30.07.2020 06:00 |

Neues Studioalbum

Alanis Morissette: Die Mutter aller starken Frauen

Acht Jahre nach ihrem letzten Studioalbum begeistert Alanis Morissette auf „Such Pretty Forks In The Road“ mit schonungsloser Offenheit und einer fast schon schmerzhaften Abhandlung eigener Schwächen. Damit schlägt sie auch die Brücke zu ihrem inneren Ich, das vor 25 Jahren die Rockwelt eroberte.

Emanzipierte Feministin, bevor der Feminismus überhaupt so wirklich salonfähig wurde - das war Alanis Morissette schon vor 25 Jahren. Ihr damals drittes Studioalbum „Jagged Little Pill“ verkaufte sich global mehr als 33 Millionen Mal und machte die damals 21-Jährige über Nacht zum Weltstar. Der Megahit „Ironic“, „You Oughta Know“ oder „Hand In My Pocket“ waren klare Statements einer jungen Frau, die sich in ihren Texten früh gegen all die Verwerfungen und Ungleichheiten dieser Welt gewehrt hat. Morissette war die Stimme der Unterdrückten. Sie war ein Jahr nach dem tragischen Freitod von Kurt Cobain nichts weniger als das weibliche Pendant des ultimativen Grunge-Heros: eine nach außen hin starke, tief im Inneren aber auch sehr verletzliche Persönlichkeit mit Werten und Zielen im Leben, die Ruhm und Glanz niemals über die Kunst stellen wollte.

Ganz normaler Wahnsinn
Dass sie im Laufe der Jahre nicht am ultimativen Riesenerfolg und schlussendlich sich selbst scheiterte, ist auch der Kämpfernatur der heute 46-Jährigen zu verdanken. Ihre Alben erreichten in Nordamerika, Großbritannien und den deutschsprachigen Räumen auch weiterhin hohe Chartplatzierungen, doch weder beruflich und privat wirkte Morissette über die Jahre wirklich glücklich. Nach einigen Liaisonen und gescheiterten Beziehungen fand sie vor exakt zehn Jahren ihr Glück mit Rapper Mario „Souleye“ Treadway, drei Kinder machten das Familienglück perfekt. Doch wo Licht ist, da ist auch viel Schatten und die nach außen hin so starke Künstlerin, seit 25 Jahren Wahl-Amerikanerin, hat gewaltige Päckchen zu tragen. Wochenbettdepressionen, Panikattacken, Unsicherheiten - der ganz normale Wahnsinn, wie ihn du und ich erlebt. Nur eben verstärkt durch das ständige Rampenlicht.

„Such Pretty Forks In The Road“, das Corona-bedingt von April auf Ende Juli verschobene neue Album Morissettes, ist ihr erstes nach acht Jahren und überrascht nur bedingt mit schonungsloser Ehrlichkeit. Bedingt deshalb, weil sich die Rockerin noch nie zu schade war, Missstände aufzudecken und mit den eigenen Problemen in die Öffentlichkeit zu gehen. Freilich ist die ihr so oft zugeschriebene juvenile Wut längst einer gestandenen Reife gewichen, doch ihr Herz hat das Revoluzzertum noch lange nicht hinter sich gelassen. Mit Angriffen und unerklärlicher Wut musste die als „hysterische Feministin“ verschriene Vollblutmusikern schon vor 25 Jahren umgehen, heute sieht sie Ärger und Diskussionen eher als Ansporn, um eigene Meinungen und Ansichten noch stärker in den Vordergrund zu stellen. Die Verletzlichkeit und der Schmerz, die sich durch Themenbereiche wie Sucht, Schlaflosigkeit, das Muttersein und die Depressionen ziehen, befreien in erster Linie Morissette selbst von den Dämonen ihres Selbst.

Persönliche Kämpfe
Die Balladendichte ist aufgrund der thematischen Schwere nachvollziehbar hoch, doch in intensiven Vergangenheitsabhandlungen wie „Diagnosis“ oder dem orchestralen „Reckoning“ kann man zu jeder Zeit versinken. Das ist nicht zuletzt Morissettes einzigartiger Stimme geschuldet, die sich ihren Weg so stark wie seit vielen Alben nicht mehr durch alle Facetten ihres Könnens bahnt und „Such Pretty Forks In The Road“ somit schon rein technisch zu einem Meisterwerk im reichhaltigen Oeuvre der Künstlerin gedeihen lässt. Beeindruckend etwa die in Text gegossene Nähe zwischen Mutter und Kind im berührenden „Ablaze“ oder der in aller Öffentlichkeit ausgetragene Kampf gegen den vorschnellen Griff zur Flasche in „Reasons I Drink“, der Morissette aus vielerlei Gründen eben nicht immer perfekt gelingt. Im dazugehörigen Video personifiziert sie vier verschiedene Charaktere, die mit unterschiedlichen Süchten im Leben klarkommen müssen.

Die Rückschau auf das Missverstandenwerden als später Teenager zu „Jagged Little Pill“-Zeiten steckt in den Details. Einen derartigen Erfolg kann man nicht wie einen Mantel abstreifen, man muss ihn möglichst würdevoll mittragen und stets aktualisiert in die Gegenwart übertragen, was Morissette bislang wesentlich besser gelungen ist als so manch anderen Künstler. Die Produzenten Alex Hope (Troye Sivan, Carly Rae Jepsen) und Catherine Marks (Foals) verstehen es perfekt, die Stimme der Künstlerin stets prägnant in den Vordergrund zu stellen und ihr Grundgerüst bestehend aus Piano und Gitarre begleitend, aber nicht dominant zu präsentieren. Das gibt dem melancholischen Werk nicht nur eine zusätzliche Dringlichkeit, sondern lässt es noch ehrlicher und authentischer fließen. Besonders eindrucksvoll etwa der Schlüsseltrack „Nemesis“, der sich über sechs Minuten hinweg von einer sanften Ballade zu einem eruptiven Discobeat-Stampfer entwickelt. Eine ganz neue Klangfacette, die dem Werk im Finish unheimlich gut zu Gesicht steht.

Perfekte Rolle
Wie sehr die Öffentlichkeit Morissettes künstlerische Identität und auch Integrität unterschätzt hat, kommt auf diesem Album eindeutig hervor. „Such Pretty Forks In The Road“ als bestes Album seit dem Millionenseller „Jagged Little Pill“ zu bezeichnen ist in dieser Hinsicht absolut zutreffend, weil von Instrumentierung über Inhalt bis hin zur Produktion alles auf höchstem Level passiert, ohne sich bewusst und offensiv der Kommerzialität anzubiedern. In einem Umfeld, in dem zukunftsträchtige und starke Frauen wie Phoebe Bridgers, Fiona Apple oder Taylor Swift selbst mit mehr als starken Statements aufwarten, ist Morissette immer noch die brandaktuelle Klammer, die alle Generationen mit beeindruckender Stärke zusammenhält. Nicht umsonst hat sie einst in „Dogma“ Gott gespielt. Eine ihr auf den Leib geschneiderte Rolle.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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