14.04.2021 07:00 |

„Krone“-Kolumne

Tabuisierte Sexualität in unserer Gesellschaft

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal über das Recht von Politikern auf Privatsphäre. 

Im Dezember 2020 zog eine Sexparty mediales Interesse auf sich. In Brüssel hatten sich schwule Männer getroffen, um kollektiv ihre Sexualität zu leben. Verboten war das nur, weil aufgrund der Corona-Regeln maximal drei Personen teilnehmen hätten dürfen. Anstatt eines Dreiers waren jedoch mehr als 20 Personen anwesend - und Drogen. Und ein ungarischer Europa-Abgeordneter der rechtskonservativen FIDESZ-Partei, der noch versuchte, vor der Polizei und einer Anzeige über das Dach zu fliehen.

Das ist natürlich eine pikante Geschichte, nicht zuletzt wegen der Fallhöhe. Der mit einer Frau verheiratete Familienvater und Vertraute von Premier Viktor Orban hatte sich als FIDESZ-Politiker um die christlich-konservativen Werte in Ungarn verdient gemacht. Nachdem belgische Medien über die „Orgie“ berichteten, mehrte sich Kritik an der Doppelmoral und einer bürgerlichen Fassade des Politikers. Ungarn steht international schon länger in der Kritik, weil sexuelle Minderheiten nicht gleichgestellt werden. FIDESZ hatte etwa verhindert, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen.

Der unfreiwillig geoutete Politiker legte schließlich sein Mandat nieder. Ähnlich erging es bereits einem anderen FIDESZ-Politiker 2019, nachdem Videos einer privaten Sex-Party mit Prostituierten veröffentlicht wurden. Die Veröffentlichung intimer Details und sexuellen Bildmaterials von Politikern wirft die Frage auf, wie privat (oder politisch relevant) die Sexualität prominenter Personen ist und sein soll. Wasser zu predigen und Wein zu trinken, zieht Unmut auf sich und untergräbt die Glaubwürdigkeit von Politikern. Gleichzeitig geht einvernehmlich gelebte Sexualität - dazu zählt auch Sexting und sexuelles Bildmaterial - niemanden etwas an.

Die nie öffentlich ausgesprochene Homosexualität von Politikern zeigt, wie tabuisiert Sexualität in der Gesellschaft immer noch ist. Dass es auch anders geht, demonstrierte 2015 das kleine Großherzogtum Luxemburg. Dort heiratete Xavier Bettel als Ministerpräsident seinen langjährigen Lebensgefährten während seiner Amtszeit. Das ermöglichte es ihm, in Luxemburg wie auch international gegen die Verfolgung Homosexueller einzutreten.

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Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin

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