01.08.2020 06:00 |

Nichts verpassen!

KW 31 - die wichtigsten Neuerscheinungen der Woche

Musik als Lebenselixier - besonders für das Wochenende, wo man hoffentlich auch Zeit dafür hat. Wir haben für euch wieder die besten Alben und Veröffentlichungen der Woche zusammengesammelt. Quer durch alle Genres ist hier garantiert für jeden was dabei. Viel Spaß dabei!

!!! (ChkChkChk) - Certified Heavy Kats EP
In New York City tanzt es sich immer noch am besten. Das wissen wir seit gut zwei Jahrzehnten, denn damals tauchten die Dance-Punks !!! (ChkChkChk) mit dem unaussprechlichen und ungooglebaren Namen erstmals auf der Bildfläche auf. Anno 2020 hat man die Corona-Quarantäne dazu genützt, sich in Form der 7-Track-EP „Certified Heavy Kats“ vor den eigenen Helden zu verbeugen. Chicago House, UK Garage, NYC Disco und auch ein kleiner Blick in die Clubszene Detroits ist erwünscht und erlaubt. Das alles wird natürlich gewohnt tanzbar, leichtfüßig und spielfreudig exerziert und passt perfekt in die aufkommende Sommerstimmung zur derzeitigen Hitzewelle. Ohne Bewertung

Alcatrazz - Born Innocent
Wenn man sich Frisuren und Look allgemein von 40+ Musikern aus Kalifornien so ansieht, dann kommt man schon oft ins Grübeln. Nikki-Sixx-Gedenkoptik gibt es beim „großen“ Comeback von Alcatrazz zuhauf, denn deren Kultstatus begründet sich weniger auf die bislang gezeigten Leistungen im traditionellen Heavy Metal, sondern vielmehr darauf, dass die Band rund um Ex-Rainbow-Stimme Graham Bonnet nun das erste Album seit 1986 veröffentlichen. In Zeiten ausbleibender Festivals wie Keep It True und Co. ist es aber gar nicht so weit, dieses obsolete Gepose einem Publikum würdig zu verkaufen. Natürlich sitzen hier jedes Riff und jeder Schrei. Die alten Recken wissen eben, wie man guten Melodic Hard Rock mit Heavy-Kante schmiedet, aber spannend ist da wenig. 6/10 Kronen

Apache 207 - Treppenhaus
Es hat sich schon letzten Herbst im Wiener Gasometer angekündigt. Headliner war offiziell Bausa, doch Apache 207 hat im Vorprogramm längst die Vorherrschaft übernommen. Mittlerweile ist der auf Volkan Yaman getaufte Deutsch-Türke die heißeste Aktie der deutschen Musiklandschaft und bringt mit seiner Mischung aus Rap, Trap, R&B, Pop und sommerlicher Sonnenuntergangsmusik gleich mehrere Generationen zum Kreischen. Es ist auch die Mischung aus dicker Hose, Selbstironie und aus dem Leben gegriffenen Inhalten, die ihn aus dem Gros des Mitbewerbs hervorstechen lassen. Mit seinem Debütalbum wird ihm garantiert der nächste Meilenstein gelingen, dafür sorgen Songs wie „Nur noch einen Schluck“, „Fame“ oder „Stimmen“ unter größter Garantie. Eine Aktie, die sich weiter steil im Steigen befindet. 8/10 Kronen

Joe Bouchard - Strange Legends
Und der nächste Oldie, den es noch gewaltig in den Fingern juckt. Joe Bouchard ist Gründungsmitglied der legendären Blue Öyster Cult, spielte auf dem Jahrhundertsong „Don’t Fear The Reaper“ Bass und war am Songwriting von Klassikern wie „Hot Rails To Hell“ beteiligt. Der angestammte Bassist hat unlängst die 70 überschritten, mit „Strange Legends“ aber mühelos ein weiteres Solowerk aus den Hüften geschossen. Sich von seiner Vergangenheit emanzipieren will Bouchard gar nicht, jeder Werbesatz greift - mehr oder weniger berechtigt - auf seine alte Kultband zurück. Wenn er damit leben kann, schön! „Strange Legends“ macht sich gut zu zwei schnellen Bieren und evoziert nostalgische Gefühle. Sehr solide. 6,5/10 Kronen

Daniel Blumberg - On & On
Der Londoner Daniel Blumberg ist ein Multitalent. Er spürt Klänge und Sounds mithilfe visueller Eindrücke. Er komponiert, schreibt und zeichnet. Er lässt sich ungern in Grenzen festhalten und liebt es, zu überraschen. „On & On“ ist sein zweites Album auf Mute Records und ja - es ist ein „match made in heaven“. Hier kommt zusammen, was zusammenpasst. Mithilfe von Freunden und Musikern der Improvisations-Bühne des Londoner Cafés Oto hat Blumberg seine Songs in einer Live-Session aufgenommen und von Scott-Walker-Intimus Peter Walsh stilecht produzieren lassen. Das Ergebnis ist ein intensives, aber auch sehr zurückgelehntes Album, das manchmal an Walker, manchmal an Bob Dylan und manchmal an Elliott Smith erinnert. Gut so! 7,5/10 Kronen

The Coronas - True Love Waits
Klar, es gäbe so viele Witze und Witzchen, die man über die Coronas in diesen Monaten machen kann. Für die Iren, in ihrer Heimat eine absolute Pop-Größe, bei uns meist vor knapp 100 Zahlenden am Werk gewesen, könnte „True Love Waits“ nun der perfekte Marketing-Stunt zum perfekten Zeitpunkt sein. Verdient hätte es die Truppe rund um Frontmann Danny O’Reilly schon längst, denn mit ihrem Gespür für radiotaugliche Hits und emotionale Momente schlagen sie auch dieses Mal durch. Songs wie der Titeltrack, „I Think We Jinxed It“ oder „Brave“ schreien förmlich nach Erfolg, aber vielleicht braucht das sympathische Gespann tatsächlich die Gleichung aus Bandnamen und Zeitpunkt, um endlich die verdienten Lorbeeren einzufahren?! 7,5/10 Kronen

Makaya McCraven - Universal Beings E&F Sides
Mit „Universal Beings“ hat sich der aus Chicago stammende Drummer und Percussionist Makaya McCraven endgültig in die oberste Liga gespielt. Die „New York Times“ feierte ihn als „wichtige Stimme in der Musik“, Freunde von elektronisch verstärktem Jazz tanzten vor Freude im Kreis. Dieser Tage veröffentlicht der Vollblutmusiker die „E&F Sides“ seines Meisterwerks, die im Rahmen der ursprünglichen Sessions entstanden sind und nun neu aufpoliert wurden. In 14 Songs zeigt er einmal mehr, wie fluide, locker und vor allem kongruent zusammenhängend seine Songs wirken. Grenzenloser Jazz mit der Liebe zur Moderne und zum Experimentellen - diese Outtakes würden andere Künstler mit Handkuss als A-Material verwenden. Und das sagt auch schon alles über die Tracks aus. Ohne Bewertung

Charley Crockett - Welcome To Hard Times
Country floriert in den USA wie kaum jemals zuvor und anhand der vielen großen Talente kann man sich dem Hype um diese Musik auch hierzulande kaum erwehren. Bzw. man will eigentlich nicht. Einer der aufstrebenden Jungstars ist Charley Crockett, der derzeit im Halbjahresrhythmus Alben veröffentlicht und dabei nicht und nicht an Qualität verliert. „Welcome To Hard Times“ ist natürlich schon als Titel perfekt gewählt, doch es geht weniger um Corona und seine Auswirkungen, sondern um eine lebensrettende Herz-OP aus dem Vorjahr, die den 36-Jährigen um Leben und Sein reflektieren ließen. Der Stetson sitzt, der Hall am Mikro und die Steel-Pedals ebenso. Ein Album für die Veranda zu Sonnenuntergang. 7/10 Kronen

Lana Del Rey - Violet Bent Backwards Over The Grass
Das Rezitieren von Gedichten in Form von Spoken-Word-Alben wird auch in der Popwelt immer populärer. Die neueste im Kreis der Rezitierenden ist die kalifornische Pop-Noir-Queen Lana Del Rey. Wer also ein richtiges neues Album erwartet - gleich woanders weiterlesen. „Violet Bent Backwards Over The Grass“ gibt es schon zwei Monate vor der physischen Veröffentlichung digital zu hören. Hinterlegt werden Del Reys Textpreziosen übrigens vom Sound von Jack Antonoff, der schon ihr 2019er Meisterwerk „Norman Fucking Rockwell“ mitveredelte. Teile der Einnahmen werden übrigens verschiedenen Organisationen zugutekommen, die sich für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner einsetzen. Ansonsten ist das künstlerische Herzensprojekt nur etwas für Hardcore-Fans. Ohne Bewertung

Dirty Streets - Rough And Tumble
Wo Memphis draufsteht ist manchmal auch Memphis drinnen. Völlig zutreffend ist das beim jungen Trio Dirty Streets, die ihrem Namen und ihrer Herkunft alle Ehre machen und einen dreckigen Bastard aus Blues, Folk, Stoner, Soul und Rock kreieren und dabei gerne mit beiden Armen weit in die 70er-Jahre zurückgreifen. Led Zeppelin, Humble Pie und Cream waren die Bands, die als gemeinsamer Nenner vor 14 Jahren zur Bandgründung führten und schnell ein kundiges Gespann aus den Musikliebhabern machte. „Rough And Tumble“ geht genau den Weg der vier Vorgänger und lässt sich am besten bei den so sträflich vermissten Sommer Open Airs irgendwo zwischen „Lovely Days“ und Burg Clam genießen. Naja, ein anderes Mal vielleicht. 6,5/10 Kronen

Dizzy - The Sun And Her Scorch
Mit ihrem Debütalbum „Baby Teeth“ haben sich die Kanadier von Dizzy vor zwei Jahren vom Stand weg zu Indie-Darlings entwickelt, der heiß ersehnte und Corona-bedingt mehrfach nach hinten verschobene Nachfolger „The Sun And Her Scorch“ hält alle Versprechen und zeigt die Band rund um Frontfrau Katie Munshaw noch experimenteller und verspielter. Die romantische Liebeserklärung an ihr Heimatdorf Oshawa durchdringt auch die neuen Kompositionen mit filigraner Schönheit, neigt in manchen Momenten mit einem Auge aber noch mehr gen Arcade Fire, denn je zuvor („Good And Right“, „Primrose Hill“). Ein Album wie eine Suburbian-Komödie aus der Independent-Schiene Hollywoods, das auch nach mehrmaligem Durchlauf noch großen Spaß macht. 8/10 Kronen

Dominic Fike - What Could Possibly Go Wrong
Dominic Fike und die Exekutive - daraus wird keine große Freundschaft mehr. Der halb afro-amerikanisch, halt philippinisch-stämmige Künstler wurde nicht nur schon einmal wegen Polizeigewalt festgenommen, er musste auch schon mitansehen, wie seine halbe Familie schlecht behandelt oder inhaftiert wurde. Nach dem brutalen Mord an George Floyd schrieb er ein Essay und tat seinen Unmut kund. Mit „What Could Possibly Go Wrong“ erscheint nun endlich auch sein Debütalbum, auf dem er in Songs wie „Double Negative“ oder „Politics & Violence“ gerne noch einmal auf diese Thematik zurückkommt. Fike klingt nicht umsonst wie eine Mischung aus seinem Idol Jack Johnson, Brockhampton und Halsey - er lässt sich ungerne eingrenzen und weiß damit aufzutrumpfen. Da wächst was Großes heran! 7,5/10 Kronen

Fontaine’s D.C. - A Hero’s Death
Wie eine Bombe schlug vor nur etwas mehr als einem Jahr das Debütalbum „Dogrel“ ein. Damit hievten sich Fontaine’s D.C. mit ihren von Post-Punk, Beat Poeten und Indie-Rock-Bands beeinflussten Sound nicht nur auf der britischen Insel in die Charts, überraschenderweise verfielen auch die Amerikaner dem Working-Class-Gestus der stolzen Dubliner. „A Hero’s Death“ büßt absolut gar nichts an Qualität ein, sondern zeigt nur noch deutlicher, dass zwischen Beach House, Suicide, Broadcast oder frühen Stone Roses noch genug Platz zum Gedeihen herrscht. Die flirrenden, oft dissonanten Songs mäandern in völliger Selbstverständlichkeit zwischen Dur und Moll, zwischen Shame und den Idles. Der Soundtrack zum Niedergang Großbritanniens - auch wenn er aus der EU kommt. 8/10 Kronen

Grayscale - Live From The Barber Shop EP
Irgendwann gelangen alle Teenie-Bands einmal an den Punkt, wo man mehr als nur den altersgerechten Pop-Punk präsentieren will. Bei Grayscale ist dieser Zeitpunkt wohl jetzt eingetreten, wie ihre 3-Track-EP „Live From The Barber Shop“ beweist. Drei ihrer Songs hat die Hit-Truppe aus Pennsylvania nun via Fearless Records in ein erwachsenes Gewand gesteckt. So erklingen beim Opener „Baby Blue“ die Ska-Trompeten, während „Painkiller Weather“ vom Piano getragen und einer sanften Akustikgitarre unterstützt wird. Das steht den auch schon fast zehn Jahre existenten Jungspunden überraschend gut zu Gesicht und sollte weiter forciert werden. Ohne Bewertung

Hockey Dad - Brain Candy
„Brain Candy“ schadet nicht - vor allem in einer Zeit, wo Verdummung und mangelhafte Fähigkeit zur Reflektion fröhliche Urständ feiern. Das australische Duo „Hockey Dad“ hat sich diese schöne Wortkombination als Titel für das dritte, in Seattle aufgenommene, Album gewählt, das sich einmal mehr angenehm zwischen Indie, Garage und Surf Rock in seinen ganz eigenen Kokon zurückzieht. Die zwei Kindheitsfreunde Zach Stephenson und Billy Fleming, die sich den Bandnamen von den „Simpsons“ entliehen, zeigen sich deutlich gereift und würzen ihre meist rockigen Songs mit Come-Of-Age-Texten in Songs wie „I Missed Out“, „Itch“ oder „Tell Me What You Want“, mit denen alle was anfangen können. Wer weiß? Vielleicht hätte auch Kurt Cobain als 27-Jähriger anno 2020 so geklungen? 7,5/10 Kronen

Steve Howe - Love Is
Der Brite Steve Howe ist ein bunter Hund der Prog-Szene, der mit Yes und Asia in unterschiedlichen Etappen, Tempi und Gezeiten gleich zweimal große Karriere machte. Der heute 73-Jährige gilt aber nicht nur als einer der profiliertesten Gitarristen des Kontinents, sondern auch als Mahner für eine bessere Welt und gesündere, nachhaltigere Lebensweise. „Love Is“ ist seine Art und Weise, der zwischenmenschlichen Liebe und jener zur Ökologie seinen Stempel aufzudrücken. Treibender Part des Albums am Schlagzeug war auch Sohnemann Dylan, wodurch die familiäre Liebe auch gleich abgehakt wird. Mit rund 15 Gitarren zelebriert er seine Fertigkeiten auf den mal instrumentalen, mal mit Gesangsstimme veredelten Songs. Ein buntes Potpourri aus allen Fertigkeiten der letzten 60 Jahre. Im Endeffekt aber auch nur was für waschechte Fans. 6/10 Kronen

Imperial Triumphant - Alphawille
Aus dem von Corona-Virus und Rassenunruhen nur so durchgeprügelten New York City stammen die atonalen Genreverweigerer „Alphaville“, die es mit ihrem wirren Soundgebräu für ihr hier vorliegendes, viertes Studioalbum auf Century Media Records geschafft haben. Ein mutiges Unterfangen seitens des Labels, aber auch ein Zeichen pro Kunst und wider Kommerzialität. Mit welcher Inbrunst Bandchef Zachary Ilya Ezrin gegen jede Logik der rhythmischen Kompositionslehre ankämpft, ist schon bahnbrechend. Stimmverzerrer, knallhartes Drumming, in Hirnrinden sägende Gitarren - alles vorhanden. Morbid Angel klingen im Vergleich dazu wie Wiesenhäschen, die gen Ende gecoverten Voivod sind am Ehesten als Vergleich heranzuziehen. Harter Stoff, aber guter Stoff. 7/10 Kronen

Insight - Reflection
Man weiß nicht so recht, ob es an Corona liegt oder an anderen Dingen, aber derzeit sprießen Bands, die sich mehrere Dekaden lang versteckt haben wie Pilze aus dem Boden. Insight aus Salt Lake City kann man getrost als Hardcore-Legenden der späten 80er-Jahre bezeichnen, das letzte Lebenszeichen in Form eines Albums liegt auch schon ähnlich lange zurück. Allerdings ist „Reflection“ auch eine kleine Mogelpackung, denn vier brandneuen Songs werden zahlreiche Songs aus der Frühzeit in neuem Gewand gegenübergestellt. Die „Drug Free“- und „Animal Rights“-Ethik hat man sich auch Jahrzehnte später bewahrt, ansonsten ist das ein wunderschönes, aggressives Nostalgie-Stelldichein, das einfach nur Spaß macht. Ohne Bewertung

Alex Izenberg - Caravan Chateau
Der Künstler aus dem San Fernando Valley, Los Angeles ist eine fragile Seele. Bei Izenberg wurde vor acht Jahren paranoide Schizophrenie diagnostiziert, seitdem hat er sich voll in die Musik geworfen. Was sein 2016er Debüt „Harlequin“ ankündigte, führt er auf „Caravan Chateau“ weiter - zarte, in den 60ern festhängende Pop-Songs mit sanfter Entschlossenheit und einer verstärkten Zuwendung zu psychedelischen Teilen. Mit Chris Taylor (Grizzly Bear), Jonathan Rado (Foxygen) und Ari Balouzian (Tobias Jesso Jr.) hatte er auch die richtigen Mitstreiter, die ihn klanglich auf den richtigen Weg leiteten. Manchmal ist das gar etwas zu arg entschlackt, aber man kann dieses Werk auch nicht mit herkömmlichen Parametern messen. 7/10 Kronen

Alain Johannes - Hum
Der 58-jährige Chilene ist so etwas wie das bestgehütete Geheimnis der US-Alternative-Szene. Alain Johannes hat im Laufe seiner Karriere mit Größen wie Queens Of The Stone Age, Mark Lanegan, Chris Cornell, No Doubt oder PJ Harvey zusammengearbeitet und wird von allen rundum als Vollprofi geschätzt. Für die eigenen Soloarbeiten blieb da natürlich nur wenig Zeit, mit „Hum“ hat er nun aber trotzdem sein drittes Album in den Orbit geschickt. Nach den tragischen Todesfällen seiner geliebten Frau Natasha und Freund Cornell erkrankte auch Johannes 2019 schwer. „Hum“ ist ein intensives Werk, das sich um Ängste, Schmerz, Leid, Dunkelheit, Krankheit, Verlust und Wiedergeburt dreht und mit fast schon schmerzender Offenheit von einem wirklich harten Leben erzählt. Fast schon zu normal für Mike Pattons Ipecac-Label, aber eine feine Perle der Songwriterkunst. 8/10 Kronen

Jaako Eino Kalevi - Dissolution Remix EP
Es macht immer Sinn, seine Träume zu verfolgen. Jaako Eino Kalevi ist das beste Beispiel dafür. Der 36-jährige Finne war nämlich jahrelang Straßenbahnfahrer in Helsinki, hat aber nie aufgehört zuhause an Beats zu schrauben und Songs zu komponieren. Über die Jahre wurde zu einem respektierten und geachteten Mitglied der nordischen Elektronikszene und begeisterte zuletzt im Herbst 2019 mit dem Minialbum „Dissolution“. Corona-bedingt muss auch Kalevi öfters Däumchen drehen und hat daher fünf DJ- und Musikerfreunde gebeten, Songs von seinem Werk neuen Remixes zu unterziehen, um sie nun digital zu veröffentlichen. Und fürwahr - Überraschung gelungen. Vor allem die Beiträge von Domenique Dumont und Ultraflex. Ohne Bewertung

Kayo - Reunion
Neun Jahre zwischen Debüt und Nachfolgewerk ist auch nicht ohne. Den gebürtigen Linzer und in Wien wohnhaften Rapper Kayo kann das aber egal sein, denn „Reunion“ macht sofort Lust darauf, sich auch mit dem fernen Frühwerk des Künstlers zu befassen. So ist der Albumtitel Programm und beruft sich auf den Künstler selbst. Die Texte verzichten angenehmerweise komplett auf Dicke-Hose-Klischees, sondern behandeln alltagstaugliche Themen wie gescheiterte Beziehungen, unnötige Vergleiche, Prokrastination oder mangelndes Selbstwertgefühl. Angenehm auch, dass Texta Flip seine Expertise hat einfließen lassen und „Reunion“ damit zu einem Kleinod in der heimischen Musiklandschaft mitgestaltet. 7,5/10 Kronen

Madeline Kenney - Sucker‘s Lunch
Auch in der vermeintlichen Leichtigkeit darf durchaus mal die Schwere stecken. Das ist zumindest der stete Vorsatz der in Oakland beheimateten Madeline Kenney, die auf ihrem dritten Album „Sucker’s Lunch“ Liebessong mit Komplexität verbindet. Produziert wurde das Werk übrigens von Wye Oak und am Titeltrack hört man Lambchop-Mastermind Kurt Wagner als Gaststimme. Das Name-Dropping ist angesichts des starken Materials aber gar nicht nötig, denn der nach außen gekehrte Schmerz aus eigenen Erfahrungen ist auch ohne großes Zutun zu jeder Zeit spür- und erlebbar. Aus Songs wie „Sugar Sweat“ oder „White Window Light“ fließt zeitloser Indie-Schmerz, der aber dennoch immer Hoffnung gibt und Lust auf mehr macht. 7,5/10 Kronen

Land Of Talk - Indistinct Conversations
Hach Kanada. Sehnsuchtsland des gediegenen Indie Rock und nie versiegende Quelle großartiger Künstler und Bands. Land Of Talk sind nur eine weitere Band, die in Europa viel zu Unrecht außerhalb des Indie-Zirkels unter „ferner liefen“ firmiert und längst anständige Hallen füllen sollte. Im Fahrwasser der War On Drugs oder Wolf Parade versteht da Quebec-Kollektiv seinen Sound, der rund um die malerische Stimme von Frontfrau Elizabeth Powell aufgebaut wird. „Indistinct Conversations“ fiel schlussendlich auch dem Corona-Virus zum Opfer und erscheint mehr als zwei Monate später als geplant. Das Warten hat sich aber definitiv gelohnt, denn die Songs sind von betörender Schönheit und sanfter Instrumentierung. Wie ein Gebirgsbach voller Melodien. Auch wenn die Songs in unterschiedlichen Songwriting-Sessions geschrieben wurden, klingen sie wie aus einem Guss. 7,5/10 Kronen

Sebastian Maschat & Erlend Øye - Quarantine At El Ganzo
Die elektronische Indiepop-Band Whitest Boy Alive hat ihren Stammpunkt in Berlin, ist aber quer über den Globus verstreut und spielt somit nur vier Konzerte pro Jahr. Statt dem geplanten Mexiko-Auftritt Ende März wurde Corona-bedingt dann aber ein Ausflug für vier Tage ins Studio im Bundesstaat Baja California Sur. Aufgrund verschiedener Auflagebestimmungen musste sich die Band dort aber trennen und arbeitete dann an unterschiedlichen Ecken an diesem „Behelfsalbum“. Übrig blieben dann als Songwriting-Konstanten Sebastian Maschat und Erlend Øye, die ein wundervoll entspanntes, ruhiges Album zusammengestellt haben. „Quarantine At El Ganzo“ klingt auch wie ein sonniges Urlaubswerk. Es könnte derzeit Schlimmeres geben. 7/10 Kronen

Mora Prokaza - By Chance
Eigenständig und originär zu sein erfordert heutzutage schon sehr viel Erfindungsreichtum. Die aus dem weißrussischen Minsk stammenden Mora Prokaza wissen das natürlich und kreieren schon seit einigen Jahren ihr ganz eigenes musikalisches Süppchen. Beim Metal-Riesen Season Of Mist gelandet, wird die Mischung aus Black Metal und Trap nun auch einer breiteren Publikumsschicht zugänglich. Spätestens seit dem genialen Ghostemane wissen wir, dass scheinbar unvereinbare Stile längst nicht mehr unvereinbar sind. Wobei - früher ging das Duo wesentlich konservativer zu Werke, die neuartigen Einflüsse sind tatsächlich noch sehr neu im Bandkanon zu verorten. Wilde Kreischereien, Klarinette, Saxofon, Doublebass - alles vorhanden. Als ob sich Die Antwoord mit Drudkh und Nokturnal Mortum paaren würden. Dafür braucht man einen stabilen Magen. 6/10 Kronen

NOFX/Frank Turner - West Coast vs. Wessex Split
Warum eigentlich nicht? NOFX und Frank Turner stammen zwar aus zwei verschiedenen musikalischen Welten, teilen sich aber im Großen und Ganzen die Ideologie. Die Split „West Coast vs. Wessex“ ist also durchaus berechtigt und mit der Boxer-Aufmachung samt Zuschreibung (Fat Mike als „Champions“, Turner als „Challenger“) schon mehr humoristisch gelungen. Während die Punk-Legenden mehr oder weniger erwartbar holzen, überrascht Turner vor allem mit dem Emo-Song „Eat The Meek“, der das bunte Treiben aber angenehm Post-Hardcore-mäßig entschleunigt. Je zwei Songs von den NOFX-Alben „Punk In Drublic“ und „So Long And Thanks For All The Shoes“ hat er sich gewählt und zu eigen gemacht und geht damit alles andere als baden. Wunderbare Sommerscheibe und klarer Punktesieg für Turner! Ohne Bewertung

Oehl - Im Spiegel EP
Mit dem Album „Über Nacht“ gelang dem island-österreichischen Duo Oehl vergangenen Winter ein Überraschungswurf in der einheimischen Pop-Szene. Anstatt die tollen neuen Songs aber auf Tour präsentieren zu können, war man dazu gezwungen, sich andere Wege zum im-Gedächtnis-bleiben zu suchen. So haben die beiden Hauptprotagonisten via Social Media andere Musiker dazu aufgerufen, Neuinterpretationen ihrer zarten Electropop-Songs zu kreieren. Die EP „Im Spiegel“ beinhaltet nur sechs solcher Stücke von unterschiedlichen Künstlern wie Mira Lu Kovacs, Culk, Lylit, Children, Berglind und der Isländerin Brynja. Wie wundervoll und träumerisch manche der neuen Songs neu verformt wurden, das hört man am besten selbst. Ein feines Vergnügen. Ohne Bewertung

Max Richter - Voices
Elektronik, Ambient und Klassik sind beim in Deutschland geborenen Max Richter schon immer gleichberechtigt eingesetzt worden. Als Bastler von üppigen Soundtracks und eigenen Alben hat er sich über die Jahre ein demütiges Millionenpublikum erspielt. Das Konzept zu seinem neuen Werk „Voices“ hat er tatsächlich über rund zehn Jahre hinweg entwickelt. Er lud Menschen quer über den Globus dazu ein, ihre Stimme über seine klassischen Klänge zu legen und Lesungen der Menschenrechte in verschiedensten Sprachen einzusenden. Es geht um Gleichberechtigung, Zwischenmenschlichkeit, Respekt, Toleranz und das Verständnis für das jeweilige Gegenüber. „Voices“ funktioniert als allumfassende Botschaft noch besser denn als bloßes Klassikkonzept mit Fremdstimmen. Ein Werk, das weit über das Normale in der Musikwelt hinausgeht. Ohne Bewertung

Romare - Home
In der Londoner EDM-Underground-Szene gilt Archie Fairhurst aka Romare schon länger als eines der bestgehüteten Geheimnisse. Nach zwei Alben und einer ganzen Wagenladung an EPs veröffentlicht der House-Fanatiker dieser Tage auf Ninja Tune sein drittes Album „Home“ und wird einmal niemanden enttäuschen. Nach Jahren des Nomadentums wurde Romare mit seiner Familie nun auf dem Land sesshaft, was sich nicht zuletzt deutlich im Albumtitel widerspiegelt. Die Fragen nach Identität und Zugehörigkeitsgefühl beschäftigen ihn auf Songs wie „Gone“, „Dreams“, „Sunshine“ oder „Heaven“. Die Experimentierfreude hat er sich gottlob behalten, dabei sind seine Songs aber immer zugänglich und fein austariert. Eine weitere Underground-Perle. 7,5/10 Kronen

Sankt Otten - Lieder für geometrische Stunden
Hach, welche wohlige Klänge. Wenn das Osnabrücker Krautrock/Elektro-Duo Sankt Otten alle paar Jahre mit einem neuen Album um die Ecke kommt, dann wähnt man sich sicher und geschützt von all den äußerlichen Katastrophen, die dieses Jahr so allgemein mit sich bringt. „Lieder für geometrische Stunden“. Was für ein schöner Titel! Was für feinsinnige Musik. Auf ihrem elften Album bieten Stephan Otten und Oliver Klemm einmal mehr die wunderbare Gemengelage aus Ambient, Krautrock und Electro, die wir so lieben. Rein instrumental exerziert, garniert mit verheißungsvollen Titeln wie „Sentimentale Sequenzen“, „Die Kunst des falschen Timings“ oder „Die Blumen darfst du behalten“. Da glühen die Synthies und rast das Herz. Ein Zuckerl für Genre-Liebhaber. 7,5/10 Kronen

Thundermother - Heat Wave
Leicht hatte es Filipa Nässil nicht, als ihr vor etwa drei Jahren quasi die gesamte Band auseinanderbrach. Zu einem Zeitpunkt, als sich Thundermother von Schweden aus mit viel Beharrlichkeit, Durchsetzungsvermögen und Liebe zum Rock’n’Roll auf dem Weg nach oben gemacht haben. Nun ist die Bandchefin aber eine richtige Kämpfernatur und hat sich davon niemals verunsichern lassen. Angeführt von der wundervollen Stimme Guernica Mancinis schafft die Rock-Truppe auf „Heat Wave“ tatsächlich den Sprung in neue Qualitätssphären. Wie selbstverständlich mäandern die Rockerinnen zwischen 70er-Nostalgie, Blues Pills und modernen Zitaten und lassen dabei Gitarre und Schlagzeug auch mal auf eine Jon-Lord-mäßig Hammond Orgel treffen. Auch wenn man manchmal zu sehr ins seichte Riffing von AC/DC stößt, „Heat Wave“ ist ein echter Burner. 7,5/10 Kronen

Warkings - Revenge
Ein sich in der Anonymität suhlendes Quartett aus internationalen Top-Musikern soll sich hinter dem Allstar-Projekt Warkings befinden, besagt die Legende. Die auf Napalm Records beheimatete Band besingt mit großer Freude Kriege und Schlachten längst vergangener Tage und gießt diese Kompositionen in stahlharten Power Metal, der in seinen melodischen Momenten durchaus an Hammerfall erinnert, aber in manchen Kapiteln auch mit etwas mehr Durchschlagskraft aufzuwarten weiß. Zwischen Songs wie „Freedom“, „Warriors“, „Odin’s Sons“ oder „Battle Of Marathon“ ist vor lauter testosterongeschwängerter Breitbeinigkeit fast kein Platz mehr zum Luftholen übrig, aber das macht Genre, Platte und Band mitunter auch aus. Musikalisch ist das mehr als souverän und dem modernen Power Metal mehr als würdig. 7,5/10 Kronen

Friedemann Weise - Das Weise Album
Nicht ganz zu Unrecht gibt es haufenweise Menschen, die singenden bzw. musizierende Komiker, Kabarettisten oder Satiriker mit einer Wagenladung Skepsis begegnen. Aber natürlich besteht ein großer Unterschied zwischen Holzhammerhumoristen der Marke Mittermeier/Herbig und fein ziselierten Pointen eines Helge Schneider. Ein hierzulande eher Unbekannter Freund treffender Pointen ist der Gummersbacher Friedemann Weise, der auf pointierte Alltagsbeobachtungen und treffende Sozialkritik setzt, wenn er sich in der Öffentlichkeit artikuliert. „Das Weise Album“ setzt dabei auf Indie-Sounds, Noir-Klänge und Akustik-Pop und begibt sich bewusst nicht in die Kommerzfalle. Komik mit Hirn - das kommt immer gut an. 7/10 Kronen

Wye Oak - No Horizon EP
Wye Oak sind für Liebhaber so etwas wie der „Heilige Gral“ der Indie-Szene. Kaum jemand, der Jenn Wasner und Andy Starck ob ihrer Kreativität nicht über allen Maßen hinaus zu schätzen weiß. Zwei Jahre nach dem letzten Studioalbum gibt es jetzt wenigstens wieder einen Aperitif, der hoffentlich bald zu mehr führen wird. „No Horizon“ versammelt fünf wundervolle Songs, die angenehm richtungslos wirken und gerade durch die gewährte Freiheit einen besonders frischen Kompositionsgeist versprühen. Der Songaufbau ist akustisch und wird vom Brooklyn Youth Chorus verstärkt, aber die Synthie-Elemente, Drum-Patterns und die feine Elektronik geben den Songs eine zeitgemäße Atmosphäre. Manchmal wirken die Songs wie eine ausgedehnte Jam-Session und laden zum Schwelgen und Träumen ein. Natural born talents eben. Ohne Bewertung

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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Montag, 03. August 2020
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