26.09.2020 10:00 |

Gletscherwelt im Blick

Innergschlöss: Auf dem Gipfel des Glücks

Im schönsten Talschluss der Ostalpen, dem Innergschlöss, eröffnet sich ein herrlicher Blick über die imposante Gletscherwelt rund um den Großvenediger. Gigantische Naturkräfte hatten einst diese faszinierende Landschaft geformt - und sind immer noch am Werk.

Was für ein erhebender Moment: Schier endlos breitet sich vor mir das sonnige Panorama der beeindruckenden Gletscherwelt des Nationalparks Hohe Tauern aus, der majestätische Großglockner mit seinen 3798 Metern fast in Augenhöhe. Hinter mir steigen schneebedeckte Hänge auf. Bestimmt einer der höchsten Schauplätze, an dem je ein „Krone“-Reisebericht geschrieben wurde. Ringsherum herrscht absolute Stille. So ruhig geht es in keiner Redaktion zu. In dieser Idylle plätschern die Worte in die Notizblock-App meines Handys wie das geschmolzene Eis, das als glasklares Wasser aus einer nahen Felsennische sprudelt. Wanderer müssen an einer Kante nur die Hand auf- oder die Öffnung einer Trinkflasche hinhalten, um das coole Lebenselixier genießen zu können. Herzerfrischend!

Steinig ist der Weg ins Gebirgsparadies
Mit Hans Goger führt unsere neunköpfige Gruppe allerdings ein Bergsteiger mit einem reichen Erfahrungsschatz an. Der Burgenländer hat bereits etliche der höchsten Gipfel der Erde erklommen. Auf dem Dach der Welt fühlt er sich wie zu Hause. Der Himalaja in Nepal ist die zweite Heimat des routinierten Mount-Everest-Bezwingers. Heimische Gefilde schätzt der Extremsportler genauso. Mindestens einmal im Jahr marschiert er mit unternehmungslustigen Landsleuten in Osttirol zur Neuen Prager Hütte (2796 Meter), um von dem Quartier und Ausgangspunkt vieler Gletschertouren bis zum 3666 Meter hohen Großvenediger zu stapfen. Für Goger ein Spaziergang, für mich Ungeübten wohl eher ein Gang nach Canossa.

Noch ist’s gemütlich, als uns das Traktor-Shuttle vom Matreier Tauernhaus zum Alpengasthof Venedigerhaus in der Almsiedlung Innergschlöss bringt. Nach kurzer Stärkung legen wir auf 1691 Metern los. Der Berg ruft. Sobald wir den horizontalen Pfad verlassen und es nach oben geht, ruft auch mein Inneres – nach einem Sherpa. Jedes Kilo meines Rucksacks zwingt mich mehr in die Knie. „Am besten ist, du machst statt großen Schritten viele kleine. Das strengt weniger an“, rät Hatti, mein Vordermann in unserer Trekking-Reihe. Er hat recht. Doch auch für so einen wie mich, der gern Fußball spielt, ist dieser gute Tipp kein Allheilmittel – steile Gesteinsbrocken sind kein grüner Rasen. Umso mehr ist Durchhaltevermögen gefragt.

Nette Bekanntschaften auf dem Marsch zum Hüttenwirt Wilfried
Für Auflockerung sorgt eine ganze Familie von Bergfans aus Hannover. „Schon seit Langem kommen wir immer wieder hierher. Österreich ist wunderschön“, erzählt das deutsche Ehepaar. Mit einem fröhlichen Lächeln lässt sich Evi, eine der drei Töchter, bei einem zahmen Schaf nieder, um es zu umarmen. „Das macht sie oft so. Sie liebt Tiere“, weiß der Vater. Und das Schaf mag Evi.

Nach vier Stunden und 1100 Höhenmetern ist der Aufstieg zur Neuen Prager Hütte geschafft. Mit herzhafter Hausmannskost belohnt der Wirt, Wilfried Studer, seine Gäste für alle Anstrengungen. Nach zwei gemeinsamen Expeditionen zum Mount Everest (8848 Meter) pflegen er und Goger eine enge Freundschaft. Als köstliches Dessert gibt es spannende Bergsteiger-Geschichten.

Voll motiviert beginnt Tag zwei der Tour. Das Ziel: der Großvenediger. „Die Verhältnisse sind heuer optimal. Es liegt noch so viel Winterschnee, alle Spalten sind tief zugeschneit und lassen sich ohne große Gefahr überqueren“, sagt Goger. Kurz darauf hängen alle Begleiter für die letzte lange Etappe an einem Seil, um ganz sicher zu gehen. Atemraubend ist der Marsch zur Bergspitze, atemberaubend die Aussicht. Ein paar Meter noch, dann ist das Gipfelkreuz erreicht. Dem Himmel sehr nah, kennt die Freude keine Grenzen. Nach Großglockner, Wildspitze, Weißkugel und Glocknerwand immerhin die fünfthöchste Erhebung der rotweißroten Heimat.

Vom Rand des Ewigen Eises über Bäche durch eine unberührte Natur
Am dritten Tag geht es wieder talwärts. Ein zügiges Auf und Ab – etwas anstrengend, aber traumhaft schön. Als Museum steht die denkmalgeschützte Alte Prager Hütte offen, errichtet in den 1870er-Jahren nach Plänen eines tschechischen Kaufmannes. Heute erinnert das traditionsreiche Relikt an den simplen Charakter der Bergunterkünfte aus längst vergangenen Tagen. Gleichzeitig dient die Schutzhütte von einst als wissenschaftliche Station für Forschungszwecke, wie auf einem Aushang zu lesen ist.

Bis an den Rand des ewigen Eises schlängelt sich der zauberhafte Gletscherweg. Im Zuge des Klimawandels hat das sogenannte Schlatenkees seit 1990 fast 500 Meter Länge eingebüßt. Hoffnung gibt das „Auge Gottes“, der mit einer Wollgrasinsel bedeckte Teich auf 2240 Metern – ein magisches Kleinod der freien Natur. So wie der Salzbodensee. Dank ihres Anblicks hält das Glücksgefühl noch lange an.

Karl Grammer, Kronen Zeitung

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