03.11.2020 11:09 |

Frage nach dem Warum

Experte: Wien ist „leichtes und attraktives“ Ziel

Am Tag nach dem blutigen Attentat stellt sich die Frage, warum ausgerechnet Wien zum Schauplatz eines Terroranschlags wurde? Der Terrorismusexperte Nicolas Stockhammer von der Universität Wien sieht auf Basis der derzeitigen Erkenntnisse zwei Gründe dafür: Die Bundeshauptstadt sei einerseits ein relativ „leichtes Ziel“ für Terroristen, anderseits habe Wien als Sitz internationaler Organisationen „Attraktivität als terroristisches Ziel“.

Unmittelbarer äußerer Anlass der Tat war laut Stockhammer die Wiederveröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in Frankreich. Die terroristische Bedrohung für ganz Europa sei seitdem „graduell überall größer“. Im Gegensatz zu den jüngst erfolgten Terroranschlägen bei Paris, in Dresden und in Nizza sieht der Experte bei dem Anschlag in Wien aber „einen qualitativ großen Unterschied“. „Während überall nur Hieb- und Stichwaffen verwendet wurden, wurden in Wien Schusswaffen eingesetzt“, sagt er.

„Weiches Ziel mit vergleichsweise wenig Polizeipräsenz“
„Wien ist ein relativ weiches Ziel mit vergleichsweise wenig Polizeipräsenz“, so der Experte. „Aufgrund der freiheitlichen Lebensweise wurde bewusst darauf verzichtet, schwer bewaffnete Sicherheitskräfte durch die Straßen laufen zu lassen, wie das in anderen europäischen Städten der Fall ist.“ Zugleich stehe Wien als diplomatische Drehscheibe und Hauptstadt eines neutralen Landes sowie aufgrund der Lage im Herzen Mitteleuropas im internationalen Fokus. Das zeige sich auch nun an der internationalen Aufmerksamkeit für den Anschlag, so Stockhammer.

Zeitpunkt der Tat wegen Lockdown verschoben?
Der Experte geht davon aus, dass der Anschlag eigentlich für einen späteren Zeitpunkt geplant war und wegen des bevorstehenden Lockdowns kurzfristig früher durchgeführt wurde. Die Planung für einen derartigen Anschlag könne nur wenige Tage bis zwei Wochen in Anspruch nehmen, wenn es sich um eine organisierte Zelle handle. Andernfalls würden die Vorbereitungen länger dauern. Durch die Coronavirus-Pandemie seien natürlich auch Ressourcen der Sicherheits- und Abwehrkräfte gebunden, wenn diese etwa schauen müssten, ob die Corona-Maßnahmen oder die Ausgangsbeschränkung eingehalten werde.

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Wien ist nicht die Insel der Seligen, wie es von vielen gerne oft gesehen wird.

Terrorismusexperte Nicolas Stockhammer von der Universität Wien

„Wien ist nicht die Insel der Seligen“
Völlig überraschend sei der Anschlag nicht, meint der Experte. Denn es habe in den vergangenen Jahren diverse Vorfälle gegeben und auch den einen oder anderen vereitelten Anschlag. „Wien ist nicht die Insel der Seligen, wie es von vielen gerne oft gesehen wird“, so Stockhammer. Es habe auch immer wieder Warnungen von ausländischen Nachrichtendiensten gegeben und Österreich habe „eine vergleichsweise recht ausgeprägte islamistische Szene“, sagt er. „Was die Migration ins sogenannte Kalifat also nach Syrien und den Irak betrifft, liegt Österreich an vierter Stelle in Europa.“ Insgesamt 320 Kämpfer seien von Österreich aus nach Syrien und in den Irak gezogen.

Täter wollte nach Syrien, deshalb verurteilt
Wie Innenminister Karl Nehammer betonte, hat es sich beim erschossenen Attentäter mit dem Namen Kujtim F. (20) zweifelsfrei um einen Anhänger der radikalislamistischen Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehandelt. Er wurde am 25. April 2019 zu 22 Monaten Haft verurteilt, weil er versucht hatte, nach Syrien auszureisen, um sich dort dem IS anzuschließen.

Am 5. Dezember wurde er vorzeitig bedingt entlassen - er galt als junger Erwachsener und fiel damit unter die Privilegien des Jugendgerichtsgesetzes. Von Polizeikräften wurde der 20-Jährige in der Nähe der Ruprechtskirche erschossen, teilte der Innenminister mit.

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