20.03.2020 22:58 |

Lost in Isolation

Königshäuser-News zwischen Kochen und Schulkind

Nicht nur der Großteil der Österreicher, auch ein großer Teil der krone.at-Redaktion befindet sich derzeit zu Hause und versucht - wie alle im Land - sich einen neuen Alltag zu erarbeiten. Ob sture Katzenkörper auf dringend gebrauchten Tastaturen oder Kinder, die, während man einen Artikel fertig kriegen will, lautstark Runde um Runde um den zum Arbeitsplatz umfunktionierten Küchentisch drehen - die Herausforderung, Job, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen, hat eine neue Dimension erreicht. Die unterschiedlichen Facetten dieser vor Kurzem unvorstellbaren neuen Realität wollen wir unseren Lesern natürlich nicht vorenthalten: krone.at lost in isolation.

Viele meistern gerade die größte Herausforderung ihres Lebens. Mir geht es jedenfalls so. Ich hatte geglaubt, dass die IVF meine Meisterleistung gewesen war und dass nichts Schlimmeres nachkommen kann. Nun, falsch gedacht. Jetzt schupf ich Haushalt, Promi-News und Schulaufgaben zugleich.

Keine Geburtstagsparty, keine Geschenke
Mit aller Kraft habe ich damals dieses eine Kind, von dem ich glaube, das es mir bestimmt ist, der Natur abgerungen. Jetzt sitze ich da mit diesem Kind, das ich zu jedem Geburtstag und Feiertag mit Geschenken verwöhnt habe bis zum Gehtnichtmehr und muss ihm erklären, dass es heuer weder eine Geburtstagsparty noch viele Geschenke gibt. Im April jedenfalls nicht. Bevor die Läden geschlossen haben, habe ich ein Geschenk besorgt. Das muss, sollten Pakete möglicherweise auch nicht mehr geliefert werden, reichen. Für Ostern und Geburtstag, beides fällt in diesem Jahr auf denselben Tag. Wir machen es wie die Queen und feiern im Juni, verspreche ich. Bitte schimpfen Sie jetzt nicht, ich sei selbst daran schuld. Das Kind hält das aus. 

Ich halte es nicht aus, weil es mich unendlich traurig macht, und mir kommen die Tränen, wenn ich daran denke. Weil es nicht so ist, wie es immer ist und es sein sollte. Weil ich die letzten Wochen vor dem Shutdown damit verbracht habe, einen sprechenden Hut, Patronus-Poster und Bertie Botts Beans in allen Geschmacksrichtungen für die geplante Harry-Potter-Party zu besorgen. Die Hogwarts-Briefe an die Kinder, die eingeladen werden, liegen versiegelt auf dem Schreibtisch. Ich wünschte, ich könnte eine Schnee-Eule zu allen Freunden meines Kindes mit der Nachricht schicken: Alles wird gut!

Gemeinsam am Küchentisch
Ich hoffe, dass die Beschränkungen wirklich nach Ostern aufgehoben werden können, glaube es aber nicht so ganz. Auch nicht, dass nach Ostern wieder Schule ist. Lernstoff haben wir jedenfalls für Monate bekommen. Viel bringen wir ja nicht weiter. Täglich etwa zwei Stunden, aber die Arbeitsblätter werden nicht weniger, und sollten sie es doch werden, gibt es einen Ordner der Schule zum Ausdrucken im Web. An den Mails unserer großartigen Lehrerin merke ich, dass sie sich Sorgen macht. Sorgen um ihre Kinder. Beim Abschied hat sie uns noch nachgerufen, dass sie alles nachholen wird, sollte nichts klappen. Sie kriegt das hin! Ich weiß das und wir versuchen ebenfalls, es hinzukriegen.

Erstaunlicherweise funktioniert es großartig, dass wir zusammen am Küchentisch sitzen und die Tochter wenigstens ein paar ihrer Hausaufgaben macht. Sie rechnet lustigerweise lieber, als sie schreibt. Bei mir war‘s immer umgekehrt. Ich kann daneben tatsächlich Artikel tippen, Bilder runterladen, Videos anlegen, Mails verschicken. All das, was ich im Großraumbüro auch mache. Sie ist jetzt mein Großraumbüro. Bei der Leseübung mache ich einfach eine kleine Pause und höre ihr zu. Wahrscheinlich habe ich sogar Glück, dass sie sich gut selbst beschäftigen kann. Sie hört Hörbücher und bastelt oder malt daneben. Sie hat gerade ihrer Hermine-Granger-Puppe mit Plastilin neue Kleider an den Körper modelliert. Und ja, wenn ich Ruhe brauche, bekommt sie das iPad, muss aber immer einige Übungen auf der Anton-Lern-App machen, bevor sie in YouTube-Kids abtaucht. 

Kinder, Küche, Neues lernen
Alltag gibt es irgendwie keinen. Jeder Tag ist anders. An einem Tag klappt es besser, am nächsten schlechter. Auch emotional. Wie alles hinkriegen? Daneben zu kochen etwa, strengt mich sehr an. Ich bin es nicht gewohnt, auch für ein Mittagessen sorgen zu müssen. Normalerweise gehen mein Mann und ich in die Kantinen unserer Firmen und das Kind isst, was die Köchin Petra im Hort auf den Tisch bringt. Schinkenfleckern, Bröselnudeln, Grießbrei. Ich hab' es versucht. „Aber es schmeckt nicht wie bei der Petra.“ Die Wochenendküche ist bald durch, und ich kann Fischstäbchen nicht ausstehen. Sie mag kein Risotto, der Mann findet Zucchini-Frittata nicht so prickelnd. Eine Mama hat vor der Schule zum Abschied zu mir gesagt: „Wir werden in der Zeit viel lernen.“

Bei mir wird‘s wohl das etwas geplantere Vorbereiten von Speisen sein. Einmal habe ich es jetzt bereits geschafft, am Abend ein Erdäpfelgulasch vorzukochen, das auch dem Kind schmeckt. 

Ehemann im Off
Wir sind zwar zu zweit im Home-Office, aber da der Mann, der in der IT arbeitet, ständig in Telcos (Telefonkonferenzen) ist, ist er eigentlich nicht anwesend. Den ganzen Tag über. Er arbeitet noch mehr als sonst. Das geht wohl vielen jetzt so. Ich will mich gar nicht beklagen. Ärzte, Pflegende, Supermarkt-Mitarbeiter, IT-Worker, wir Journalisten. Pausen gib es da wenige. Ich weiß, dass ich‘s aushalte. Ich habe nach 9/11 ab 5 Uhr früh bis spät abends den Liveticker gefüttert. Die paar Promi-Meldungen jetzt kriege ich hin. Ja, ich bin die, die gemeinsam mit einer Kollegin, die ich derzeit nur über ein Messenger-Programm treffe, diese ganzen Klatsch- und Royal-Geschichten schreibt und zwischendurch beim Aktuell-Team aushilft.

Ich versuche, wenn ich irgendwie aus dem Bett komme, schon ganz in der Früh zu arbeiten, damit ich am Nachmittag dann Zeit habe, dem Kind Bewegung zu verschaffen. Wir machen Yoga, ich lasse sie im Hof mit dem Rad fahren, wir spielen fangen. Das Kind zeigt mir das Radschlagen und zerkugelt sich über meine schlechte Performance.

Wir bleiben zu Hause
Das Kind versteht sehr genau, was das Coronavirus bedeutet und wie es sich anstecken kann. Händewaschen ist Pflicht. Aber sich nicht ins Gesicht zu greifen, ist eine Katastrophe. „Mich juckt da was, Mama!“ Immer wieder fragt es besorgt, ob ich denn alt bin. Für das Kind bin ich alt. Aber die Oma ist noch älter. Und um die macht es sich große Sorgen. Wie sehr es in ihrem Köpfchen steckt, weiß ich aber erst heute. Das Kind hatte in der Nacht Husten, wie immer um diese Jahreszeit in den letzten Jahren, und war den ganzen Morgen wie weggetreten. Bis es rausgeplatzt ist: „Hab ich Corona?“ Nein! Und wir auch nicht! Bis jetzt. Wir bleiben zu Hause. Flatten The Curve!

Bisher erschienen im Rahmen der krone.at-„Lost in Isolation“-Serie:

Pamela Fidler-Stolz
Pamela Fidler-Stolz
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