, verdeutlicht das Land. Der „überwiegende Teil“ habe seinen Zweitimpftermin wahrgenommen.

Politisch liege laut Land Tirol der Verantwortungsbereich für die Impfaktion im Bezirk Schwaz beim zuständigen LR Bernhard Tilg: „Die Entscheidungen werden in entsprechenden Gremien bzw. der Landeseinsatzleitung abgestimmt.“

Claus Meinert
Claus Meinert
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