Vokalakademie NÖ

Total im Trend: Singen im Chor macht uns froh

Kultur
05.01.2026 17:00

Gemeinsam Singen liegt im Trend – digital wie real. Mit dem Musizieren boomen auch Workshops und Seminare für engagierte Hobbysänger. Die „Krone“ war bei einem Ensemble-Workshop der Vokalakademie Niederösterreich in St. Pölten dabei. Und hat dabei auch mit Paul Smith, dem Gründer von Voces 8 gesungen.

Singen boomt – im echten Leben und im virtuellen. Chorsingen erfreut sich steigernder Beliebtheit – und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Digitale Profile und Kanäle von singfreudigen Menschen verbuchen spätestens seit der Pandemie mehr und mehr Zulauf. Da gibt es die schwedischen Väter, die im eigenen Wohnzimmer a capella Popsongs trällern; den dänischen Chorleiter, der kreative Einsingübungen teilt; dazu Stimmvirtuosen, die achtstimmige Renaissance-Werke alleine einsingen – digital gemischt und mit Video belegt. Ganz zu schweigen von den unzähligen Gesangs-Coaches und Profi-Ensembles wie Pentatonix, Voces 8 oder den King Singers.

Um sich als Laiensänger oder als kleines Vokal-Ensemble fortzubilden, gibt es in Österreich zahlreiche Möglichkeiten – unter anderem in der Vokalakademie Niederösterreich. Diese programmierte in der Vorweihnachtszeit einen dreitägigen Workshop in St. Pölten, bei dem engagierte Hobbysänger unter fachkundiger Anleitung an ihrem Musizieren feilen konnten – mit prominenten Coaches. Die „Krone“ war mit einem Vokalquartett mit dabei.

Singen in Österreich

  • Allein der Österreichische Chorverband listet knapp 4.000 heimische Chöre mit mehr als 115000 Mitgliedern. Geschätzt sind es mindestens doppelt so viele.
  • Digitale Kanäle von Ensembles, Chorleitern und Gesangscoaches haben die Einstiegshürde für gemeinsames Singen seit der Pandemie deutlich deduziert.
  • Singen stärkt die soziale Interaktion und das Gemeinschaftsgefühl und hat auch körperlich positive Effekte. Es senkt den Cortisol-Pegel, fördert den Bindungsstoff Oxytocin und schüttet Endorphine aus – es wirkt also entspannend, angstlösend und stimmungsaufhellend.
  • Zudem fördert es Eigenschaften wie das Zuhören und die Fähigkeit, Mehrstimmigkeit auszuhalten und (klangliche) Dissonanzen nicht nur zu ertragen, sondern sogar zu genießen.

Die Riege der Referenten klang schon auf dem Papier spannend: Paul Smith, Gründer des weltweit gefeierten britischen Vokalensembles Voces 8, der ehemals bei den legendären King Singers engagierte Colin Mason, dazu die ungarische Gesangspädagogin Judit Morvay und der österreichische Dirigent Simon Erasimus. Die vier Profis arbeiteten mit insgesamt fünf Vokal-Ensembles aus Wien und Niederösterreich an Stücken, die diese mitgebracht hatten – von Alter Musik über Volkslied bis hin zu Pop-Arrangements.

Dabei brachte jeder der vier Coaches einen ganz speziellen Blickwinkel mit ein: Bei Paul Smith ging es ganz viel um das Atmen als musikalisches Gestaltungsmittel: „Die Art, wie wir einatmen, bestimmt, wie die nächste Phrase klingt. Geht das Stück hier neugierig nach vorne? Ist das ein Innehalten oder sogar Bremsen?“ Judit Morvay zeigte spielerisch eine Fülle an Möglichkeiten der Gestaltung auf – mit Blicken, Gesten, dem Wechsel von Verantwortung: „Hört aufeinander, schaut einander an, überlegt gemeinsam, wann wer eine führende Rolle hat in der Musik. All das sieht und hört man.“ Sogar mit geschlossenen Augen gemeinsam im Takt zu bleiben, daran feilte Simon Erasimus: „Holt euch den Taktgeber in eure Körper hinein!“ Colin Mason schließlich legte sein Augenmerk auf sprachliche Feinheiten, auf die auch inhaltlich sinnvolle Gestaltung von ganzen Phrasen und Sätzen: „Wir erzählen vor allem Geschichten!“

Namhafte Referenten in Niederösterreich: Paul Smith von Voces 8, der österreichische Dirigent ...
Namhafte Referenten in Niederösterreich: Paul Smith von Voces 8, der österreichische Dirigent Simon Erasimus, die ungarische Musikpädagogin Judit Morvay und der frühere King-Singer Colin Mason (von links).(Bild: Vokalakademie Niederösterreich)

Wer selbst gerade nicht gecoacht wurde, hatte Gelegenheit, bei den anderen Ensembles zuhören – den fünf Musiklehrerinnen, die zu einem afrikanischen Hochzeitslied eine Body-Percussion erarbeiteten, den vier Familienvätern, die seit Jugendtagen an schwungvollen Pop-Arrangements feilen, dem ehrgeizigen Alte-Musik-Ensemble oder der experimentierfreudigen jungen Gruppe, der gerade die Sopranistin ausgefallen ist. Auch die Fortschritte der anderen Teilnehmer zu beobachten, macht so ein Seminar spannend – vor allem aber zeigt es die unglaubliche Vielfalt des Musizierens.

Voces 8-Gründer Paul Smith (mitte) bei der Arbeit mit dem Vokal-Ensemble revoice im Bildungshaus ...
Voces 8-Gründer Paul Smith (mitte) bei der Arbeit mit dem Vokal-Ensemble revoice im Bildungshaus in St. Pölten. Mit dabei „Krone“-Redakteurin Judith Belfkih ((mitte rechts)(Bild: Vokalakademie Niederösterreich)

Das Fazit der drei Tage? Letztlich geht es beim Ensemble-Singen um Fähigkeiten, die jeder Gruppe guttun: einander zuhören und auf das Gehörte reagieren, Dissonanzen nicht nur aushalten, sondern auch genießen lernen. Andere Stimmen gelten lassen. Nicht lauter sein als die anderen – aber auch nicht leiser.

Mehrstimmigkeit gegen Polarisierung
Was lernt man in drei Tagen von vier Ensemble-Profis? Unterm Strich Vieles, das man auch jenseits des Singens gut gebrauchen kann. Wie man als Gruppe gemeinsam atmet, wie man sich auch mit geschlossenen Augen abstimmt, wie man ein Stück Musik nur mit Blicken gestaltet.

Gemeinsam Singen – egal auf welchem Niveau – schult Kompetenzen, die letztlich auch einer großen Gruppe, ja der ganzen Gesellschaft zugute kommen. Vor allem einer, in der Polarisierungen und eine laute, oft gleichgeschaltete digitale Öffentlichkeit die Debatte prägen.

Hier Mehrstimmigkeit als Reichtum auszukosten und sich an komplexen Zusammenhängen zu erfreuen, ist ein wertvolles Gut. Gerade in einer Welt, die das Zuhören zu verlernen scheint und in der Nuancen im grellen Schwarz-Weiß untergehen. Aufeinander hören, im selben Takt bleiben, andere Stimmen gelten lassen – davon könnten alle profitieren.

Vielleicht sollte es künftig nicht nur Museumsbesuche auf Krankenschein geben, sondern auch das gemeinsame Singen. Der kollektive Nutzen wäre nicht zu unterschätzen.

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