07.10.2020 11:55 |

krone.at-Kolumne

Auch Trump hat keinen Corona-Spott verdient

Ja, der US-Präsident ist in vielerlei Hinsicht ein Wahnsinniger. Man kann sich bei jedem zweiten Satz auf den Kopf greifen, seine Tweets sind mehr wirr als staatsmännisch und seine Art, Politik zu machen, sonderlich. Aber auch wenn das in Hinblick auf seine bekannt gewordene Corona-Infektion dazu verleitet, Schadenfreude zu empfinden: Den Spott hat selbst er nicht verdient.

Dass ausgerechnet jener Präsident, der sich über Maske-tragende Menschen lustig macht, das Virus konsequent verharmlost und sich mit obskuren Tipps und Tricks als Arzt aufpudelt, selbst am Coronavirus erkrankt, grenzt schon an Ironie des Schicksals. Es ist, als hätte es genau so kommen müssen.

Auch sein Umgang mit seiner Corona-Diagnose ist verantwortungslos. Die unnötige Schaulauf-Fahrt zu seinen Anhängern und das hochnotpeinliche und auf „Mich kann nichts erschüttern“ getrimmte Video von seiner Rückkehr vom Krankenhaus ins Weiße Haus lassen jeden mündigen Beobachter nur noch ratlos zurück. Von seiner Twitter-Diarrhö, dass das Virus ja gar nicht so gefährlich sei, ganz zu schweigen.

Spott wegen einer Krankheit geht gar nicht - das gilt auch bei Trump
Aber auch das alles rechtfertigt nicht, ihm einen schweren Krankheitsverlauf zu wünschen. Eine gewisse Schadenfreude mag zwar angesichts seiner fragwürdigen gesundheitspolitischen Haltung ein verständlicher erster Reflex sein, eine Rechtfertigung für offen ausgetragene Häme und bösartige Wünsche ist sie aber dennoch nicht. Spott aufgrund einer Krankheit ist die allertiefste Schublade und schon gar keine politische Kategorie. Das gilt auch bei Donald Trump.

Polemik ist von links wie von rechts falsch
Wenn also eine österreichische Medienmacherin ihm „ein bissl Röcheln für sein Karma“ wünscht, ist das um keinen Deut besser als das, was der amerikanische Präsident tut. Es ist bösartig und weit weg von einer seriösen Kritik. Insbesondere jene, die sich die Plakette an die Brust heften, moralisch besser zu sein, sollten sich die Polemik - und sei sie auch noch so verlockend - sparen. Gehässigkeit ist nämlich von links wie rechts falsch und jeder Rechtfertigungsversuch hat das „Gerüchle“ schnöder Doppelmoral.

Man kann ja zumindest schweigen
So schwer es auch fällt, dem Erstreflex des Spotts nicht so einfach nachzugeben: Letztendlich ist auch Donald Trump hinter seiner politischen Fassade nur ein Mensch. Deswegen ist ihm - wie jedem anderen auch - unabhängig von seiner Politik gute Besserung und rasche Genesung zu wünschen. Und wer das nicht schafft, der sollte zumindest schweigen. Corona ist nämlich keinem zu wünschen. Auch nicht dem US-Präsidenten.

Katia Wagner, krone.at

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