28.03.2021 11:55 |

Vorarlberg spricht

Vom Rauswurf zum neuen Lebensentwurf

Der Theatermacher Jakub Kavin gastiert dieses Wochenende mit seinem Stück „Hikikomori“ im Dornbirner TIK. Im Interview spricht er über elf Tonnen Theatergeschichte und seinen Rauswurf aus der Kinderkrippe.

Krone: Dieses Wochenende zeigen Sie Ihr Stück „Hikikomori“ im TIK. Ein schönes Gefühl wieder spielen zu dürfen?
Kavin: Eine Wohltat. Anfang März konnten wir auch schon in Luxemburg spielen - zum ersten Mal seit Ende Oktober. Nun in Vorarlberg spielen zu dürfen, ist einerseits großartig und andererseits ein Lernprozess. Denn hoffentlich werden auch in Wien in einigen Monaten Öffnungsschritte gesetzt - dann wissen wir schon, wie Theater mit Zutrittstests ablaufen kann.

Wie haben Sie die Ruhigstellung der Kultur erlebt?
Die Unsicherheit war eine enorme Belastung. Man hat sich von Woche zu Woche und von Pressekonferenz zu Pressekonferenz weitergearbeitet und am Ende doch wieder nur ein Nein erhalten - oder Ankündigungen, die schließlich wieder zurückgenommen wurden. Aber es ist eben, wie es ist, man muss Geduld haben.

Hikikomori heißt das Stück, das Sie hier zur Aufführung bringen. Es handelt sich dabei um ein Phänomen des totalen Rückzugs von der Welt. Warum wollten Sie sich diesem Thema widmen?
Ich leite das TheaterArche gemeinsam mit der japanischen Koloratursopranistin und Schauspielerin Manami Okazaki - dadurch habe ich mich auch mit der japanischen Kultur auseinandergesetzt - und dem Tabuthema Hikikomori. Aber es erzählt auch etwas über Lebensrealitäten in Europa, in Österreich, es ist also nicht nur exotisch.

Was bezeichnet Hikikomori nun genau?
Es handelt sich dabei um den Rückzug einzelner Personen aus der Gesellschaft, meist beginnt das in der Jugend. Dieses faszinierende und bedrückende Phänomen wurde Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre in Japan wahrnehmbar. Damals waren das Menschen unter 20 Jahren, heute sind diese Menschen über 50 und leben teilweise noch immer in der Wohnung ihrer 80-jährigen Eltern und lassen sich von diesen das Essen vor die Zimmertüre stellen. Das ist eine extreme Ausprägung, es gibt auch leichtere Varianten von Hikikomori. Betroffen sind Männer häufiger als Frauen - und die Schätzungen, wie viele Menschen darunter leiden, gehen weit auseinander. Auf meiner Forschungsreise nach Japan habe ich versucht, mit den Menschen darüber zu reden. Aber kaum jemand wollte sich dem öffnen. Und mit meiner Ankündigung, das Thema auf die Bühne bringen zu wollen, habe ich für große Augen gesorgt.

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50-Jährige leben teilweise noch immer in der Wohnung ihrer 80-jährigen Eltern und lassen sich von diesen das Essen vor die Zimmertüre stellen.

Jakub Kavin

Durch Corona ist soziale Isolation auch hierzulande ein wichtiges Thema geworden.
Die Idee zum Stück wurde schon im Jahr 2019 geboren. Und schon vor der Corona-Krise haben sich viele überfordert gefühlt, sich zurückgezogen in digitale Welten, das lässt sich auf der ganzen Welt beobachten. Das erzählt uns etwas übers Menschsein. Corona hat vielen die Isolation aufgezwungen. Da lassen sich natürlich Verbindungen zum Stück finden.

Warum ist dieses Phänomen in Japan so weit verbreitet?
Den Ursprung findet man wohl in den strengen, hierarchischen Strukturen Japans. Eine sehr verschlossene Gesellschaft auf einer Insel. Der Vorteil daran ist vielleicht, dass das Virus nicht mit dem Auto kommen kann, aber die Vorgaben, wie man zu leben hat, sind sehr genau. Es besteht also ein gewisser Druck - und Versagensangst. Ein Ausbruch aus diesem System kann auch in Form eines Zurückziehens geschehen.

Diese Menschen gehen der Gesellschaft verloren.
Ja, die japanische Gesellschaft ist stark überaltert, sie ist quasi am Aussterben. Und durch Hikikomori werden es natürlich noch weniger.

Zurück zu Ihrer Lebensgeschichte: Sie sind das Kind von Nika Brettschneider und Ludvik Kavin, die jahrzehntelang das Theater Brett in Wien geleitet haben. Waren Sie ein echtes Theaterkind?
Meine Eltern und ich sind 1977 als politische Flüchtlinge von der Tschechoslowakei nach Wien gekommen. Meine Eltern hatten die Charta 77 unterschrieben - und nachdem ich als Sohn von Staatsfeinden aus der Kinderkrippe entfernt worden war, haben wir auch einen Ausreisebescheid erhalten. Wir mussten also das Staatsgebiet verlassen. Bruno Kreisky hat alle Unterzeichner der Charta nach Österreich eingeladen. Und dieser Einladung sind wir gefolgt. Meine Eltern konnten kein Wort Deutsch, als sie hier ankamen, und haben deswegen nonverbales Theater gemacht. Wir sind durch ganz Europa gefahren, ich war also eher ein Zirkuskind. Bis 1981 waren wir dauernd unterwegs. Dann musste ich eingeschult werden - und damit kam die Sesshaftigkeit. Anfangs bespielten meine Eltern einen Theaterraum im 16. Bezirk - und meine Mutter erhielt den Förderpreis zur Kainz-Medaille. Das war außergewöhnlich, denn es war ja eine nonverbale Rolle. Ab 1984 hatten meine Eltern dann ein fixes Theater, das Theater Brett.

Sie haben das Theater vor wenigen Jahren übernommen.
Ja, wir mussten erstmal entrümpeln. Wir haben insgesamt elf Tonnen Material aus dem Theater getragen: Bühnenbilder, Kostüme, Requisiten. Das war schmerzhaft, aber notwendig. Aus diesem Lagerraum haben wir eine Hinterbühne gemacht. Nach unserer Nominierung für den Nestroypreis hat die Politik auch Goodwill gezeigt, wir erhalten nun eine Förderung für den Erhalt der Immobilie. Der Rest basiert immer noch auf Selbst- und Fremdausbeutung. Das kann natürlich kein Dauerzustand werden.

Wann standen Sie erstmals auf der Bühne?
Als Vierjähriger wurde ich zum ersten Mal auf die Bühne geschmissen. Ich hatte die Angewohnheit, mich nach den Vorstellungen als Bühnentechniker zu betätigen und spielte mit den Scheinwerfern herum. Da beschlossen meine Eltern, mich schon während der Vorstellungen müde zu machen. Auch mit Robert Kahr, dem Leiter des Dornbirner TIK, stand ich schon auf der Bühne. Als „kleiner Prinz“, damals war ich zwölf. Robert spielte den Piloten. Ein totaler Erfolg. Meine Eltern haben das Stück immer angesetzt, wenn sie wieder etwas Geld brauchten. Danach hatte ich eine Weile die Schnauze voll vom Theater, bin aber doch wieder dort gelandet.

Angelika Drnek
Angelika Drnek
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