04.07.2020 06:01 |

Viele Musterschüler

Diese Noten geben sich Wiens Politiker selbst

Zeugnisverteilung auch für Politiker. Wer kennt sie nicht, die gfeanzten Lehrer, die ihre Schüler fragen: „Welche Note würdest du dir geben?“ Dieses Konzept haben wir übernommen, die Kandidaten für die Wahl durften sich selbst bewerten. Fazit: In der Selbstwahrnehmung viele Musterschüler, nur einer ohne Beurteilung und ein „Betragens-Vierer“.

Dominik Nepp (FPÖ) - Note 2:
Nepp bewertet seine Leistungen im vergangenen Jahr mit einem Gut. Leicht getan hat er sich in dieser Zeit nicht unbedingt, sagt er: „Es war ein schwieriges und herausforderndes Jahr“, bilanziert der freiheitliche Vizebürgermeister. Dafür gab es aber vielleicht so manchen Lerneffekt. Nepp sieht eine Prüfung als besonders gelungen an: „Wichtig war es, einen sauberen Trennstrich zur Vergangenheit gezogen zu haben.“ Für die große Abschlussprüfung am 11. Oktober ist er jedenfalls motiviert: „Mit voller Freude und Tatendrang geht es weiter.“

Heinz-Christian Strache - Note 2:
Strache von der eigenen Liste sieht sich unter den Musterschülern: „Fachlich gebe ich mir einen Zweier“, sagt er. „In Betragen aufgrund einer Klassenbucheintragung und einer Verwarnung wegen unrühmlichen Verhaltens allerdings einen Vierer. Das werde ich im nächsten ,Schuljahr‘ ab 11. Oktober wieder ausbessern.“ Andere wären nach Ibiza und Spesensumpf ja auch in der Selbstwahrnehmung für immer von der Schule geflogen. Was zur Betragensnote passt: Am Freitag hat Strache die Unterstützungserklärung für sich selbst unterzeichnet - sein Mobil stand dabei erst im Parkverbot, dann auf dem Gehsteig.

Birgit Hebein (Grüne) - Note 1:
Wiens Vizebürgermeisterin sieht sich erstaunlich fehlerlos und fern jeder Selbstkritik. Die Frage nach ihrer Note beantwortet sie so: „Mein Sehr gut gebe ich an alle Mitarbeiter der Stadt Wien, mit deren Unterstützung ich mein Wort halten kann, die Lebensqualität der Wiener zu verbessern“, so Hebein. „Klimaschutz und Soziales zu verbinden reicht von cooler Straße bis Radwegausbau, von Solar-Pflicht im Neubau bis Tausende Bäume pflanzen. So machen wir Wien zur Klimahauptstadt.“ Es ist eben Wahlkampf.

Michael Ludwig (SPÖ) - Note 2:
Der Stadtchef sieht sich als klassischen Zweier-Schüler. „Weil immer Luft nach oben ist. Wir sind im internationalen Vergleich mit anderen Großstädten sehr gut durch die Corona-Krise gekommen“, erklärt der Bürgermeister. „Wir haben Wirtschaft und Arbeitsmarkt stärken können und Impulse im Bildungsbereich gesetzt. Und weil wir auch gut gewirtschaftet haben, konnten wir bereits im letzten Jahr ein ausgeglichenes Budget erreichen.“ Großzügige Schüler sind bei den Klassenkameraden zudem immer beliebt. Ludwig: „Zur Unterstützung der Gastronomie gibt es für alle Haushalte den Gastro-Gutschein.“

Gernot Blümel (ÖVP) - nicht beurteilt:
Blümel verweigert die Beurteilung. Im Gegensatz zu seiner Partei kann er an Ziffernnoten keinen Gefallen finden. „Bewertungen meiner Person überlasse ich anderen“, meint der Finanzminister. In rund drei Monaten wird das auf jeden Fall der Wähler tun. Bis dahin sieht der türkise Spitzenkandidat das Coronavirus als gemeinsamen Gegner, es würde allen um die Bewältigung der Folgen gehen. „Ich arbeite daran, dass Wien gut durch diese Krise kommt. Als Finanzminister im Bund und als Landesparteiobmann in Wien“, kündigt Blümel an.

Christoph Wiederkehr (NEOS) - Note 2:
Der NEOS-Mann gibt sich als Musterknabe, böse Zungen würden wohl „Streber“ sagen: „Als Gesamtnote habe ich eine gute Zwei verdient. Besonders meine Mitarbeit im Fach politische Kontrolle ist hervorzuheben. Ich konnte Missstände beim KH Nord, Freunderlwirtschaft am Christkindlmarkt und den Fördersumpf bei parteinahen Vereinen aufzeigen. Schon vor der Corona-Krise habe ich auf die Probleme im Bildungssystem hingewiesen und Lösungsansätze entwickelt.“ Bis zum nächsten Zeugnis möchte er „noch viele Ideen für bessere Schulen umsetzen“.

So steht’s um Wien (Kommentar)
Wien als Stadt mit zwei Gesichtern - und je nachdem mit wem man redet, erfährt man, welches einem gerade zugewandt ist.

Da hätten wir Wien als die lebenswerteste Stadt der Welt. Ein Satz, den sich viele Politiker von Rot und Grün bestimmt tätowieren ließen. Vielleicht sogar an Stellen, an denen früher Geweihe zu finden waren. Für sie ist alles schön, eine Stadt ohne Probleme, geformt aus Wundern und Regenbogen. Integrationsversagen? Gibt es nicht! Gesundheitsmisere? Wir lassen uns unser Wien nicht schlechtreden. Geförderter Sozialmissbrauch? Arme Menschen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wer am schnellsten wegschaut, gewinnt.

Und dann wäre da noch Wien als Vorzimmer der Hölle. Einige Oppositionspolitiker malen ein Bild des Grauens, das man so nur aus Endzeitfilmen kennt. Wer nicht gerade im Stau steht, wird überfallen oder ermordet. Böse Ausländer nehmen den Wienern Jobs, Wohnungen und sogar Frauen weg - was wohl die Erklärung dafür sein dürfte, warum es in ihren Parteien so wenige gibt. Wien versinkt im Chaos, in Blut, Tränen und Schulden.

Glorifizierung und üble Nachrede. Das alles ist Blödsinn.

Wir zeigen in einer Serie, wie es wirklich um Wien steht. Von den Spitälern über Verkehr bis zur Integration. Was funktioniert, was nicht? Wo sind die Baustellen, was läuft perfekt? Ab morgen geht es los, jeden Sonntag, bis 27. September. So viel darf verraten werden: Ohne Rot-Grün-Sehschwäche und ohne blaues Auge ist vieles klarer.

Michael Pommer, Kronen Zeitung

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